Skater auf einer Treppe
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Prof. Dr. Ulrich Deinet
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften

Dr. Richard Krisch
Verein Wiener Jugendzentren; Päd. Grundlagenreferat; Fachhochschule Campus Wien, Bereich Soziales

 




Literaturempfehlung

BuchcoverRichard Krisch: Sozialräumliche Methodik der Jugendarbeit. Aktivierende Zugänge und praxisleitende Verfahren. Weinheim und München 2009
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BuchcoverUlrich Deinet (Hrsg.): Methodenbuch Sozialraum. Wiesbaden 2009.
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Aktuelle Rezensionen

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Mario Störkle, Bea Durrer Eggerschwiler, Barbara Emmenegger, Colette Peter, Alex Willemer (Hrsg.): Sozialräumliche Entwicklungsprozesse in Quartier, Stadt, Gemeinde und Region. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2016. 306 Seiten. ISBN 978-3-906036-21-2. 40,00 EUR, CH: 45,00 sFr.
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Lisa Jares: Kitas sind (keine) Inseln. Das sozialräumliche Verständnis von traditionellen Kindertageseinrichtungen und Familienzentren NRW. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 262 Seiten. ISBN 978-3-8309-3393-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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weitere Rezensionen zum Thema Sozialraum

Stadtteilbegehung

Ulrich Deinet, Richard Krisch

Die Stadtteilbegehung ist ein Beobachtungsverfahren, das im Unterschied beispielsweise zur ‚Stadtteilbegehung mit Kindern und Jugendlichen' von den Fachkräften der Jugendarbeit selbst durchgeführt wird, um Eindrücke und Wahrnehmungen aus dem Stadtteil/Sozialraum ihrer Einrichtung zu sammeln. Es handelt sich im Grunde um Stadtteilspaziergänge mit dem Ziel, möglichst viele Eindrücke zu sammeln, um die unterschiedlichen sozialökologischen Qualitäten von Orten wahrzunehmen.
Eine Kontaktaufnahme zu Kindern, Jugendlichen oder anderen Zielgruppen steht allerdings nicht im Vordergrund dieser Methode. Es geht nicht darum, Interviews zu führen oder sogar Jugendliche zu fragen, warum sie z. B. das Jugendhaus nicht besuchen, sondern darum, Atmosphären, Orte und Räume auf sich wirken zu lassen, die Interaktion von Menschen zu beobachten und zu entsprechenden Rückschlüssen zu kommen.
Ausgangspunkt ist auch die Feststellung, dass nur die wenigsten Fachkräfte in den Stadtteilen/Sozialräumen leben, in denen sie arbeiten, d. h. sie pendeln ein und sehen ihren Stadtteil/Sozialraum durch die institutionelle Brille ihrer jeweiligen Einrichtung und Arbeitsumgebung. Im Verlauf vieler Projekte hat sich herausgestellt, dass eine besondere Qualität der Stadtteilbegehung darin besteht, dass die Fachkräfte aus Einrichtungen in eine BeobachterInnenrolle hinein finden, die im starken Gegensatz zu ihrer „normalen Rolle" als agierende Fachkräfte steht. Wenn es gelingt eine solch ethnografische Haltung des sozialräumlichen Blicks einzunehmen, empfinden es Fachkräfte als überaus interessant, den Stadtteil/Sozialraum zu beobachten, in dem sie zum Teil schon jahrelang arbeiten. Eine solche Haltung muss geübt werden, um die üblichen Blockaden zu überwinden.
Durch regelmäßige Durchführungen von Stadteilbegehungen können Einblicke gewonnen werden, die helfen, die institutionalisierte Sichtweise auf Sozialräume als Stadtteile zu überwinden und die Aufmerksamkeit auf die Qualität von Orten und Räumen zu lenken.

Die Methode wurde als „strukturierte Stadtteilbegehung" (Krisch 1999, S. 82-84) zu einem zweistufigen Beobachtungs- bzw. Befragungsverfahren weiter entwickelt, dass als Erweiterung zusätzliche Begehungen mit Jugendlichen vorsieht und so eine differenziertere und „dichtere" Einschätzung der Vorgänge im Stadtteil ermöglicht. Diese beruht dann auf verschiedene Wahrnehmungsebenen, Deutungen und Interpretationen - sowohl der JugendarbeiterInnen als auch der Jugendlichen - der sozialräumlichen Qualitäten klar umrissener Stadtteil-Segmente.
Der Begriff `strukturiert´ bezieht sich dabei auf zwei Aspekte des Verfahrens: „Zum einen auf die Festlegung bestimmter Routen im Stadtteil, auf die mehrmalige Begehung dieser Wege und Orte zu verschiedenen Zeiten, aber auch auf die kontinuierliche Dokumentation der Beobachtungsrundgänge. Zum anderen soll durch die Kombination von Beobachtungsrundgängen und den späteren Befragungen von Kindern und Jugendlichen eine systematische Erforschung der vielschichtigen Wechselwirkungen sozialräumlicher Zusammenhänge erreicht werden." (Krisch 2009, S. 97).
Im ersten Analyse-Schritt wird in Beobachtungsrundgängen, der zuvor in Segmente unterteilte Stadtteil mehrmals von verschiedenen JugendarbeiterInnen erkundet, ohne dabei aber Kontakte mit Bevölkerungsgruppen zu suchen. Im zweiten Schritt werden in der anschließenden „Befragungsphase" entweder Stadtteilbegehungen mit Kindern/Jugendlichen oder Befragungen von Jugendlichen an deren Treffpunkten durchgeführt, um deren lebens- und alltagsweltlichen Blickwinkel in Erfahrung zu bringen.

Von Bedeutung ist auch, sich die jeweiligen Strukturdaten zu den Sozialräumen, die man begeht, vorher zu beschaffen und auf dieser Grundlage Eindrücke und Interpretationen zu ermöglichen, etwa wenn man weiß, wie viele Kinder und Jugendliche in bestimmten Straßenzügen wohnen.

Bei der Durchführung ist ein gewisser Zeitaufwand zu beachten: Die Begehungen sind mehrmals durchzuführen und auch die Dokumentation muss zeitnah geschehen, um alle Eindrücke und Kleinigkeiten festhalten zu können.

Die Stadtteilbegehung ist auch für die Öffnung von Schule, d. h. die Verortung von Schule im Sozialraum gut einzusetzten. Solche Einblicke sind ausgesprochen hilfreich, weil sie dazu dienen, die Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien nicht nur gefiltert über die Perspektive der Schule wahrzunehmen, sondern eigenständige Einblicke und Eindrücke ermöglichen.
Besonders aber auch für PraktikantInnen und neue KollegInnen sind Stadtteilbegehungen gute Möglichkeiten, den Stadtteil/Sozialraum kennen zu lernen. Für schon länger im Stadtteil tätige Fachkräfte ist die Methode eine Möglichkeit, ihre Eindrücke aus der Arbeit mit Zielgruppen/in Einrichtungen mit den Eindrücken im Stadtteil/Sozialraum zu vergleichen und Rückschlüsse zu ziehen. In zahlreichen Projekten haben wir immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Fachkräfte diese Methode zunächst oft eher ablehnen, weil sie keinen neuen Erkenntnisgewinn damit verbinden. Wenn sie sich dann aber auf den sozialräumlichen Blick eingestellt haben sind sie oft erstaunt über ihre Eindrücke und reagieren ausgesprochen positiv auf diese Methode.
Die strukturierte Stadtteilbegehung stellt zwar ein (zeit)aufwendiges Verfahren dar, führt aber in der Praxis zum Erwerb eines präzisen sozialräumlichen Verständnisses, welches die Grundlage für nachfolgende Institutionen-Befragungen, der Erstellung von Cliquenrastern o. ä. m. sein kann.
Solche Stadtteilbegehungen müssen aber nicht als zusätzliches Projekt durchgeführt werden, sondern können als Bestandteil der alltäglichen Jugendarbeit eingeplant werden und führen damit zu einer konsequenten sozialräumlichen Haltung.

Weitergehende und praxisbezogene Beschreibung dieser Methode, mit Dokumentationsbeispielen, Beobachtungsleitfäden- und protokollen und verschiedensten Praxisanleitungen finden sich in:

Ulrich Deinet: Analyse und Beteiligungsmethoden. In: Ulrich Deinet (Hrsg.): Methodenbuch Sozialraum. Wiesbaden 2009. S.66 f.
Richard Krisch: Sozialräumliche Methodik der Jugendarbeit. Aktivierende Zugänge und praxisleitende Verfahren. Weinheim und München 2009. S.97 -109


Zitiervorschlag

Ulrich Deinet, Richard Krisch: Stadtteilbegehung. In: sozialraum.de (1) Ausgabe 1/2009. URL: http://www.sozialraum.de/stadtteilbegehung.php, Datum des Zugriffs: 26.09.2016

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