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AutorInnen

Prof. Dr. Harald Rüßler
Professor für Sozial- und Politikwissenschaften, Projektleiter im Projekt „Lebensqualität Älterer im Wohnquartier“ (LiW), FB Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund
harald.ruessler@fh-dortmund.de

Janina Stiel
Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Lebensqualität Älterer im Wohnquartier“ (LiW),
FB Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund
janina.stiel@fh-dortmund.de



Aktuelle Rezensionen

Buchcover

Judith Knabe, Rolf Blandow, Anne van Rießen (Hrsg.): Städtische Quartiere gestalten. Kommunale Herausforderungen und Chancen im transformierten Wohlfahrtsstaat. transcript (Bielefeld) 2015. 270 Seiten. ISBN 978-3-8376-2703-9. D: 28,99 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 39,20 sFr.
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Buchcover

Matthias Drilling, Patrick Oehler (Hrsg.): Soziale Arbeit und Stadt­entwicklung. Forschungs­perspektiven, Handlungsfelder, Herausforderungen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2013. 428 Seiten. ISBN 978-3-658-01945-7. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.

Reihe: Quartiersforschung. Research.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum

Im Quartier selbstbestimmt älter werden: Partizipation, Lebensqualität und Sozialraumbezug

Harald Rüßler, Janina Stiel

1. Einleitung

Im Zentrum dieses Beitrags steht das Wohnquartier. Das Quartier, wie immer es auch im Einzelnen begrifflich gefasst wird, ist „in“. Quartiersbezüge bzw. Quartierskonzepte haben in vielen Fachdisziplinen einen hohen Stellenwert. In den Sozial- und Raumwissenschaften (z.B. im Rahmen der Bund-Länder-Gemeinschaftsinitiative „Förderung von Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt“), in der Sozialgeographie, in der Sozialen Arbeit, in der die Gemeinwesenarbeit (wieder) an Bedeutung gewinnt, und nicht zuletzt in der Sozialgerontologie (z.B. quartiersbezogene Wohnkonzepte) spielen das Quartier und dessen (nachhaltige) Entwicklung eine zentrale Rolle.

Dem Wohnquartier und der Wohnung kommt insbesondere im Alter eine herausragende Bedeutung zu (Saup 1993). Bezüglich der Wohnwünsche älterer Menschen sprechen die empirischen Ergebnisse eine deutliche Sprache: die überwiegende Mehrheit möchte selbstbestimmt älter werden und solange wie möglich in vertrauter Umgebung leben (Kremer-Preiß/Stolarz 2003: 8). Als lebensweltlicher Nahraum ist das Wohnquartier ein zentraler Umweltbereich des Alter(n)s. Öffentliche Räume bzw. halböffentliche Übergangsräume (z.B. Hausflure, Gartenwege, Kirchplätze etc.) sind stets sozial produzierte und historisch gewachsene Orte. Im Sinne der Interdependenz von Person-Umwelt-Beziehungen beeinflusst das Wohnumfeld einerseits das Alter(n) bzw. die Lebensqualität im Alter; andererseits kann es als sozial produzierter Sozialraum auch – z.B. barrierearm – (um-)gestaltet werden. Der Beitrag zeigt, dass ältere Menschen hierbei durch Partizipation (Teilhabe und Mitwirkung) selbst eine gewichtige (nachberufliche) Rolle einnehmen können, sind sie doch die ExpertInnen ihrer alltäglichen Lebenswelt bzw. -umwelt. Damit sei in diesem Beitrag bezogen auf die Gruppe der älteren Menschen der Frage nach dem Zusammenhang von Partizipation und Lebensqualität im Sozialraum nachgegangen.

Zurückgegriffen wird hierzu auf das Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Lebensqualität älterer Menschen im Wohnquartier“ (LiW), das an der FH Dortmund durchgeführt wurde.[1] Das LiW-Projekt geht von dem Grundsatz aus, dass die Gestaltung der demografischen Alterung in der Kommune als partizipativer Forschungs- und Entwicklungsprozess anzulegen ist. Zum Einsatz kamen verschiedenartige (qualitative wie quantitative) Forschungs- und Sozialraummethoden (Methodenmix). Auf Basis einer Sozialraumanalyse (Bestandsaufnahme) im Referenzgebiet (Gelsenkirchen Schalke) entwickeln ältere BewohnerInnen im Dialog mit Fachleuten und (politischen) Akteuren in seniorenbezogenen Quartierskonferenzen Maßnahmen, die die Lebensqualität Älterer im Wohnquartier verbessern können. Die Quartierskonferenzen („gut leben in Schalke“) sind ein zentrales prozessbezogenes Instrument partizipativer Quartiersgestaltung. Dabei wirken ältere Menschen als Koproduzenten federführend mit. Damit trägt dieses Bürgerforum auch zur Stärkung der lokalen Demokratie bei. Die Konferenzen wurden im Projektkontext initiiert (soziale Intervention) sowie formativ und summativ evaluiert (Rüßler/Stiel 2013a). Die Quartierskonferenzen sollen allen älteren BürgerInnen potenziell zugänglich sein. Daher galt es von Beginn an Strukturen zu entwickeln und Methoden anzuwenden, die dies ermöglichen. Das zur Anwendung gelangte partizipative Evaluationskonzept ist in hohem Maße projektadäquat: dialoggesteuert und stakeholderorientiert (Beywl 2006: 103ff.) werden alle Beteiligten gleichberechtigt miteinbezogen und kontinuierlich am Bewertungsprozess beteiligt. „Partizipation begründet sich aus einem grundsätzlich demokratischen und demokratiefördernden Grundverständnis von Evaluation“ (DeGEval 2012), d.h.: auch der Evaluationsprozess selbst ist demokratisch angelegt. Die damit zugleich gegebene Perspektivenvielfalt ermöglicht nicht nur ein wechselseitiges Lernen; sie erhöht auch die „Präzision der Evaluationsergebnisse“ (DeGEval 2012). In methodologischer Hinsicht wird, mit Bezug auf Bourdieus Praxeologie (Bourdieu 1987: 147ff.; Bourdieu/Wacquant 2006), von einem ganzheitlichen Forschungsansatz ausgegangen, der sich durch eine wechselseitige Durchdringung von Theorie und Praxis auszeichnet. Theoretische Leitkonzepte (wie z.B. Lebensqualität, Partizipation etc.) stehen demnach nicht für sich, sondern sind auf die (habituelle) Eigenlogik der Praxis bezogen, die im (Begleit-)Forschungsprozess analytisch zur Geltung zu bringen und theoretisch zu präzisieren ist. Eine derart genährte Theorie, hat sich wiederum in ihrer Möglichkeit zur Veränderung der sozialen Wirklichkeit (Problemlösungskompetenz) zu beweisen. Damit sei der Kontext der folgenden Ausführungen hinreichend skizziert.

Zunächst werden in diesem Beitrag die untersuchungsleitenden theoretischen Konzepte erörtert, die angesichts sozialer und demografischer Herausforderungen v.a. für senioren-politische Gestaltungsprozesse in den Kommunen von zukunftsweisender Bedeutung sind. Im Anschluss daran erfolgt die Darlegung des projektbezogenen Partizipationsprozesses, inklusive der Ergebnisse des Zusammenhangs von Partizipation und Lebensqualität bezüglich der Mitwirkung Älterer an der Quartiersgestaltung (output). Der Beitrag endet mit einem Ausblick, der u.a. auf die Auswirkungen des Partizipationsprozesses (outcome) eingeht.

2. Leitkonzepte der Gestaltung des demografischen Wandels vor Ort

Stichwortartig lassen sich folgende Herausforderungen benennen, mit denen sich insbesondere alternde Stadtgesellschaften (wie z.B. die Städte des Ruhrgebiets) in unterschiedlichen Handlungsfeldern primär zu befassen haben (Rüßler 2013). Zum einen geht es um den Ausbau professioneller und zivilgesellschaftlicher Unterstützungs- und Kooperationsstrukturen infolge der zunehmenden Ausdünnung familialer Netzwerke (niedrige Geburtenraten, Kinderlosigkeit, Erwerbstätigkeit beider Geschlechter, Alleinlebende, Alleinerziehende, relativ hohe Scheidungsquoten etc.). Zum anderen geht es darum, die Ressourcen und Potenziale des Alters zu erkennen und Partizipationsstrukturen zu entwickeln, die es ermöglichen, dass Ältere den demografischen Wandel vor Ort entscheidend mitgestalten können. Handlungsleitend ist ein Denken, das die vielfältigen Kompetenzen älterer Menschen, ihre Selbständigkeit und Selbstbestimmungskompetenz beachtet und sie als verantwortlich Handelnde partizipativ mit einbezieht. Alter(n) ist nicht nur mit Risiken, sondern vielmehr mit Chancen verbunden.

Die Leitkonzepte, die vor diesem Hintergrund für die Gestaltung der alternden Stadtgesellschaft als zentral erachtet werden (Köster/Rüßler/Stiel 2012), werden jetzt vorgestellt. Dabei gilt die Erhaltung bzw. die Verbesserung der Lebensqualität älterer Menschen in ihrem Wohnquartier als zentrales Ziel.

Lebensqualität

Unterschieden werden drei Varianten: Lebensqualität als Ausdruck objektiver Lebensbedingungen, Lebensqualität als Ausdruck subjektiven Wohlbefindens sowie der integrative Ansatz, der objektive Lebensbedingungen und subjektives Wohlbefinden miteinander verzahnt. Favorisiert wird der integrative, sozialwissenschaftlich geprägte Ansatz; entwickelt wurde dieser von Wolfgang Glatzer und Wolfgang Zapf im Rahmen ihrer empirischen Wohlfahrtsforschung zur Lebensqualität in der Bundesrepublik Deutschland (Glatzer/Zapf 1984).

Lebensqualität ist danach ein multidimensionales Konzept (Noll 2000: 3); es umfasst

  • materielle wie immaterielle Faktoren
  • objektive und subjektive Aspekte
  • individuelle und kollektive Wohlfahrtskomponenten

Und: es betont das „Besser“ gegenüber dem „Mehr“ (ebd.).

Gemäß diesem Verständnis sind in Anlehnung an Glatzer/Zapf (1984: 25) vier verschiedene Wohlfahrtspositionen denkbar:

Tab. 1: Wohlfahrtspositionen

 

Subjektives Wohlbefinden

gut

schlecht

Objektive
Lebens-bedingungen

gut

WELL-BEING

DISSONANZ

schlecht

ADAPTION

DEPRIVATION

Ein relativ hohes Lebensqualitätsniveau einer (Stadt-)Gesellschaft läge demzufolge vor, wenn sich ein vergleichsweise großer Anteil der Bevölkerung im Well-Being-Quadrant befände; schlecht wäre die Lebensqualität im Deprivationsfeld. „Dissonanz bezeichnet die inkonsistente – auch als ‚Unzufriedenheitsdilemma‘ bezeichnete – Kombination von guten Lebensbedingungen und Unzufriedenheit und ‚Adaption‘ die – auch ‚Zufriedenheitsparadox‘ genannte – Verbindung von schlechten Lebensbedingungen und Zufriedenheit“. (Noll 2000: 11). Insbesondere unter älteren Menschen trifft man nicht selten auf Personen, die „als ‚adaptiert‘ zu bezeichnen sind. (…) Hiermit ist gemeint, dass die generelle Lebenszufriedenheit im Alter recht stabil ist, obwohl man annehmen könnte, dass aufgrund zunehmender Verlusterfahrungen auch das subjektive Wohlbefinden eingeschränkt sein müsste“ (BMFSFJ 2002: 73f.).

Fragt man danach, was „gute“ Sozialräume für das Alter(n) in städtischen Wohnquartieren auszeichnet, dann sind die o.g. Faktoren/Aspekte von Lebensqualität ganzheitlich in den Blick zu nehmen. D.h.:

  • die materiellen (z.B. das ökonomische Kapital des Quartiers: Einkommensspielraum, Wohnbedingungen etc.) und immateriellen Faktoren (z.B. das soziale/kulturelle Kapital im Wohnumfeld: soziale Netzwerke, die Bildungseinrichtungen/-ressourcen),
  • die kollektiven Wohlfahrtskomponenten (z.B. eine generationensolidarische staatliche bzw. kommunale Sozialpolitik/Seniorenpolitik) und die individuellen Wohlfahrtskomponenten (z.B. Unantastbarkeit der Menschenwürde, Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit etc.).
  • die objektiven Lebensbedingungen (z.B. die Infrastruktur des Wohnquartiers: Versorgungseinrichtungen, Grünanlagen etc.) und das subjektiveWohlbefinden (z.B. allgemeine und bereichsbezogene Lebenszufriedenheit der Quartiersbewohner) und

Partizipation

Partizipation meint sowohl Teilhabe an gesellschaftlichen oder gemeinschaftlichen Lebensbereichen (soziale Partizipation) als auch politische Einflussnahme (politische Partizipation). Die Trennung ist eher analytischer Natur. Denn in der Handlungspraxis kommt es oft zu (untrennbaren) Überschneidungen. Begreift man „Politik als Gestaltung von Lebensweisen in allen gesellschaftlichen Bereichen“ (Roth 2011: 80), dürfte „eine feinsäuberliche Trennung“ (ebd.) eher schwer sein. D.h.: beide Formen sind empirisch betrachtet eng miteinander verknüpft (van Deth 2001). So ist z.B. soziales bürgerschaftliches Engagement zugleich „ein bedeutender Faktor für politisches Engagement“ (ebd.: 196). Und ein vergleichsweise „hohes Maß an sozialer Partizipation geht mit einem höheren Niveau politischen Engagements einher“ (ebd.). Im Zentrum des Begriffs steht das “Mit“ (Roth 2011: 78). Dieses kann „von der bloßen Anhörung und Konsultation über die Mitbestimmung bis zur Mitgestaltung im Sinne der Umsetzung von Entscheidungen und Projekten“ (ebd.: 78) ausgestaltet sein. Nicht selten werden hierzu Stufenleitermodelle, die z.B. von Nicht-Beteiligung bis hin zu Formen der Selbstorganisation/-verwaltung reichen, bemüht (Schnurr 2011: 1073ff; Köster/Schramek/Dorn 2008: 24ff.). Folgt man Roth weiter, dann verweist das „Mit“ zudem „auf eine Mehrzahl von Beteiligten und schließt die Anerkennung einer Pluralität von Sichtweisen, Bedürfnissen und Interessen ein“ (Roth 2011, S. 79).

Bezogen auf Beteiligungsprozesse von (älteren) BürgerInnen im Sozialraum geht es schließlich noch um folgende Perspektiven, die mit Partizipation u.a. verbunden sind. Zum einen: Stärkung der (lokalen) Demokratie durch direktdemokratische (deliberative) Beteiligungsformen (z.B. Dialog- bzw. Quartierskonferenzen), die das repräsentative System ergänzen. Zum anderen: Gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am Prozess der Willensbildung (emanzipatorische Perspektive). Damit wird zugleich die Idee einer solidarischen Bürgergesellschaft favorisiert, d.h. eine Gesellschaft in der die BürgerInnen durch Engagement und Partizipation (Mitwirkung und Mitbestimmung) die Geschicke des Gemeinwesens nachhaltig prägen können. Nachhaltige Sozialraumentwicklung bedeutet folglich nicht nur die Bewahrung und Fortentwicklung baulicher und infrastruktureller Substanz, sondern macht im Besonderen die Änderung sozialer Mitgestaltungspraktiken erforderlich, so dass Wohnquartiere auch zu Partizipations-, Aktions- und Lernorten für ältere Menschen werden. Dabei ist von dem Grundsatz auszugehen, dass das institutionelle Design demokratischer Partizipation authentische und nachhaltige Teilhabe ermöglichen muss. Wird Partizipation bloß als Erlaubnis zur Äußerung von Ansichten initiiert bzw. gar inszeniert, führt dies nicht selten zu Verdrossenheit und Abwehr.

These ist, dass insbesondere zwischen Partizipation im Sozialraum und Lebensqualität ein enger Zusammenhang besteht. Genauer: Lebensqualität im Alter ist abhängig von Art und Ausmaß individueller Teilhabe an der Mitgestaltung gesellschaftlicher Umwelten und deren (selbst)kontrollierter Bewältigung im Rahmen personeller Bedürfnisse, Kompetenzen und lebenslagebedingter Möglichkeiten.

Sozialraum

Da der Wohnung und dem Wohnumfeld im Alter eine große Bedeutung zukommt, ist der konzeptionelle Bezug auf den Sozialraum Wohnquartier evident. Welches Sozialraumverständnis liegt dem Quartiersbezug zugrunde? Favorisiert wird ein handlungstheoretisches bzw. relationales Sozialraumverständnis, so wie es Löw (2001) entwickelt hat. Damit wird auf einen erweiterten Raumbegriff Bezug genommen (Riege 2007: 377). Danach kann der Sozialraum differenziert werden nach

  • dem geographisch-physischen bzw. administrativen Raum (Territorium): der Raum des Stadtgebiets, des Wohnquartiers, des Wohnhauses etc.
  • dem Wahrnehmungsraum: der Raum individueller Wahrnehmung und Bewertung (z.B. Angsträume, Orte, die als angenehm und schön empfunden werden etc.),
  • dem Aktionsraum: „Welche Aktivitäten spielen sich im Raum ab? Welche Wege werden typischerweise eingeschlagen, welche typischerweise nicht? (…) Wie unterscheiden sich derartige Aktionsräume von z.B. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, Männern und Frauen (…)?“ (ebd.: 378f.).

Was ist in diesem Kontext ein (Wohn-)Quartier? In der Literatur sind unterschiedliche Definitionen zu finden:

  • „Mit ‚Quartier‘ ist die überschaubare Wohnumgebung gemeint, wobei es sich um eine Wohnsiedlung, ein städtisches Wohnviertel, aber auch um eine kleinere Gemeinde oder ein Dorf handeln kann“ (Kremer-Preiß/Stolarz 2005: 11).
  • „‘Quartier‘ bezeichnet einen sozialen Raum, der kleiner als ein (administrativ abgegrenzter) Stadtteil, aber durchaus vielfältiger sein kann als ein Wohngebiet, das planungsrechtlich nur dem Wohnzweck dient“ (Alisch 2002: 60).
  • „Ein Quartier ist ein kontextuell eingebetteter, durch externe und interne Handlungen konstruierter, jedoch unscharf konturierter Mittelpunkt-Ort alltäglicher Lebenswelten und individueller sozialer Sphären, deren Schnittmengen sich im räumlich-identifikatorischen Zusammenhang eines überschaubaren Wohnumfelds abbilden“ (Schnur 2008: 40).
  • Quartiere sind „(selbst-)definierte Räume (…), die sowohl von innen, aus dem Quartier heraus, als auch von außen (re)konstruierbar sind. Quartiere haben für die identifikatorischen Zusammenhänge von Menschen oft eine große Bedeutung (z.B. Identifikation mit dem Wohnumfeld). Zudem erfüllen Quartiere für die Quartiersbevölkerung vielfältige Funktionen (Wohnen, Bildung, Arbeit, Freizeitgestaltung soziale Kontakte, Erholungsraum usw.)“ (Oehler/Drilling 2010: 207).

Wie die Definitionen zeigen, gibt es in der Literatur „kaum ein schlüssiges Konzept der Quartiersabgrenzung“ (Schnur 2008: 39). Vor diesem unbestimmten kategorialen Hintergrund wird hier das Wohnquartier als ein spezifischer Sozialraum begriffen, der im Wesentlichen durch Folgendes gekennzeichnet ist:

  • er ist sozial produziert bzw. (um-)gestaltbar,
  • er erfüllt vielfältige (soziale) Funktionen,
  • er ist überschaubar und primär lebensweltlich geprägt,
  • er beeinflusst die Wahrnehmungen und Handlungen der QuartiersbewohnerInnen,
  • und er bietet Identifikationspotenziale.

Saup zufolge haben besondere sozial-räumliche Umweltpräferenzen bzw. -merkmale eine hohe Priorität für ältere Menschen. Diese stellen auch im Hinblick auf die Verbesserung der Lebensqualität etwa durch die Teilhabe Älterer als Koproduzenten der Quartiersgestaltung eine sinnvolle Heuristik dar. Im Einzelnen sind dies (Saup 1993: 82ff.): Erreichbarkeit und Zugänglichkeit, Sicherheit, Vertrautheit, Unterstützung, Anregung und Stimulierung, Orientierung und Umweltkontrolle. Diese Merkmale haben in ihren wechselseitigen Verschränkungen, Bezügen und Bedingungen erhebliche Einflüsse auf die Lebensqualität Älterer im Wohnquartier (Köster/Rüßler/Stiel 2012).

Wie gestaltet sich vor diesem begrifflichen Hintergrund der partizipative Prozess, der sich zum einen primär auf die Quartierskonferenzen „gut leben in Schalke“ bezieht, zum anderen aber auch auf die Projektevaluation selbst (partizipative Evaluationsforschung)? Auf diesen Beteiligungsprozess ist jetzt näher einzugehen.

3. Partizipation und Lebensqualität – Phasen des Beteiligungsprozesses

Die Darstellung des Partizipationsprozesses (Prozessgüte) sowie die damit verknüpften Ergebnisse (output) folgen zum besseren Nachvollzug dem Phasenverlauf des LiW-Projekts. Abschließend wird ein Blick auf die Auswirkungen (outcome) geworfen.

(1) Handlungs- und Untersuchungsfeld partizipativ bestimmen

Zunächst ging es darum, das Untersuchungs- und Handlungsfeld zu erschließen (gesucht war ein ruhrgebietstypisches Quartier als Referenzgebiet) – bestimmt wurde dieses in gleichberechtigter Weise von den Wissenschaftlern und den Praxispartnern im Rahmen der zu Beginn eingerichteten Projekt-Steuerungsgruppe.[2] Diese Projektinstanz entschied sich, auf der Basis eines Sets von quantitativen und qualitativen Indikatoren, die zuvor erstellt wurden, im Konsens für den Stadtteil Schalke als Referenzgebiet (Köster/Rüßler/Stiel 2012: 418). Infolge dieser Entscheidung wurde die Steuerungsgruppe um Vor-Ort-Akteure erweitert.[3] Wissenschaftler und Praxis-Stakeholder sind damit von Anfang an in einen kollektiven kommunikativen Diskurs partizipativ eingebunden, dies unter klarer Beachtung ihrer unterschiedlichen Rollen. Die EvaluationsforscherInnen fungierten als dialogische Prozessbegleitende, die „den Projektverlauf aus einer Außen- und einer Binnenperspektive heraus analysieren“ (von Kardorff 2006: 71) und in Abständen (Teil-)Ergebnisse diesem Gremium zur gemeinsamen Diskussion und Abstimmung stellten, das daraufhin wiederum die nächsten Schritte gemeinsam festlegte.

(2) Handlungsprobleme identifizieren und Themenschwerpunkte festlegen

Grundlage für die Identifikation von Handlungsproblemen war erstens die Sozialraumanalyse in Form einer quantitativen schriftlichen Befragung, die sich an 1.000 zufällig ausgewählte EinwohnerInnen des betreffenden Stadtteils im Alter von 60 Jahren und älter richtete. Die Befragung erreichte einen Rücklauf von 42% und ist repräsentativ für ein „Stück Ruhrgebiet“. Auf die Ergebnisse (Köster/Rüßler/Stiel 2012: 419ff.) ist hier nicht näher einzugehen. Hier aber eine Übersicht zur Soziodemografie der älteren Bevölkerungsgruppe:

Die große Mehrheit der Befragten lebt gern in Schalke (87%), dies auch schon sehr lange (68% seit 30 Jahren und länger) und möchte dort auch so lange wie möglich leben (88%), was auf eine starke örtliche Identifikation schließen lässt. 57% der Befragten leben, meist verheiratet, in Zweipersonenhaushalten, 39% leben allein, überwiegend verwitwet. Die Gruppe der Älteren zwischen 70 und 79 Jahren ist in der Befragung am stärksten vertreten (39%); gut 36% sind zwischen 60 und 69 Jahre alt und knapp 25% sind 80 Jahre und älter. Das Alter ist weiblich: der Anteil der Frauen beträgt insgesamt 62%, er steigt mit zunehmendem Alter von 48% bei den 60-69jährigen auf 72% bei den über 80jährigen. Der größte Anteil der Befragten besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft (92%), Menschen mit Migrationsgeschichte (ohne deutsche Staatsbürgerschaft) sind erwartungsgemäß leicht unterrepräsentiert (8% in der Befragung zu 11% in der Grundgesamtheit). Die absolute Mehrheit der Befragten ist bezüglich des ehemaligen Berufsstatus entweder Arbeiter/in (34%), Vorarbeiter/in (5%) oder Angestellte/r (46%) gewesen. Die Quote der höchsten formalen Bildungsabschlüsse ist niedriger im Vergleich zum Bundesdurchschnitt. Der Anteil Wohneigentümer zu Mietern beträgt 23% zu 77% und verweist bereits auf geringe monetäre Handlungsspielräume. Die Betrachtung des Nettoäquivalenzeinkommens zeigt deutlich: Mindestens 20% sind bereits von Altersarmut betroffen (relative Armut, 0-50% vom Median des Äquivalenzeinkommens im Befragungsjahr 2011, entspricht ca. 0-800€, Datengrundlage: European Union Statistics on Income and Living Conditions EU-SILC, vgl. Statistisches Bundesamt 2013), weitere 29% sind armutsgefährdet (Armutsgefährdungsgrenze, 60% vom Median des Äquivalenzeinkommens, entspricht ca. bis 1.000€). Besonders stark von Altersarmut betroffen ist die Gruppe der Älteren mit Migrationsgeschichte, ein höheres Risiko besteht auch für die über 80 jährigen, Alleinlebende und Frauen.

Die weiteren Ergebnisse der Befragung werden den Anwesenden auf der Auftaktveranstaltung (1. Quartierskonferenz) präsentiert und ihnen – im Rahmen eines World-Cafés – zur Diskussion gestellt. Die Beteiligungsmethode des Word-Cafés legte die zweite Grundlage zur Identifikation von Handlungsproblem, die von den älteren BewohnerInnen mit Blick auf ihre Lebenspraxis (implizit) zum Ausdruck gebracht werden. Das Design eines World-Cafés ermöglicht es einer größeren Teilnehmerzahl verteilt an kleinen Tischgruppen aufeinander aufbauende Gespräche zu führen und gleichzeitig Teil eines größeren, vernetzten Dialogs zu bleiben. Diese Methode ist eine aktivierende, die es den Teilnehmenden ermöglicht, selbst zu Wort zu kommen und ihre Anliegen vor dem Hintergrund der Befragungsergebnisse selbstbestimmt zu entwickeln (Brown/Isaacs 2007; Steier u.a. 2008). Gleichzeitig wird damit die quantitative schriftliche Befragung methodisch kontrastiert. U.a. wurde dabei deutlich, dass empirische Daten im Diskurs mit den Beteiligten anders eingeordnet werden und einen anderen Stellenwert erhalten, der alleine durch die Ergebnisse der schriftlichen Befragung nicht erkennbar war. Relativiert wurde z.B. die relativ hohe Zustimmung in der Befragung zum Themenbereich „Sicherheit/Sauberkeit“ im Wohnquartier (gut 70% fühlen sich in der Umgebung ihrer Wohnung/ihres Hauses sicher; 58% halten ihre Wohnumgebung für sauber und ruhig).

Aus der schriftlichen Befragung und den Ergebnissen des World Cafés kristallisierten sich 10 Themenbereiche heraus, die den älteren SchalkerInnen wichtig erschienen. Auf der Folgekonferenz ging es darum, daraus die fünf dringendsten Handlungs- bzw. Themenfelder zu bestimmen und Gruppen zu bilden, in denen diese Themen dann in Workshops bearbeitet werden. Durch eine Mehrpunkteentscheidung stimmten die KonferenzteilnehmerInnen darüber ab: in den folgenden fünf Arbeitsgruppen, werden die fünf als am wichtigsten erachteten Handlungsprobleme aufgegriffen, im weiteren Verlauf besprochen und Lösungen hierzu erarbeitet.

  • „Sicherheit und Sauberkeit“,
  • „Gemeinschaftliches Zusammenleben“,
  • „Wohnen und Wohnumfeld“,
  • „Mobilität und Verkehrssicherheit“ und
  • „Öffentlichkeitsarbeit“.

Sodann konstituierten sich die Workshops und nahmen moderiert durch professionelle Fachkräfte die Arbeit auf. Oft war es schwierig, zu einem gemeinsamen Gespräch zu kommen. Einander zu hören und sich gegenseitig ausreden lassen gelang auch nicht immer. Dies zeigt: Prozesse deliberativer Partizipation sind auch Lernprozesse. Das gilt auch für die Art und Weise der Moderation solcher Verfahren.

Primärer Modus der Teilhabe ist der gleichberechtigte Diskurs in Gruppen. Im Zeitraum von ca. zweieinhalb Jahren haben bisher 13 Konferenzen stattgefunden, die ersten 9 wurden im Projektzeitraum evaluiert (formativ/summativ), die weiteren fanden begleitet durch die Stadt statt, die diese Dialogforen in Schalke weiterführt (Stichwort: Soziale Nachhaltigkeit). Die Konferenzen sollen allen älteren BürgerInnen des Wohnquartiers zugänglich sein. Dies wird ermöglicht durch niedrigschwelligen Zugang und Wertschätzung. Beides findet seinen Ausdruck in der Wahl eines quartiersbekannten, seniorenfreundlichen Versammlungsorts, stets persönliche Einladungsschreiben seitens der Stadt, Anwesenheit des Oberbürgermeisters und der Sozialdezernentin bei der Auftaktveranstaltung, Bewirtung während der Konferenzen, filmische Dokumentation des gesamten Prozesses, eine verständigungsorientierte Moderation der Arbeitsgruppen, authentisches Interesse der WissenschaftlerInnen am lebensweltlichen Expertenwissen der Beteiligten (Wissenschaft auf Augenhöhe) und an deren kommunikativer Teilhabe und Artikulation etc.

Die (Themen-)Workshops wurden fortwährend von den Wissenschaftlern nicht-teilnehmend beobachtet, protokolliert und strukturiert aufbereitet. Den ModeratorInnen sowie den Gruppen wurden die jeweiligen Ergebnisse bis zur nächsten Zusammenkunft schriftlich zur Verfügung gestellt, als Informationsmaterial für die Weiterarbeit und – nicht zuletzt – zur Begutachtung durch die Gruppe der aktiven Älteren (WorkshopteilnehmerInnen). Diese brachten sich damit (wieder) auf den Stand der Diskussion, nahmen inhaltliche Korrekturen, Feinjustierungen und Ergänzungen vor.

Die Gruppe der aktiven Älteren, also die Stakeholder, die als Koproduzenten die Themen und Wege des quartiersbezogenen Gestaltungsprozesses im Konferenzrahmen bestimmen, avanciert damit, neben der Steuerungsgruppe, zur richtungweisenden Evaluationsinstanz, die das Projekt begleitet und begutachtet („objektiviert“ wurde diese Prozessbewertung durch die KonferenzteilnehmerInnen durch eine Trendanalyse, s.u.). Durch die ständige Rückbindung der (Zwischen-)Ergebnisse an diese beiden Evaluationsinstanzen und den damit einhergehenden Rückkopplungsschleifen (Iterationen), kommt es in patizipativen Evaluationsprozessen zu vielfältigen informellen und impliziten Lernprozessen für alle Beteiligten.

Bleibt an dieser Stelle festzuhalten: diese Formen der projektbegleitenden kommunikativen Validierung (dialogische Bewertung) sind ein guter Garant für eine kontinuierliche Ergebnissicherung (Validität), die zudem noch durch die Methodentriangulation gefestigt wird.

(3) Sozialraumerkundung mit älteren und durch ältere Menschen

Ab der dritten Konferenz begann die systematische Arbeit in den einzelnen Workshops, wobei Beginn und Ende der Konferenzen immer gemeinsam im Plenum gestaltet wurden. Gemäß des dreidimensionalen Sozialraumbegriffs erweitert sich das Evaluationssetting um sozialraumbezogene Beteiligungsmethoden. Aneignung bzw. Einbezug sozialräumlichen Praxiswissens erfolgte in jeder Gruppe mit den gleichen Sozialraummethoden (Deinet 2009): Nadelmethode und Stadtteilbegehung (Konferenzen drei bis fünf).

Die Nadelmethode dient zur Identifikation von Orten im Stadtteil, die mit Blick auf das jeweilige Themenfeld von den Älteren als problematisch bzw. vorbildlich einschätzt werden. „Die Nadelmethode ist ein animatives Verfahren zur Bezeichnung von charakteristischen Orten auf einem Stadtplan“ (Krisch 2009: 78). Ihren Ursprung hat sie in der sozialräumlichen Kinder- und Jugendarbeit. Sie lässt sich aber auch gut in der Arbeit mit älteren Menschen anwenden (Knopp 2009; Bleck u.a. 2013: 10f.). Sie ist niedrigschwellig und spricht die Beteiligten als Lebenswelt-ExpertInnen ihres Quartiers unmittelbar an. Mittels farbiger Stecknadeln werden verschiedene Orte („schlechte“ und „gute“) auf einer Stadtteilkarte sichtbar gemacht. Auf diese Weise bilden sich „subjektive Landkarten“ (Deinet 2009: 72), diese vermitteln aus je individueller Sicht zusammengenommen ein differenziertes Ortsbild. Anhand der Markierungen erfolgte dann die Planung von Routen durch das Quartier für die anschließenden themenbezogenen Stadtteilbegehungen.

Die Stadtteilbegehung (Krisch 2009: 88ff.; Deinet 2009: 65ff.) eignet sich gut als Anschlussinstrument der Nadelmethode. Der Stadtteil wird mit kleineren Gruppen auf von ihnen vorgeschlagen Routen begangen „und zugleich werden ihre Interpretationen der sozialräumlichen Qualitäten dieser Räume mittels Diktiergerät und Fotoapparat dokumentiert“ (Knopp 2009, S. 158). Raumwahrnehmungen (Nadelmethode) und aktionsräumliches Wissen und Erfahrungen (Stadtteilbegehung) ergänzen sich, werden modifiziert oder erweitert. Insbesondere wegen der konkreten akustischen und visuellen Eindrücke (z.B. die problematische Überquerung stark befahrener, geräuschintensiver Straßen, ruhige für den Autoverkehr gesperrte Nebenwege, überquellende Flaschen- und Papiercontainerstandorte etc.) kommen wichtige Erkenntnisse hinzu (Bleck/van Rießen/Knopp 2013: 11f.

In der sechsten Konferenz wurden dann die gesammelten Materialien (Foto, Protokolle, Stadtpläne mit Nadeln) gesichtet, in Poster-Form aufbereitet und präsentiert, notwendige Verbesserungsmaßnahmen formuliert und in eine Bearbeitungsreihenfolge gebracht.

Der partizipative Evaluationsansatz greift hier auf sozialräumliche Beteiligungsmethoden zurück, da mittels dieser Methoden nicht nur die handlungsstrukturierenden Wirkungen sozialräumlicher Tatbestände (Sozialraumreproduktion) unmittelbar transparent werden (z.B. Zwangspausen auf dem Straßen-Mittestreifen, wegen fußgängerfeindlicher Ampelschaltungen), sondern gleichermaßen (Um-)Gestaltungsalternativen (Sozialraumproduktion) eine handlungspraktische Gestalt annehmen können (z.B. Beseitigung der allein am Autoverkehr orientierten Ampelschaltung). D.h. der Sozialraum wird als eine Bedeutungsstruktur fassbar, die Beschränkungen und zugleich Handlungschancen aufzeigt.

Eine weitere Besonderheit liegt darin, dass mit diesen Methoden (einschließlich der Posterpräsentation) die diskursive Form von Partizipation (Mitwirkung/Mitgestaltung) aktionsbezogen erweitert wird. Daneben übernehmen mit Sicht auf die Stadtteilbegehungen freiwillig dazu bereite Personen aus der Gruppe der aktiven Älteren ausschnitthaft die Ko-ForscherInnen-Rolle, da sie jeweils ausgestattet mit Fotoapparat und Protokollbogen, selbst die Sozialraumerkundungen nach Abstimmung in ihren Gruppen bildlich und schriftlich festhalten, währenddessen die professionellen Sozialwissenschaftler den gesamten Vorgang nicht-teilnehmend beobachteten. In die Aufarbeitung des Materials (Formulierung von Zwischenergebnissen) durch die Sozialforscher gingen die Protokollnotizen der Gruppenprotokolleure und die der WissenschaftlerInnen abgleichend gemeinsam ein.

Auch wenn das LiW-Projekt die Ko-Forscherrolle nicht systematisch eingerichtet hat, so hat es doch für die Ortserkundung auf dieses Element partizipativer Forschung zurückgegriffen. Das war für den Prozess insofern förderlich als sich in den Gruppen Raumaneignung („…hier bin ich noch nie lang gegangen“) und Raumerfahrung („… das hier ist das alte Polizeigebäude“) wechselseitig und abwechselnd selbstlernend vermittelten. Schließlich sprachen auch pragmatische Gründe für diese Variation: weder die ModeratorInnen noch die Fachkräfte, sondern nur die Älteren selbst sind als Gruppe die ExpertInnen ihres Quartiers. Immerhin wohnt fast die Hälfte der eingangs Befragten Schalker SeniorInnen 40 Jahre und mehr im Stadtteil.

(4) Konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Lebensqualität im Quartier und Ermittlung der Prozesseffekte (Output)

Ab der siebten Konferenz planen die Beteiligten in den Workshops, welche Maßnahmen sich wie realisieren lassen, welche AnsprechpartnerInnen der Stadtverwaltung oder welche ExpertInnen zu einem Gespräch eingeladen werden könnten.

  • So setzt sich beispielsweise die Gruppe Öffentlichkeitsarbeit das Ziel, die bestehenden Angebote für Ältere im Stadtteil bekannter zu machen und lud dazu die Redakteurin einer lokalen Zeitung ein, um über die Möglichkeit einer Zeitungsseite speziell für ältere Gelsenkirchener zu sprechen.
  • Die Gruppe Gemeinschaftliches Zusammenleben besuchte die örtliche Moschee, um Kontakt zu MigrantInnen im Quartier aufzubauen.
  • Die Gruppe Sicherheit/Sauberkeit, die sich u.a. mit Orten der Verschmutzung (überfüllte und unsaubere Glas-, Papier- und Containerstandorte) auseinandersetzt und Ursachen und Lösungsmöglichkeiten hierzu diskutiert, konfrontierte die zuständige Verwaltungsmitarbeiterin, die zur Konferenz eingeladen wurde, mit dieser Thematik.
  • Die Gruppe Wohnen/Wohnumfeld verfolgt zum einen das Ziel, mehr seniorengerechte, bezahlbare Wohnungen in Schalke durch Neu- oder Umbau zu schaffen. Dazu haben sie u.a. geeignete Objekte identifiziert und, wo es ging, Eigentümer eingeladen um ihre Ideen zu besprechen.

Vor dem Hintergrund der skizierten Lern- und Entwicklungsschritte, stellt sich nun die Frage nach den Effekten des bisherigen Partizipationsprozesses (Output) aus Sicht der Teilnehmenden.

Wer kommt zu den Quartierkonferenzen?

Die Quartierskonferenzen sind offene Bürgerforen, die allen älteren Menschen des Stadtteils zugänglich sind. Es kommt daher stets zu einem „natürlichen“ Kontrast von kontinuierlich und unregelmäßig Beteiligten sowie neu Hinzukommenden.

  • Zu den Konferenzen kommen zwischen 20 und 47 Teilnehmende, im Durchschnitt 35.
  • Sie sind zwischen 51 und 87 Jahre alt, im Schnitt 71 Jahre, zu ca. 40% Männer und 60% Frauen.
  • Ältere mit Migrationsgeschichte wurden bisher eher nicht erreicht, sie besuchen die Konferenzen nur vereinzelt.
  • Im Vergleich zur Befragung zu Beginn des Projekts, kommen überdurchschnittlich viele Alleinlebende zu den Konferenzen (47% bis 63% gegenüber 39% bei der Befragung).
  • In Bezug auf den Einkommensspielraum der teilnehmenden Älteren ist hervorzuheben, dass zwischen 37% bis 48% als einkommensarm geltende und armutsgefährdete Ältere an den Konferenzen teilnehmen.
  • Wie die schriftliche Befragung zeigt, ist eine vergleichsweise lange Wohndauer kennzeichnend für den Großteil der Befragten: „Ich fühle mich aber als Schalkerin, bin da geboren und habe auch wieder nach Schalke geheiratet. Auch meine Eltern sind hier geboren“ (Konferenzteilnehmerin). Aspekte sozialräumlicher Zugehörigkeit (Ortsidentität) sind eine wichtige Bedingung für zivilgesellschaftliche Partizipations- und Mitgestaltungsprozesse. Ohne sich als Teil des Gemeinwesens zu sehen („Ich zieh hier nicht mehr raus“; Konferenzteilnehmer) dürfte eine Mitwirkungsbereitschaft bei der Quartiersgestaltung wohl eher nicht gegeben sein.

Effekte des Partizipationsprozesses (Trendanalyse):

Unter Berücksichtigung von Daten aus der schriftlichen Befragung und anhand der Protokolle der nicht-teilnehmenden Beobachtung erfolgte die inhaltsanalytische Auswertung der ersten drei Quartierskonferenzen, dies u.a. mit dem Ziel Kategorien (Indikatoren) induktiv zu ermitteln, die geeignet sind, Effekte des Partizipationsprozesses bezüglich der Lebensqualität der Beteiligten zu ermitteln. Ergebnis sind folgende Indikatoren und operationalisierte Items, die dann ab der 4. Konferenz im Trenddesign (durch Einsatz eines Kurzfragebogens) gemessen wurden:

Tab. 2: Indikatoren zur Messung des Zusammenhangs von Partizipation und Lebensqualität

Indikator Item zur Messung
Bewertung des Projekt-Outputs „Mein Eindruck ist: Das Projekt bringt nichts für Schalke“
Empowerment                     (individuell, kollektiv) „Ich fühle mich als BürgerIn für Schalke mehr verantwortlich.“

„Ich kann gemeinsam mit anderen in Schalke etwas bewirken.“
Lernen/Persönliche Weiterentwicklung  „Ich bringe Neues in Erfahrung.“

„Es ist mir wichtig, etwas zu lernen.“
Netzwerkeffekte              (Quantität, Qualität) „Mein Bekanntenkreis hat sich vergrößert.“

„Meine Kontakte zu Bekannten sind besser geworden.“
Sozialräumliches Zugehörigkeitsgefühl (Ortsidentität) „Ich sehe mich als SeniorIn mehr als Teil des städtischen Lebens.“
Wertschätzung „Ich fühle mich im Projekt nicht ernst genommen.“

Die quantitativ gemessenen Effekte beziehen sich auf die Konferenzen vier bis acht.[4] Berücksichtigung finden nur Aussagen von Teilnehmenden, die mehr als einmal eine Konferenz besucht haben, d.h. wiedergekommen sind.

Empowerment:

In Bezug auf Empowerment-Prozesse lässt sich im Trend eine leichte Stärkung sowohl der individuellen als auch der kollektiven Selbstwirksamkeit nachweisen. Beim Item „Ich fühle mich als Bürger/in mehr für Schalke verantwortlich steigt der Wert von 81 % auf der 4. Konferenz kontinuierlich an auf 93% bei der 7. Konferenz und fiel zur 8. Konferenz auf 89 %.

Die Einschätzung der kollektiven Selbstwirksamkeit („Ich kann gemeinsam mit anderen etwas bewirken“) beträgt schon bei der 4. Konferenz an sich beachtliche 81% und steigert sich zur 8. Konferenz auf 89 %.

Netzwerkeffekte:

Dass sich durch die Konferenzen das persönliche Netzwerk der Beteiligten sowohl erweitert als auch vertieft hat, dem stimmen in der 4. Konferenz 55% („Mein Bekanntenkreis hat sich vergrößert“) bzw. 58% („Meine Kontakte zu Bekannten sind besser geworden“) zu.

Dieser Effekt lässt im Fortgang der Konferenzen nach, was mit der hohen Konstanz der Anwesenden zusammenhängen dürfte, die in der Folge nicht mehr als neue Kontakte wahrgenommen werden. Gerade für die Alleinlebenden, die ja an den Konferenzen überproportional teilnehmen, dürfte die Erweiterung des Netzwerks vielfältige positive Auswirkungen haben.

Ortsidentität:

Für die Teilnehmenden steigt insgesamt das Empfinden, durch den Prozess mehr ins Gemeinwesen integriert zu sein („Ich sehe mich als Senior/in mehr als Teil des städtischen Lebens“). Gestartet bei 73% erreicht der Indikator sein Hoch auf der 7. Konferenz (88%) und liegt zur 8. Konferenz bei 85%).

Wertschätzung:

Dem Item „Ich fühle mich im Projekt nicht ernst genommen“ stimmen zu Beginn der Messung in der 4. Konferenz noch 29% zu. Zur 8. Konferenz hat sich dieser Wert auf 12% reduziert. Im Trend ist somit deutlich erkennbar, dass sich die Teilnehmenden wertgeschätzt fühlen.

Lernen/persönliche Weiterentwicklung:

Dieser Aspekt hat sich im Verlauf der Konferenzen als sehr relevant erwiesen. Das Item „Es ist mir wichtig etwas zu lernen“ erreicht konstant hohe Werte zwischen maximal 100% und minimal 96%. Beim Item „Ich bringe Neues in Erfahrung wechseln sich Auf- und Abwärtsbewegungen zwischen 81% und 100% ab, sicher abhängig von den Geschehnissen der jeweiligen Konferenz.

Bewertung des Projektoutputs:

Bemerkenswert ist schließlich, dass die Teilnehmenden zunehmend ablehnender auf die Aussage reagieren, dass das Projekt nichts für Schalke bringt. Die Zustimmung zu dem Statement („Mein Eindruck ist: Das Projekt bringt nichts für Schalke“) sank von eingangs 41%, auf 16% bei der 8. Konferenz.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich bezogen auf alle Indikatoren positive Zusammenhänge zwischen Partizipation und Lebensqualität ermitteln lassen. Mehr als die Hälfte der KonferenzteilnehmerInnen hat ihr soziales Netzwerk erweitert und vertieft. Stärkster Effekt ist die Gesamtbewertung des Outputs, hier wird tendenziell immer weniger bezweifelt, dass der Prozess etwas für das Quartier bringt. Ebenfalls starke Effekte sind in Bezug auf Lernen, wahrgenommene Wertschätzung und das sozialräumliche Zugehörigkeit feststellbar. Geringfügigere Steigerungen sind dagegen (bisher) im Bereich individuelles und kollektives Empowerment zu verzeichnen.

Da davon auszugehen ist, dass sich Veränderungen mancher Indikatoren erst über längere Zeiträume vollziehen, werden die Konferenzen auch weiterhin von der FH Dortmund per Kurzfragebogen evaluiert.

Bleibt noch zu erwähnen, dass, ungeachtet der im Einzelnen dargestellten Trends, die Entwicklung keines Items einen geradlinigen Verlauf zeigt, sondern in jedem Fall Auf- und Abwärtsbewegungen zu verzeichnen sind. Um diese Bewegungen im Detail erklären zu können, ist noch ein genauerer (inhalts-)analytischer Blick in das durch die nicht-teilnehmenden Beobachtungen erzeugte qualitative Material erforderlich (insb. die Konferenzen vier bis acht). Diese Methoden-Triangulation, die last but not least auch der Ergebnissicherung dient, steht noch aus.

(5) Summative Evaluation – die Gruppendiskussion als Evaluationsinstrument

Sowohl bezüglich der in der Steuerungsgruppe versammelten Stakeholder als auch bezüglich der an den Quartierskonferenzen beteiligten Älteren erfolgt eine abschließende Bewertung der Projektergebnisse in Form von Gruppendiskussionen (Mäder 2013). Mit der Steuerungsgruppe wurde eine evaluative Gruppendiskussion durchgeführt mit der Stakeholdergruppe der aktiven Älteren insgesamt fünf, d.h. jeweils eine Gruppendiskussion pro Themengruppe. Damit wird nicht nur dem stets kommunikativen Charakter des partizipativen Evaluationskonzepts in methodisch angemessener Weise Rechnung getragen (kommunikative Validierung).

Dieses Instrument bietet sich auch deshalb gut an, weil durch die regelmäßigen Treffen und Abstimmungsgespräche in der Steuerungsgruppe sowie durch die ständige Anwesenheit der Wissenschaftler in den Workshops der Quartierskonferenzen ein wertschätzendes und vertrauensvolles Zusammenwirken entstanden ist, das zudem relativ konfliktfrei verlief.

Gerade in Kontexten mit (inzwischen) „einander bekannten Personen bzw. mit Personen mit ähnlichem Erfahrungshintergrund“ (ebd.: 37) haben sich Gruppendiskussionen bewährt. Hinzu kommt: auch mit Sicht auf sozial benachteiligte Personengruppen (wie z.B. die Einkommensarmen, die an den Konferenzen teilnehmen) „stützt die Gruppendiskussion die Einzelnen“ (ebd.).

Unter Moderation der SozialwissenschaftlerInnen werden die Gruppendiskussionen geringfügig strukturiert durchgeführt (selbstläufiger Diskurs), transkribiert und rekonstruiert. Die Gruppendiskussion mit der Steuerungsgruppe (mehrperspektivische professionelle Rückblicke) wurden inhaltsanalytisch, die auf der 9. Quartierskonferenz mit den älteren Workshop-TeilnehmerInnen (alltagspraktische Reflexionen) durchgeführten Diskussionen wurden mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet. 

Da dieser Auswertungsschritt ebenfalls noch nicht vollständig abgeschlossen ist, werden hierzu bislang ermittelte Evaluationsergebnisse nur schlaglichtartig – nach den beiden Stakeholdergruppen gentrennt – vorgetragen.

Rückblick auf den Prozess – Perspektive: Mitglieder der Steuerungsgruppe:[5]

Stadtweit wird dem Projekt bzw. dessen Verlauf eine erhöhte Aufmerksamkeit entgegengebracht. Dies auch von Gruppen, die sich nicht explizit auf Interessen Älterer beziehen (wie z.B. „Ortsgruppen der Gewerkschaft“). Bei den Beteiligten haben sich verschiedenartige Lerneffekte eingestellt: eine Sensibilisierung hinsichtlich der Potenziale des Alters, auch im höheren Lebensalter („Ich war überrascht, ob des Alters der Teilnehmer“), eine Sensibilisierung für das Thema Mitwirkung im Alter, insbesondere von Seiten der Stadtplanung („Partizipation ist ja mehr als ‚dann hören wir mal die Bürger an, was die dazu meinen‘“) sowie Erkenntnisse über die Eigenlogik/Eigenzeitlichkeit partizipativer Quartiersentwicklungsprozesse („…das ist kein gradliniger Prozess“).

Rückblick auf den Prozess – Perspektive der beteiligten Älteren:[6]

Mit Sicht auf die nach innen gerichteten Wirkungen der Quartierskonferenzen bestätigen die Gruppendiskussionen den positiven Zusammenhang von Partizipation im Sozialraum und Lebensqualität. Man fühlt sich nicht nur wertgeschätzt, hervorgehoben wird auch der hohe Informationscharakter (Informationsbörse) der Beteiligungsforen. Zudem hat sich das nahräumliche (Aktions-)Wissen erweitert und sich das örtliche Zugehörigkeitsgefühl verstärkt. Weiterhin wurden die sozialen Netzwerke im Quartier bereichert und intensiviert. Und das Gefühl, miteinander etwas bewirken zu können wurde gestärkt. Auf diese Weise also erfährt das für den Partizipationsbegriff zentrale „Mit“ lebenspraktisch eine Prägung.

Nach außen zeigen die Konferenzen ebenfalls erste Wirkungen. Mit Verantwortlichen der Stadtverwaltung (z.B. die Mitarbeiterin des städtischen Reinigungsdienstes) und anderen externen ExpertInnen (Redakteurin der lokalen Presse, Wohnungseigentümerin etc.) die von den einzelnen (Themen-)Gruppen zu den Konferenzen eingeladen wurden, wurden Gespräche geführt, um ihnen die erarbeiteten Problemaspekte und/oder Lösungsvorschläge vorzutragen. Erste mobilitätsbeeinträchtigende Verbesserungen konnten erreicht (z.B. Stolperkannten auf Bürgersteigen wurden beseitigt, Bordsteine abgesenkt) und der Vermüllung von Müll-, Flaschen- und Kleidercontainerstandorten konnte entgegengewirkt werden. Die KonferenzteilnehmerInnen beteiligten sich mit Ideen und Gestaltungsvorschlägen an der Erneuerung eines Gehweges im Rahmen des Programms „Soziale Stadt“. Das Eintreten für eine Verbesserung der fußläufigen Mobilität (z.B. Beseitigung autozentrierter Ampelschaltungen) und für bezahlbare, barrierefrei Seniorenwohnungen ist den Teilnehmern ein ganz besonderes Anliegen.

Damit lässt sich vorerst resümieren: Mit Blick auf die unmittelbaren Projektergebnisse (Output) besteht, so die These, ein zentraler und übergreifender Grund darin, dass eine beachtliche Anzahl Älterer (sozial benachteiligte Personengruppen inklusiv) an den Konferenzen teilnimmt und sich für eine Verbesserung der Lebensqualität im Wohnquartier engagiert. Dies geschieht in der partizipativen, gemeinsamen Bestimmung der Handlungsprobleme im Stadtteil durch sie selbst und deren Fortentwicklung zu Themenschwerpunkten und der Erarbeitung von Lösungsansätzen. Ferner dürfte der Modus der Konferenzen (Organisation, Wertschätzung, niedrigschwelliger Methodeneinsatz etc.) mit ein Grund für den Erfolg dieser sozialen Intervention sein. Den Prozessnutzen betreffend konnte gezeigt werden, dass sich, bezogen auf die Indikatoren Wertschätzung, sozialräumliches Zugehörigkeitsgefühl, Lernen/persönliche Weiterentwicklung, Netzwerkeffekte und Empowerment, ein positiver Zusammenhang zwischen Partizipation und Lebensqualität im Trend ergibt (Rüßler u.a. 2013; Rüßler/Stiel 2013a).

4. Ausblick

In welcher Weise lassen sich die Auswirkungen (Outcome) des partizipativen Interventionsprozesses beschreiben? Da komplexe Zusammenhänge sich nicht hinreichend in Kennzahlen ausdrücken lassen, lautet die Frage nicht, wie ist der Outcome messbar, sondern wie ist er rekonstruierbar (Schneider 2011: 14). Infolge der positiven Bewertung und der Erfahrungen mit dem Projekt kommt es zu einer Fortsetzung der Kooperationsbeziehung zwischen der Stadt und der FH und damit u.a. zu einer analytischen Betrachtung des Wirkprozesses über das eigentliche Projektende hinaus.

Erkennbar ist dabei Folgendes. Erstens kommt es zu einer Ausweitung der Handlungs- und Daseinsoptionen der älteren BürgerInnen. Ältere in der Nacherwerbsphase nehmen neue gesellschaftliche Rollen ein – als Koproduzenten der Quartiersgestaltung tragen sie wesentlich mit dazu bei, alternde Stadtgesellschaften zu gestalten, so dass in den Wohnquartieren ein „gutes“ Leben im Alter möglich wird. Auf Quartiersebene ist zweitens ein bestimmter Lern- und Entwicklungsprozess in Gang gekommen. So ist städtischerseits nach Projektende nicht nur die Bereitstellung von materiellen und personellen Ressourcen ermöglicht worden. Darüber hinaus werden Überlegungen angestellt, wie weitere Bevölkerungsgruppen, v.a. immobile oder pflegebedürftige älterer QuartiersbewohnerInnen und ältere MigrantInnen partizipativ mit einbezogen werden können. Drittens gelten die Quartierskonferenzen inzwischen als wegweisende Beteiligungsforen, die auch in weiteren Stadteilen implementiert werden sollen. In diesem Rahmen werden außerdem Moderationsschulungen und Selbstbehauptungstrainings für Teilnehmende der Quartierskonferenzen durchgeführt; hierdurch werden die Empowermentprozesse ausgedehnt und verstärkt. Angedacht ist schließlich, die direktdemokratischen Quartierskonferenzen mit den repräsentativen und verwaltungstechnischen Entscheidungsstrukturen zu verzahnen (z.B. als Quartiersforum mit Entscheidungskompetenz). Ob es gelingt, dass die Quartierskonferenzen auch als direktdemokratische Beteiligungsverfahren fungieren, ist jedoch noch eine offene Frage. Die hier vertretene These lautet, dass ältere Menschen als zivilgesellschaftliche Engagierte in der nachberuflichen Lebensphase mit ihren Potenzialen (zeitliche Ressourcen, Nahräumlichkeitsinteressen, Ortskenntnisse/ -identität, etc.) dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen könn(t)en. Notwendig wären hierzu allerdings stützende (sozial-)politische Rahmenbedingungen (Lessenich 2011; Roth 2011). Zwar ist anzunehmen, dass der Erfolg kommunaler Politik zunehmend von der Mitwirkung und der Mitwirkungsbereitschaft der BürgerInnen abhängig ist, dies unterstellt aber auch die Bereitschaft der Kommunalpolitiker zur Machtabgabe (Stichwort Bürgerkommune) sowie eine lernende Verwaltung, die sich ernsthaft und authentisch auf die neue Rolle der (älteren) BürgerInnen als Koproduzenten einlässt.

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Fussnoten

[1] Eingebettet ist das Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der SILQUA-Förderlinie („Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter“) finanziert wurde (Laufzeit: 1.6.2010 bis 30.6.2013) in die von der Ruhrgebietsstadt Gelsenkirchen (Praxispartner) auf den Weg gebrachte Neustrukturierung der Seniorenpolitik (Köster/Rüßler/Stiel 2012; Rüßler/Stiel 2013b). Basis des seniorenpolitischen Reformprozesses der Stadt ist der „Masterplan Seniorinnen und Senioren in Gelsenkirchen“, den der Rat der Stadt am 27.10.2005 einstimmig beschlossen hat. Leitbild ist eine generationensolidarische und barrierefreie Stadt. Die zentrale handlungsleitende Konzeption hierfür ist das Partizipationsparadigma. Nicht zuletzt richtet sich die Reformpolitik primär auf die Schaffung wohnortnaher Ermöglichungs- und entsprechender quartiersbezogener Angebots- und Netzwerkstrukturen (Stadt Gelsenkirchen 2010).

[2] Die Steuerungsgruppe bestand aus professionellen Akteuren verschiedener (Verwaltungs-)Bereiche der Projekt-Partnerstadt Gelsenkirchen, Verbands- und Organisationsrepräsentanten (weitere Praxispartner) sowie den WissenschaftlerInnen der FH Dortmund.

[3] Hinzu kamen: professionelle Fachkräfte der Sozialen (Gemeinwesen-)Arbeit) auf der einen und zwei Senioren, die sich im Stadtteil Schalke als so genannte Nachbarschaftsstifter/Seniorenvertreter bürgerschaftlich engagieren und sich auch an den Quartierskonferenzen kontinuierlich beteiligen auf der anderen Seite.

[4] Ab der 4. Konferenz kam der Kurzfragebogen zum Einsatz, auf der 9. Konferenz wurden abschließend Gruppendiskussionen geführt, um die Konferenzen summativ zu evaluieren und um die Trendanalyse auch mit qualitativen Methoden zu ergänzen/zu validieren.

[5] Diskussionsfrage: „Hat sich – seit Beginn des LiW-Projekts – etwas geändert?

[6] Diskussionsfrage: „Hat sich – seit dem Sie in den Konferenzen in Schalke zusammenkommen – etwas geändert?“


Zitiervorschlag

Harald Rüßler, Janina Stiel: Im Quartier selbstbestimmt älter werden. In: sozialraum.de (5) Ausgabe 1/2013. URL: http://www.sozialraum.de/im-quartier-selbstbestimmt-aelter-werden.php, Datum des Zugriffs: 29.10.2015

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