„Die Stadt mit Deinen Augen sehen“

Partizipative Sozialraumanalyse mit 360-Grad-Technologie als Beitrag zur inklusiven Stadtentwicklung

Philipp Pilcher, Tobias Meier, Miriam Baghai-Thordsen

Mobilität ist eine zentrale Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Wer sich nicht eigenständig im öffentlichen Raum bewegen kann, ist von wesentlichen Bereichen des sozialen Lebens ausgeschlossen, von Versorgungsinfrastruktur über kulturelle Angebote und soziale Treffpunkte bis hin zur politischen Partizipation.

Diese Erkenntnis bildet den Ausgangspunkt eines Kooperationsprojekts zwischen der Hochschule Koblenz und der Stadt Glücksburg an der Ostsee, das im Dezember 2024 im Rahmen des Mastermoduls „Partizipation und Beteiligungsprozesse" des interdisziplinären Studiengangs Integrierte Orts- und Sozialraumentwicklung (IO-S) realisiert wurde. Die Kooperation mit der Stadt Glücksburg, vertreten durch die Bauverwaltung, wurde seitens der Hochschule Koblenz von Prof. Dr. Miriam Baghai-Thordsen initiiert.

Ziel der Kooperation war es, Anregungen für die Weiterentwicklung des kommunalen Mobilitätskonzepts zu geben und hierfür mit Studierenden sozialräumliche Erkundungen vor Ort durchzuführen und die Ergebnisse digital und analog der Stadt Glücksburg zur Verfügung zu stellen. Diese Zielsetzung hatte dabei zwei Ebenen: Einerseits sollten konkrete Mobilitätsbarrieren im öffentlichen Raum aus der Perspektive unterschiedlicher Nutzer:innengruppen identifiziert und dokumentiert werden. Andererseits ging es um die methodische Weiterentwicklung partizipativer Sozialraumerkundungen, insbesondere unter Einbezug von Kindern, älteren Menschen mit eingeschränkter Mobilität und weiteren Bewohner:innen.

In einem ersten Teil wird im Folgenden das methodische Vorgehen vorgestellt, im zweiten Teil werden die Ergebnisse präsentiert, die dann in einem dritten Teil methodisch und inhaltlich reflektiert werden. Das abschließende Fazit gibt einen Ausblick auf die Übertragbarkeit und Relevanz für die Soziale Arbeit.

1. Methodisches Vorgehen

Das methodische Vorgehen basierte auf einem Kernset digitalisierter sozialräumlicher Methoden aus Stadtteilbegehungen, Autofotografie und Nadelmethode (Fehlau/van Rießen 2021), die in Kleingruppen von jeweils zwei Studierenden in drei Regionen der Stadt Glücksburg (Süd/Nord/Mitte) und unter Einbindung verschiedener lokaler Akteur:innen innerhalb einer Exkursionswoche vor Ort umgesetzt wurde. Die Einteilung in die Regionen sowie die Ansprache der Akteur:innen erfolgt in Abstimmung mit der Stadt Glücksburg und deren Zugänge zu lokalen Wissensträgern. Die Innovation des Vorgehens in Glücksburg bestand in der Einbindung von 360-Grad-Kameras in diese Methoden. Dies ermöglichte eine multiperspektivische Erfassung räumlicher Gegebenheiten, die über die konventionelle fotografische oder schriftliche Dokumentation hinausgeht.

Basis des Vorgehens waren dabei verschiedene Varianten von Stadtteilspaziergängen. Diese fanden alleine in der Studierendengruppe, in Form dialogischer Spaziergänge (Weisshaar 2018) oder als Ride-Alongs (Kern/Mally 2025) statt und umfassten einen Großteil des Stadtgebiets. Die Nadelmethode (Spatscheck/Wolf-Ostermann 2023, 59; Knopp 2009) wurde in einem Fall eingesetzt, bei der ein Seniorenheimbewohner seine Aussagen zu Mobilitätsverhalten und sozialen Orten auf einer physischen Karte verortete. In einer Kindertagesstätte wurden darüber hinaus ergänzende altersgerechte visuelle Erhebungsinstrumente in Form von Malvorlagen eingesetzt, durch die Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren ihre alltäglichen Mobilitätsmuster dokumentierten. Über alle Erhebungsgruppen hinweg wurden zudem die Dritten Orte (Oldenburg 1989) bzw. Sozialen Orte (Kersten et al. 2022) der Stadt kartiert und hinsichtlich ihrer Zugänglichkeit analysiert. Zur Triangulation fanden schlussendlich noch semistrukturierte Interviews mit Bewohner:innen, Fachkräften aus Kindertagesstätten und Pflegeeinrichtungen sowie Passant:innen statt.

2. Ablauf und Ergebnisse der Sozialraumerkundungen

Im nördlichen Stadtteil Sandwig wurde ein vierjähriges Kind auf seinem Weg vom Kindergarten nach Hause begleitet. Die am Fahrradlenker montierte 360-Grad-Kamera dokumentierte die spezifische Aneignungsform des Sozialraums durch Kinder. Die im Video dokumentierte unsichere Fahrweise, das starke Arbeiten mit dem Lenker und das wiederholte Abschweifen auf die Gegenfahrbahn sind Ausdruck einer motorischen Entwicklungsphase, die in der Infrastrukturplanung kaum Berücksichtigung findet.

Video 1: Sequenz Fahrrad (Quelle: Eigene Aufnahme im Projektkontext)

Das Bildmaterial machte zahlreiche Barrieren sichtbar. Hohe Bordsteine zwangen das Kind zum Absteigen. Gehwege existierten teilweise nur als überwachsene Trampelpfade und waren kaum befahrbar. Kieselsteine einer Hausauffahrt liefen auf den Weg aus und verursachten einen Sturz. Auf einer engen, unbeleuchteten Straße mit Tempo-30-Zone berichtete die begleitende Erziehungsberechtigte von regelmäßigen Geschwindigkeitsüberschreitungen. Sie wich mehrfach bewusst auf Umwege über Parkplätze und Waldwege aus, weil die regulären Straßen als zu gefährlich eingeschätzt wurden. Dieser Befund illustriert eindrücklich die Diskrepanz zwischen geplanter und gelebter Mobilität.

Ergänzend wurden in zwei Kindertagesstätten altersgerechte visuelle Erhebungen durchgeführt. In der DRK-Kita im südlichen Stadtteil malten etwa 20 Kinder zwischen vier und sechs Jahren ihren Weg zur Kita. In der ADS-Kita auf dem Bremsberg erhielten die Kinder Malvorlagen zum Ausmalen des jeweiligen Fortbewegungsmittels. Auffällig war in beiden Einrichtungen, dass kein einziges Kind mit dem Bus in die Kita kam. Dieser Befund untermauert die Berichte der Fachkräfte über unzureichende ÖPNV-Anbindungen empirisch. Die pädagogischen Fachkräfte berichteten, dass die Busverbindung für eine Strecke, die mit dem Auto 20 Minuten dauert, über zwei Stunden in Anspruch nehme. Dabei skizzierten sie zudem schmale Bürgersteige, auf denen Kinder nicht einmal zu zweit nebeneinander gehen können, sowie eine Straße mit Tempo 70 in einer unübersichtlichen Kurve ohne Querungshilfe, die den Zugang zum Wald für Kindergruppen unmöglich mache.

In der Perspektive älterer, mobilitätseingeschränkter Personen verdichteten sich die Befunde zu einem Muster struktureller Exklusion. So wurde im Süden von Glücksburg eine Bewohnerin eines Seniorenzentrums für einen dialogischen Stadtteilspaziergang gewonnen. Die am Rollator befestigte 360-Grad-Kamera dokumentierte aus ihrer Perspektive mehrere kritische Stellen.

Video 2: Sequenz Rollator (Quelle: Eigene Aufnahme im Projektkontext)

An der Rathausstraße vor einem Discountmarkt machten fehlende Querungshilfen und Verkehr aus beiden Richtungen die Überquerung mit dem Rollator zu einer Gefahrensituation. An der Ampel am zentralen Postplatz reichte die Grünphase für eine Überquerung mit Rollator kaum aus. Auf schmalen Gehwegen konnten zwei Rollatoren nicht aneinander vorbeipassen. Die Seniorin demonstrierte pragmatisch das Zusammenklappen der Rollatoren als Alltagsstrategie.

Im Stadtzentrum wurde eine weitere Seniorin mit Rollator auf ihren Alltagswegen begleitet. Fehlende Bordsteinabsenkungen, zu schmale Gehwege an Baustellen ohne Ausweichrouten und Bushaltestellen ohne Rampen zwangen die Frau wiederholt, auf die Fahrbahn auszuweichen. Der Arztbesuch scheiterte beinahe an einer zu schmalen Eingangstür und einem Fußmatten-Hindernis. Solche baulichen Barrieren, so der zentrale Befund, bleiben für mobilitätsprivilegierte Personen unsichtbar, bis sie aus der konkreten Perspektive Betroffener dokumentiert werden.

Ein semi-strukturiertes Interview mit einem Bewohner des Seniorenheims, der regelmäßig mit seiner im Rollstuhl sitzenden Frau unterwegs ist, ergänzte die Befunde um die Dimension kultureller Teilhabe. Der Senior bedauerte, dass der Festsaal des Schlosses Glücksburg nur über die erste Etage erreichbar sei und es keinen Fahrstuhl gebe. Die fehlende barrierefreie Erschließung des Gebäudes verhindere die Teilhabe an kulturellen Veranstaltungen. Dieser Befund erweitert die Forderung nach inklusiver Gestaltung öffentlicher Räume über die reine Verkehrsinfrastruktur hinaus.

In Bezug auf Dritte und Soziale Orte erwiesen sich mehrere informelle Treffpunkte als bedeutsam für das soziale Zusammenleben. Das Rosarium in der Nähe des Seniorenzentrums wurde von mehreren Befragten unabhängig voneinander als besonders geschätzter Aufenthaltsort benannt. Das Café im Edeka-Markt fungiert als informeller Treffpunkt für ältere Bewohner:innen. Die Promenade an der Flensburger Förde ist auch im Winter belebt und wurde als positiver Aufenthaltsort hervorgehoben. Zugleich zeigte die Analyse, dass die Erreichbarkeit dieser Sozialen Orte für viele Bewohner:innen eingeschränkt ist. Die Promenade ist über steile, lange Treppen zu erreichen. Ein barrierefreier Zugang existiert, ist aber so unauffällig beschildert, dass er leicht übersehen wird. Die Rampen am Strandbistro sind so steil, dass sie für Personen mit Gehbehinderung eigenständig kaum nutzbar sind. Der Jugendtreff weist immense Barrieren auf, da beide Etagen nur über Treppen erreichbar sind. Die Rolle des ÖPNV erwies sich als Querschnittsthema. Eine Kitaleitung berichtete, es sei umständlich und zeitaufwändig, mit den Kindern in die Stadtmitte zu fahren, und äußerte den Wunsch nach besserer Einbindung des Bürgerbusses. Ein Passant an einer Bushaltestelle erklärte, er habe sich trotz grundsätzlicher Zufriedenheit mit dem Busangebot für ein Taxi entschieden, weil der Fußweg von der Haltestelle zu weit sei. Eine Pflegekraft berichtete, dass Bewohner:innen in Wassernähe mit dem Taxi zum Supermarkt fahren müssen, weil keine Busverbindung existiert. Diese Befunde verdeutlichen, dass der ÖPNV als wesentliche Ressource sozialer Teilhabe in Glücksburg systematische Lücken aufweist.

In einer Abschlussveranstaltung im Rathaus wurden die Ergebnisse am Ende des Erhebungszeitraums dialogisch diskutiert. Vertreter:innen der Stadtverwaltung und des Mobilitätsausschusses brachten eigene Hintergründe ein, Bürger:innen ergänzten die Befunde um ihre Erfahrungen. Die Studierenden agierten dabei nicht als externe Expert:innen, sondern als Ermöglicher:innen eines Prozesses, in dem Bewohner:innen ihre Perspektiven einbringen und gemeinsam mit der Verwaltung Handlungsoptionen entwickeln konnten. Die Reaktionen waren positiv, die Vorschläge wurden direkt aufgegriffen und in den Prozess zur Weiterentwicklung des Mobilitätskonzepts integriert.

3. Diskussion der Ergebnisse und Methoden

Das Projekt illustriert, wie die Verbindung qualitativer Sozialraummethoden mit digitaler Technologie die Handlungsfähigkeit vor Ort stärken kann. Die 360-Grad-Aufnahmen fungieren in der Zusammenarbeit mit Akteur:innen und Bewohner:innen als diskursunterstützendes Medium und im Diskurs mit Politker:innen als visuelles Argumentationsmaterial, das die Erfahrungen der Betroffenen intersubjektiv nachvollziehbar und damit politisch kommunizierbar macht.

Das Glücksburger Projekt weist in der Reflektion dabei spezifische methodische Stärken und Begrenzungen auf, die für die Übertragbarkeit bedeutsam sind: Zu den Stärken zählt der Methodenmix des Vorgehens. Die Kombination aus Stadtteilspaziergängen, Walking Interviews, semistrukturierten Interviews, narrativen Interviews, Nadelmethode und visuellen Erhebungsinstrumenten ermöglichte eine gute Erweiterung und Triangulation der Perspektiven. Die 360-Grad-Kameratechnologie erwies sich als wertvolle Ergänzung, die durch die spezifische Montage am Kinderfahrrad oder am Rollator die Körperhöhe, Blickrichtung und Bewegungsdynamik der jeweiligen Person erfassbar macht. Zugleich zeigte sich die Abhängigkeit des Zugangs von lokalen Gatekeeper:innen. Ohne die Unterstützung der Bauverwaltung und bestehende Kontakte zu Einrichtungen und Bewohner:innen wäre der Zugang zu den Beteiligten in der kurzen Projektzeit kaum zu realisieren gewesen. Die methodische Umsetzung erforderte ein hohes Maß an Flexibilität. Geplante Termine fielen aus gesundheitlichen Gründen aus, spontane Begegnungen lieferten unerwartete Erkenntnisse, die Verfügbarkeit von E-Bikes eröffnete neue Erhebungsmöglichkeiten. Die zeitliche Begrenzung auf drei Tage und die Durchführung im Dezember limitieren die Übertragbarkeit auf saisonale und langfristige Mobilitätsmuster.

Aus forschungsethischer Perspektive ist die Arbeit mit Kindern besonders sensibel. Der Einsatz von 360-Grad-Kameras im öffentlichen Raum wirft datenschutzrechtliche Fragen auf, die im Projektkontext unter Beachtung ethischer und datenschutzrechtlicher Standards bearbeitet wurden, aber für Folgeprojekte weiter systematisiert werden sollten.

4. Fazit und Ausblick

Das Projekt „Die Stadt mit Deinen Augen sehen" zeigt exemplarisch, wie moderne Medientechnologien, methodische Vielfalt und partizipative Ansätze die Sozialraumanalyse bereichern und zugleich einen Beitrag zur inklusiven Stadtentwicklung leisten können.

Die Sozialraumerkundungen wurden als Grundlage für die Weiterentwicklung des kommunalen Mobilitätskonzepts sowie dazugehörige politische Entscheidungsprozesse in Auftrag gegeben. Das visuelle Material ermöglichte eine Form der Transparenz, die abstrakte Bedarfsanalysen in dieser Weise nicht leisten können. Es zeigt konkret und nachvollziehbar, wie der öffentliche Raum aus der Perspektive derjenigen aussieht, die ihn täglich nutzen, und wo er an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Für andere Kommunen, die partizipative Sozialraumanalysen umsetzen möchten, bietet das Glücksburger Modell übertragbare Elemente. Dazu gehören die kooperative Struktur zwischen Hochschule und Kommune, die systematische Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven, die Verbindung von Erhebung und öffentlicher Diskussion sowie der Einsatz digitaler Technologie zur Demokratisierung von Raumerfahrung. Entscheidend ist dabei weniger die technische Ausstattung als die professionelle Haltung, also die Bereitschaft, sich auf die Perspektiven derjenigen einzulassen, die den Raum täglich nutzen, und deren Erfahrungen als Expertise anzuerkennen.

Aus der Perspektive der Sozialen Arbeit liegt der besondere Wert des Vorgehens in der konsequenten Orientierung an den Lebenswelten und Aneignungsprozessen der Nutzer:innen, im Sinne einer reflexiv-räumlichen Haltung, die auch die eigene Verstricktheit der Fachkräfte in sozialräumliche Zusammenhänge berücksichtigt. Dies gilt auch in zukünftigen Umsetzungen beizubehalten und im Sinne einer Gamification vielleicht sogar auszubauen.

Literatur

Fehlau, Michael/van Rießen, Anne (2021): Sozialräumliche Analyse- und Beteiligungsmethoden im Kontext von Digitalisierung. In: sozialraum.de (13), 2/2021.

Kern, Carmen/Mally, Nina (2025): Ride-Alongs – Erkundungen alltäglicher Mobilitätspraktiken mit dem Fahrrad. In: Naumann, Matthias/Strüver, Anke (Hrsg.): Handbuch Mobile Methoden in der Sozial- und Raumforschung. transcript, Bielefeld, S. 43–53.

Kersten, Jens/Neu, Claudia/Vogel, Berthold (2022): Das Soziale-Orte-Konzept: Zusammenhalt in einer vulnerablen Gesellschaft. transcript, Bielefeld.

Knopp, Reinhold (2009): Sozialraumerkundung mit Älteren. In: Deinet, Ulrich (Hrsg.): Methodenbuch Sozialraum. VS Verlag, Wiesbaden, S. 155–164.

Oldenburg, Ray (1989): The great good place: Cafes, coffee shops, community centers, beauty parlors, general stores, bars, hangouts and how they get you through the day. Paragon, New York.

Weitere Informationen zum Praxisforschungsansatz und dem Einsatz von 360-Grad-Kameras: https://www.hs-koblenz.de/sozialwissenschaften/projekte/weitblick-in-der-sozialen-arbeit-wesa


Zitiervorschlag

Pilcher, Philipp, Tobias Meier und Miriam Baghai-Thordsen (2026): „Die Stadt mit Deinen Augen sehen“. In: sozialraum.de (17) Ausgabe 1/2026. URL: https://www.sozialraum.de/die-stadt-mit-deinen-augen-sehen.php, Datum des Zugriffs: 03.06.2026