„Wir schaffen das!“
Ein handlungstheoretischer und reflexiver Rückblick mit Fokus auf die Methode Erzählcafé als Beitrag zur sozialen und kulturellen Annäherung
Andreas Mehlich
Diese für Furore und Polarität sorgende Aussage von Angela Merkel hat sich als Slogan ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben. Das von der damaligen Bundeskanzlerin verkündete Statement bezog sich auf die sozialen Umstände, die Europa, insbesondere Deutschland und damit das Konstrukt „Zivilgesellschaft“ herausgefordert und auf eine harte Probe gestellt haben. „Wir schaffen das!“ – das „Was“, die Intention war klar, doch nicht die Implikation, das „Wie“. Auf letzteres gehe ich in diesem Beitrag näher ein. Die dramatische Situation 2015 stellte uns als Tätige in der Stadtteilarbeit vor neue zu bewältigende Aufgaben. Ich möchte die damalige Situation nochmals unter einem handlungstheoretischen Blickwinkel betrachten, die Handlungsvollzüge reflektieren und resümieren.
Im März 2015 treffen die ersten geflüchteten Menschen aus Syrien im Stadtteil Jena Winzerla ein, die dezentral untergebracht werden. Im Juli folgen weitere und werden in einer als Notunterkunft umfunktionierten Turnhalle untergebracht. Spontan entfalten sich „Nachbarschafts-Potenziale“: Patenschaften werden übernommen, ein Flüchtlingsfreundeskreis baut sich auf und ein Welcome-Café wird eröffnet. Es entstehen erste integrative Strukturen, um die geflüchteten Menschen willkommen zu heißen. Die Kommune ist hingegen überfordert, es gibt keine Strategien, Programme oder Projektstrukturen, die auf diese Situation ausgerichtet sind. Es wird improvisiert. Anderthalb Monate später kommen die nächsten geflüchteten Menschen aus Syrien nach Winzerla. Als Stadtteilbüro fehlen uns die personellen und finanziellen Ressourcen, um darauf angemessen zu reagieren.
In der Bundespressekonferenz vom 31. August 2015 folgt auf die von Merkel vielzitierte Aussage „Wir schaffen das!“ die Zusicherung, dass der Bund „Alles in seiner Macht Stehende“ tun wird, „zusammen mit den Ländern, zusammen mit den Kommunen, genau das durchzusetzen“ (Merkel 2015). Auf Bundesebene werden daraufhin zusätzliche finanzielle Mittel bereitgestellt, unter anderem für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zum Beispiel zur „Ausschreibung von Fördermitteln für Projekte zur gesellschaftlichen und sozialen Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern“. Diese Chance nutzen wir als Verein (mittendrin e.V.) und bewerben uns mit einem „gemeinwesenorientierten Integrationsprojekt“ im November 2015 beim BAMF. Die Zusage für unser dreijähriges Projekt „ELLi“ erhalten wir im Mai 2016.
1. Soziale Lage vor Ort
Ich fokussiere meine Betrachtung und wende den Blick auf die gesellschaftlichen „Widerstände“ in Bezug auf den Zuzug von geflüchteten Menschen in Winzerla.
Öffentlich wurden zum Beispiel in einer Bürger:innenversammlung Bedenken über den Bau der geplanten Gemeinschaftsunterkunft in Winzerla geäußert sowie ehrenamtliche Helfer:innen und eine Gruppe von Geflüchteten verbal attackiert. Neben rassistischen und fremdenfeindlichen Äußerungen fanden (stadtweit) auch Übergriffe von physischer Gewalt gegenüber den Geflüchteten statt.
Diffuse Ängste und Vorurteile wurden uns gegenüber einerseits offen, andererseits beiläufig im Gespräch geäußert. Diesen begegneten wir nicht moralisierend, sondern mit Respekt. Zum Beispiel löste die Ankunft der syrischen Geflüchteten Verunsicherung aus, da die Menschen in Jena – größtenteils atheistisch und ostdeutsch sozialisiert – bisher nur wenige Berührungspunkte mit deren Kultur und Religion hatten. Menschen im Transferleistungsbezug fühlten sich benachteiligt. Sie meinten, dass geflüchtete Menschen sozialstaatliche Leistungen erhielten, die ihnen selbst verwehrt blieben. Zudem äußerten sie ihren Unmut darüber, dass die Zugewanderten langfristig Sozialleistungen aus einem System erhalten würden, in das sie nie eingezahlt hatten.
Statistische Daten
In den Jugendstudien der Stadt Jena von 2014 und 2017 wurden Aussagen zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ abgefragt, indem sich Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren dazu äußeren sollten, wie sie es fänden, wenn unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in ihre Nachbarschaft ziehen würden. In der Studie von 2014 sind die „Spitzenreiter der Ablehnung“ bei den Befragten, die es nicht gut fänden, wenn diese Menschen in die Wohnung nebenan ziehen würden: „eine deutsche Familie, die von Hartz IV lebt“ (30,6 %), „jemand, der an AIDS erkrankt ist“ (29,5 %), „eine Flüchtlingsfamilie“ (24,1 %), „eine islamische Familie“ (19,6 %). Bei Jugendlichen, die eher einem rechten Spektrum zugeordnet werden können, liegt die Ablehnung gegen „eine Flüchtlingsfamilie“ bei 52,8 % (2014) und 63,9 % (2017), hingegen bei linksorientierten Jugendlichen nimmt die Ablehnung von 11,8 % (2014) auf 3,5 % (2017) ab (ORBIT e.V. 2017, 81f.). Betont wird in der Jugendstudie 2014, dass Kinder und Jugendliche aus Winzerla durchgängig öfter angeben, „es nicht gut zu finden, wenn die genannten Personengruppen in eine Wohnung nebenan ziehen würden.“ (ORBIT e.V. 2014, 97).
In einer vom Jugendamt und Stadtteilbüro durchgeführten Befragung von Mitarbeiter:innen aus verschiedenen Bildungseinrichtungen in Winzerla gaben diese an, dass Fremdenfeindlichkeit unter anderem in Form von abwertenden Äußerungen seitens der Kinder und Jugendlichen im Alltag präsent sei, als „Abwertung im Umgang mit Diversität“ (Dehn et al. 2014, 8).
Als Stadtteilbüro führten wir im August und September 2016 eine Bürger:innenbefragung in Winzerla durch und befragten insgesamt 1001 Haushalte zu Themen wie Infrastruktur, Öffentlichkeitsarbeit, Nachbarschaft, Angebote und Medien. Die Rücklaufquote lag bei 17,6 %. In den Fragekomplex „Nachbarschaft“ nahmen wir das aktuelle Thema „Geflüchtete Menschen in Winzerla“ mit auf. Hierzu interessierte uns das Stimmungsbild in der Bevölkerung. Auf die Frage, „Inwiefern interessiert Sie das Thema Geflüchtete in Winzerla?“, antworteten 43,5 % mit „interessiert mich“, 17,1 % mit „ich will mehr erfahren“ und 8,2 % „ich habe bereits Kontakt“. 31,2 % der Befragten antworteten „interessiert mich nicht“. Ebenfalls fragten wir, wie die Zunahme an ausländischen Mitbewohner:innen im Stadtteil empfunden wird. 50 % der Befragten antworteten mit „dem messe ich keine Bedeutung bei“. Von der anderen Hälfte empfindet ein Viertel die Zunahme an ausländischen Mitbewohnern „sehr angenehm“ (4 %) und „angenehm“ (21 %) und ein Viertel der Befragten als „sehr unangenehm“ (7 %) sowie „unangenehm“ (18 %) (Stadtteilbüro 2017, 3). Hinzu kommt, dass sich der prozentuale Anteil der Migrant:innen in Winzerla von 2009 bis 2015 verdreifachte, von 2,2 % auf 7,2 %.
Um die Befragungsergebnisse, insbesondere die des Stadtteilbüros, die Spaltungstendenzen der Stadtteilgesellschaft widerspiegeln, handlungstheoretisch zu analysieren, bediene ich mich im Folgenden der Handlungswissenschaft von Silvia Staub-Bernasconi und wende den von ihr entwickelten „transformativen Dreischritt“ auf die geschilderten Ereignisse sowie Befragungsergebnisse an (Staub-Bernasconi 2018, 290-292). In dieser Form haben wir es bei der ursprünglichen Konzeption unseres Projektes nicht praktiziert.
2. Handlungstheoretische Betrachtung – Anwendung des transformativen Dreischritts
Ich stelle kurz den transformativen Dreischritt vor und wende diesen dann auf die beschriebene Situation und Faktenlage an.
Im ersten Schritt wird das soziale Problem mit Hilfe eines Beschreibungs- und (interdisziplinären) Erklärungswissens unter Einbeziehung der Bezugswissenschaften Sozialer Arbeit beschrieben und erklärt. In diesem Zusammenhang wird die „Was- und Warum“-Frage gestellt und es können begründete Vermutungen in Form von Hypothesen formuliert werden.
In einem zweiten Schritt wird bezüglich des ersten Schrittes die „Wer- und Womit“-Frage geklärt. Dieser Schritt beinhaltet noch den normativen Zwischenschritt mit Anwendung des Wertewissens, in dem gefragt wird, was (nicht) gut ist, was sollte sein, woraufhin sollen Veränderungen stattfinden. Liegen Verletzungen der Menschenwürde, Menschenrechte, sozialen Gerechtigkeit in den empirischen Befunden vor? Und es ist zu prüfen, ob die sozialen Interventionen diesen Werten entsprechen.
Der dritte Schritt bezieht sich auf die Interventionen unter Einsatz des Veränderungs- bzw. Handlungswissens, es ist die „Wie-Frage“ (Methoden und Verfahren) in Bezug auf den ersten und zweiten Schritt zu klären.
Idealerweise folgt noch ein vierter Schritt zur Überprüfung, inwieweit die Ziele mit welchem Aufwand und welcher Wirksamkeit (Evaluationswissen) erreicht wurden.
Die Fragen des ersten Schrittes richten sich an die Disziplin Soziale Arbeit (Theorien) sowie an deren Bezugswissenschaften und die Fragen im dritten Schritt an die Profession Sozialer Arbeit (Methoden).
Schritt 1: Das „Was“, die Sachlage habe ich bereits beschrieben. Davon ausgehend gilt es, Erklärungsansätze zu finden, die eine Grundlage bilden, um das Handeln zu begründen und zu legitimieren.
Die im Abschnitt „Soziale Lage vor Ort“ beschriebenen Reaktionen lassen sich in zwei Erklärungsansätze differenzieren. Einerseits sind die fremdenfeindlichen Übergriffe in Form verbaler und physischer Gewalt sowie die Ergebnisse in der ORBIT-Studie (2014) – wonach knapp ein Viertel der befragten Jugendlichen den Einzug einer geflüchteten Familie in die Nachbarschaft ablehnen würde – als Ressentiments zu verstehen, die dem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit entsprechen. Andererseits ordne ich die ablehnende Haltung gegenüber dem geplanten Bau einer Gemeinschaftsunterkunft, die artikulierten Vorurteile sowie das Ergebnis aus der Studie des Stadtteilbüros – wonach ein Viertel der Befragten die Zunahme an ausländischen Mitbewohnern für „unangenehm“ hält – einem Widerstand zu, der auf einer diffusen Angst basiert.
Zusätzlich ziehe ich Erklärungsansätze heran, die diese Verhaltensmuster mit dem Selbstbild, der Bewältigung und dem Gehorsam in Verbindung bringen.
Den Begriff bzw. das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit prägte der Soziologe Wilhelm Heitmeyer (Heitmeyer 2002, 15-36). Damit ist gemeint, dass abwertende und ausgrenzende Äußerungen sowie Einstellungen sich an eine soziale Gruppe bzw. an Personen richten, die dieser, anhand von Vorurteilen und Stereotypen, zugeordnet werden. Die Zuordnung zu einer sozialen Gruppe erfolgt nach einem (vermeintlichen) Merkmal der konstruierten Gruppe, unabhängig davon, ob diese Person der sozialen Gruppe angehört oder nicht. Mit der Abwertung aufgrund eines Merkmals findet eine Verallgemeinerung im Sinne des pars pro toto statt, sei es eine andere Hautfarbe, eine andere Sprache oder das Tragen eines Kopftuches. Ein Merkmal bzw. Vorurteil reicht aus, um die Person einer stigmatisierten Gruppe zuzuordnen, die basierend auf einer Ideologie der Ungleichwertigkeit und damit einer „kategorialen Bewertung unterzogen“ und als minderwertig gegenüber der eigenen Gruppe angesehen wird (Heitmeyer 2008, 37). Bezogen auf die Unterschiedlichkeit zur eigenen Gruppe wird so das „Fremde“ konstruiert, das sich als Fremdenfeindlichkeit manifestiert.
Für die Deutung der diffusen Ängste in der Aufnahmegesellschaft bietet sich ein Erklärungsansatz aus der Psychologie an: „Wenn Menschen Unvertrautes erfahren, das sie nicht in ihr Menschen-, Gesellschafts-, Weltbild integrieren können (Aussehen, Verhalten, Lebensstil, Werte und Normen, politische und religiöse Überzeugungen usw.), dann sind diffuse Angst und in der Folge negative Fremd- und Feindzuschreibungen zu ihrer Überwindung eine mögliche psychologische Reaktionsform auf diese Angst.“ (Staub-Bernasconi 2018, 236).
Personen, die abwertend agieren, mangelt es an Offenheit und Akzeptanz. Die beschriebenen Widerstände lassen sich auch mit dem Persönlichkeitskonzept von Carl Rogers erklären. Dieses besagt, dass Erfahrungen vorrangig durch die Selbstaktualisierung als Teil der Aktualisierungstendenz geprüft werden, ob diese mit dem Selbstkonzept vereinbar sind und organismisch integriert werden können. In diesem Fall wird die Erfahrung, das Erlebte, nicht zugelassen. Stattdessen wird ein Verhalten gezeigt, das auf Ablehnung basiert oder dass das Erfahrene „verzerrt symbolisiert“, um das Selbstkonzept zu erhalten (Weinberger 2013, 26). Rogers bezeichnet diesen Zustand als Inkongruenz.
Lothar Böhnisch greift in seiner Theorie der Lebensbewältigung ebenfalls dieses Thema auf. Ausgangspunkt sind kritische Lebenskonstellationen, die nicht bewältigt werden können. Die Person ist dann nicht mehr in der Lage z. B. mit den damit ausgelösten Verlusterfahrungen oder Versagensängsten umzugehen, sie kann ihr „Problem“ wie Böhnisch sagt, nicht thematisieren. Es entsteht eine innere Hilflosigkeit, die abgespalten wird. Durch die erlebte innere Hilflosigkeit entsteht ein Bewältigungsdruck, der abgebaut werden muss – da uns generell ein Streben nach Handlungsfähigkeit innewohnt – und das kann äußerlich in Form von verbaler, psychischer und physischer Gewalt erfolgen. Die innere Hilflosigkeit wird auf Andere, auf Schwächere, auf das konstruierte „Fremde“ projiziert. Das Opfer wird zum „Träger seiner eigenen Hilflosigkeit“ (Böhnisch 2019, 23). Die innere Hilflosigkeit kann auch per Delegation an eine Gruppe (unbewusst) erfolgen, die antisozial eingestellt ist und ein fremdenfeindliches und rassistisches Verhalten gegenüber einer anderen Gruppe, hier von geflüchteten Menschen, zeigt (Böhnisch 2019, 27f.).
Diese Sicht wird auch in der Leipziger Autoritarismus Studie 2024 vertreten: „Die Wut, die sich unter anderem auf Migranten entlädt, ist eine autoritäre Aggression und sie kann durchaus als Bewältigungsstrategie verstanden werden. Würde man aber in diesem Hass auf »Andere« bloß die kalkulierte Manipulation neoliberaler Politik sehen – die Umlegung des Grolls über die Verhältnisse auf wehrlose Sündenböcke –, würde man die Freiwilligkeit übersehen, die in jedem Autoritätsverhältnis besteht. Deshalb ist es notwendig, zwischen einer Krisenreaktion des Neoliberalismus und einer Krisenbewältigung im Neoliberalismus zu unterscheiden.“ (Decker et al. 2024, 19). Ergänzend sei der Psychoanalytiker Arno Gruen zitiert, der sich mit der Entstehung von Gehorsam und Autorität beschäftigte. Er erforschte das Verhalten, das zum Gehorsam führt und stellt fest, wer zum Gehorsam erzogen wurde, verleugnet sich selbst und seine Gefühle. „Mit dem Gehorsam geben wir unsere eigenen Gefühle und Wahrnehmungen auf.“ (Gruen 2014, 45). Somit kann denjenigen, die ein rassistisches und fremdenfeindliches Verhalten zeigen sowie gewalttätig sind, ein Mangel an Empathie attestiert werden. Mit dem Hass auf Andere, so Gruen, ist immer der „Hass auf das Eigene, das man aus Gehorsam aufgeben musste“ gemeint. Gruen betont, dass gerade bei rechtsradikalen Bewegungen bzw. Gruppen, nicht die „Ideologie, sondern Minderwertigkeitsgefühle“ ausschlaggebend sind (Gruen 2014, 54).
Bevor ich zum nächsten Schritt übergehe, möchte ich ein Resümee zu Schritt 1 ziehen.
Die Erklärungsansätze zeigen mir zum einen, dass das im Grunde ablehnende Verhalten und die Formen der Gewalt, individuell begründet sind. Es handelt sich bei diesem Personenkreis um Menschen, die z. B. ihre innere Hilflosigkeit auf die geflüchteten Menschen in pervertierter und damit nicht sozial-konformer Weise projizieren. Dabei handelt es sich nur um Symptome. Um an den Ursachen zu arbeiten, benötigt es einerseits die Bereitschaft dieser Menschen, andererseits erfordert es therapeutische Settings oder wie Böhnisch in seiner Darlegung der Lebensbewältigung vorschlägt, das Vorhalten von funktionalen Äquivalenten (verschiedene soziale „Formen“, in denen gelernt werden kann, Konflikte und Probleme zu thematisieren) (Böhnisch 2019, 127). Um diese Menschen zu erreichen, bräuchte es spezielles Handlungswissen sowie Ressourcen, die uns in der Stadtteilarbeit nicht zur Verfügung standen und stehen. Im Umgang mit von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit betroffenen Menschen tauschen wir uns mit Kooperationspartnern aus, z. B. mit der Koordinierungs- und Kontaktstelle des Jenaer Stadtprogramms gegen Fremdenfeindlichkeit, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Intoleranz (KoKont), die ebenfalls den Runden Tisch für Demokratie leitet oder Ezra (Beratung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen) und vermitteln die Kontaktaufnahme.
Zum anderen standen für uns diejenigen Menschen der Aufnahmekultur im Fokus der Nachbarschaftsarbeit, die Vorurteile äußerten sowie die 60,5 % der Befragten, die ihr Interesse am Thema „geflüchtete Menschen in Winzerla“ bekundeten. Unser Ziel war es, Ängste und Vorurteile, die nicht psychisch bzw. traumatisch verankert sind, durch Begegnung und Austausch abzubauen.
Natürlich hatten wir auch die Bedürfnisse der geflüchteten Menschen nach Schutz und Orientierung im Blick. Eine Analyse aus Sicht der Zugewanderten war uns zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, da wir erst in der Umsetzung des Projektes ELLi näheren Kontakt zu dieser Gruppe aufbauten.
Im Schritt 2 werden aus den Erklärungsansätzen ableitend mögliche Arbeitshypothesen gebildet. Die hier formulierten Arbeitshypothesen beschränken sich auf das Handlungspotenzial sowie die vorhandenen personellen und professionellen Kompetenzen des Stadtteilbüros.
Arbeitshypothese 1: Wenn ein gezielter Austausch zwischen der Ankunfts- und Herkunftskultur geschaffen wird, dann lassen sich Vorurteile und Stereotypen, die sonst (weiter) zu einer Abwertung und Diskriminierung der geflüchteten Menschen führen, schrittweise abbauen. (Kontakthypothese)
Arbeitshypothese 2: Wenn Menschen der Herkunftskultur diffuse Ängste in der Aufnahmegesellschaft verursachen, dann begegnen wir diesen mit Respekt, Akzeptanz sowie Wertschätzung und initiieren Verstehensprozesse und Wege, um allen Beteiligten Sicherheit und Orientierung zu geben. (Akzeptanztheorie)
Arbeitshypothese 3: Wenn politische und gesellschaftliche Prozesse, die zum Krieg in Syrien geführt haben, transparent dargestellt werden, dann kann das zu einer erhöhten Akzeptanz von geflüchteten Menschen beitragen. (Akzeptanzsteigerung durch Wissensaneignung)
Zwischenschritt: „Was ist (nicht) gut“ und woraufhin zielt die Intervention ab? Durch die fremdenfeindlichen Übergriffe wurde die Menschenwürde der geflüchteten Menschen verletzt. Ziel unserer Intervention war es, den sozialen Verunsicherungen zu begegnen und Austausch- und Verstehens-Prozesse zu initiieren, um Ängste und Vorurteile abzubauen.
Schritt 3: In diesem Schritt wird das professionelle Handeln beschrieben, indem Handlungsleitlinien, Arbeitsweisen und Methoden herausgearbeitet werden.
Folgende Handlungsleitlinien beinhalteten unser Konzept: Um Vorurteilen und Stereotypen entgegenzuwirken, werden Begegnungen zwischen den Menschen der Herkunfts- und Aufnahmekultur initiiert. Es werden Möglichkeiten zur Integration geschaffen. Durch einen gemeinsamen Dialog werden Ansätze entwickelt, in denen unterschiedliche Sichtweisen Berücksichtigung finden und damit den Erfahrungshorizont sowohl der Aufnahme- als auch der Herkunftskultur erweitern.
Ziel ist es, gegenseitiges Verständnis füreinander zu entwickeln, das den anderen in seinem individuellen Sein erkennt und anerkennt. Einem Aufbau von „Parallelwelten“ soll entgegengewirkt werden. Es werden Angebote geschaffen, die zu einer aktiven Mitwirkung aller Beteiligten einladen. Als sinnvoll werden Tätigkeitsbereiche erachtet, die den kreativen Potenzialen der Menschen entsprechen und dabei geistige, künstlerische sowie handwerkliche Fähigkeiten aktivieren. Die gesellschaftlichen Veränderungen bergen auch eine individuelle Chance: die eigene kulturelle Identität besser zu begreifen, das Gemeinsame in allen Unterschieden zu erkennen und daraus eine Annäherung möglich werden zu lassen. Es gilt, den neuen Herausforderungen (z. B. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede, fehlende Teilhabechancen) angemessen zu begegnen.
Um die Handlungsleitlinien im Schritt 3 umzusetzen, initiierten wir in unserem Projekt „ELLi“ eine Nähwerkstatt, ein Sprachcafé, einen Cajon-Workshop, Klavier- und Gitarrenunterricht, internationale Kochabende, die Bildung einer Frauengruppe; wir integrierten die Geflüchteten in die Gruppe der „Gärtner:innen“ im Stadtteilgarten und veranstalteten eine Erzählcafé-Reihe, in der Geflüchtete über ihr Leben in Syrien und ihre Flucht berichteten. Für die Öffentlichkeitsarbeit nutzten wir unter anderem die monatlich erscheinende Stadtteilzeitung sowie die Internetpräsenz des Stadtteilbüros.
In Bezug auf die formulierten Arbeitshypothesen im Schritt 2 wählten wir als mögliche Handlungsmethode das Erzählcafé.
3. Das Erzählcafé als abgeleitete Methode aus dem transformativen Dreischritt
Die Methode „Erzählcafé“ ist nicht geschützt und der Gebrauch dieses Begriffes wird nicht ausschließlich als Rahmen für biografisches Erzählen verwendet. Sabine Gieschler benennt Carl Wolfgang Müller (1928-2021, ehemals Professor für Sozialpädagogik) als den „Urheber der Erzähl-Café-Idee“ (Gieschler 1999, 233). Das erste von insgesamt 250 Erzählcafés, die alle Sabine Gieschler moderierte, fand im September 1987 in Berlin-Wedding statt. Die Erzählcafés, die in der Tradition der Oral History stehen, fanden in einer Kaffeehaus-Atmosphäre statt, einem Ort, an dem „Behaglichkeit und Sachlichkeit zusammenfinden“ (Gieschler 1999, 235).
Theoretische Betrachtung
Michael Winkler operiert in seiner Theorie der Sozialpädagogik mit den beiden zentralen Begriffen „Subjekt“ und „sozialpädagogischer Ort“, wobei der Ort im sozialpädagogischen Sinne zur Subjektwerdung, im Sinne des Erzählcafés zur Selbstreflexion und Selbstvergewisserung beiträgt, und wie Winkler bemerkt: „Indem das sozialpädagogische Handeln sich in der Gestalt des Ortes vergegenständlicht, schafft es die Voraussetzung für einen Bildungsprozess des Subjekts, dessen Zukunft noch von dem Subjekt selbst bestimmt werden kann.“ (Winkler 2021, 262). Das sozialpädagogische Handeln bezieht sich hier auf die Reflexion des Erlebten und schafft eine Möglichkeit des „Bewusster-Werdens“ der eigenen Lebensgeschichte. Diesem Prozess ist das Potenzial „Zukunft zu gestalten“ immanent, und er birgt die Chance, einen erweiterten und erneuten Blick auf die Biografie zu werfen. Hier ist der Unterschied zwischen erlebter und erzählter Geschichte gemeint. Die erzählte Geschichte ist immer eine (Re-)Konstruktion des Erlebten und vom jeweiligen Bewusstseinszustand des Erzählenden abhängig (vgl. Rosenthal 1995, 20). Nach Winklers Theorie kann der sozialpädagogische Ort auch als Sozialraum bezeichnet werden, der für die Zeit des Erzählens und Zuhörens geschaffen bzw. konstruiert wird (Löw 2001, 158f.). Sabine Gieschler bezeichnet das Erzählcafé als „Forum für erlebte Geschichte“, in dem sich das „Zusammenspiel von Reflexion, Kontemplation und Empathie entwickeln kann, in dem Selbst-Reflexion und das Vermögen Zuzuhören, sich entfalten können“. Es braucht also auch eine Hörkultur, die wie Gieschler meint, die Grundlage ist, damit sich eine „Erzählkultur etablieren kann.“ (Gieschler 1999, 256).
Abschließend sei noch die Bedeutung des Erzählcafés für das kollektive Gedächtnis erwähnt. Gieschler fragt: „Ist es nicht vielmehr so, dass Bestandteil eines kollektiven Gedächtnisses nur werden kann, was präsent ist, was gewusst wird, was das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat und sich überhaupt erst dadurch ins kollektive Bewusstsein einschreiben konnte?“ Es ist die „Publizität der Taten“ und erlebte Geschichte erhält „ihre Gestalt allein über die Veröffentlichung des Erlebten.“ (Gieschler 1999, 318). Damit weist sie auf einen entscheidenden Aspekt hin, dass das Erzählte „Teil des kollektiven Gedächtnisses künftiger Generationen“ werden kann (Gieschler 1999, 344). Oder wie es Halbwachs formuliert: „Wir tragen stets eine Anzahl unverwechselbarer Personen mit und in uns.“ (Halbwachs 1985, 2). Es ist also fast eine gesellschaftliche Notwendigkeit, das Erlebte von geflüchteten Menschen in die Öffentlichkeit zu bringen, um das kollektive Gedächtnis auf diese Art zu bereichern.
Natürlich stellt sich die Frage, ob das Erzählcafé in Bezug auf die (negativen) Befragungsergebnisse und des Syndroms der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit die „richtige“ Methode sei, um diesem Stimmungsbild zu begegnen. Zumal die geflüchteten Menschen mit diesem Format der Öffentlichkeit und eventuellen Anfeindungen ausgesetzt sind. Da ich diese Erfahrung als Moderator der Erzählcafés bisher nicht gemacht habe, ist es für mich eine hypothetische Frage. Um eine Antwort zu geben, gehe ich auf die Hintergründe (siehe Schritt 1) derjenigen ein, die eine radikale und abwertende Haltung gegenüber geflüchteten Menschen haben. Es scheint mir sehr unwahrscheinlich, dass diese Personen im Alleingang eine solche Veranstaltung besuchen, da ihnen „ihre“ Gruppe fehlt, über die sie die Ablehnung projizieren. Dass diese Personen als Gruppe ein Erzählcafé besuchen, halte ich ebenfalls für sehr unwahrscheinlich, da sie einer anderen (interessierten) Gruppe auf Augenhöhe begegnen würden. In der Veranstaltung als eine Gruppe neben der anderen involviert zu sein, würde aufgrund ihrer Abgrenzung und folglich eingeschränkten Dominanz nicht infrage kommen. Außerdem gibt es eine Person, die moderiert und im Extremfall ein Hausverbot aussprechen kann.
Rahmenbedingungen
Während der dreijährigen Projektlaufzeit habe ich insgesamt neun Erzählcafés durchgeführt, die alle aufgezeichnet wurden. Wir gestalteten die Reihe so, dass zu Anfang Personen erzählen, die bereits einen Integrationsprozess durchlaufen haben und bereits mehrere Jahre in Deutschland leben. Wir suchten nach Personen, die in der Öffentlichkeit präsent sind und natürlich den Mut haben, über sich und was sie erlebten, zu erzählen.
Diese Vorgehensweise bot sich an, um einen Vorlauf zu haben bis wir Erzähler:innen aus Syrien gewinnen konnten, die es sich sprachlich zutrauen ohne Dolmetscher:in zu erzählen. Die ersten vier Erzählcafés führten wir mit Personen durch, die ich aus dem unmittelbaren Arbeitsumfeld kannte, eine Person davon wurde mir „empfohlen“ und alle weiteren Erzähler:innen konnten wir aus unserem Integrationsprojekt ELLi gewinnen.
Noch eine Bemerkung zum Ort. Die Erzählcafés fanden in unserem ehemaligen Projektraum an einer Grundschule sowie im Stadtteilbüro statt. Beide Orte sind zentral gelegen und barrierefrei erreichbar. Unsere begrenzten Ressourcen und auch die Raumgrößen haben keine „Kaffeehaus“-Atmosphäre zugelassen. Dennoch gab es auch Erzählcafés, in denen typische Speisen aus dem Kulturkreis des Erzählenden angeboten und im Anschluss bei gemeinsamen Gesprächen verzehrt wurden.
Abbildung 1: Erzählcafé mit Michail B. in den Räumen der Grundschule (Quelle: Markus Meß)
Vor jedem Erzählcafé habe ich mit der erzählenden Person ein Vorgespräch geführt, das ich biografisch fragend gestaltete, um mir ein umfassendes Bild über die Person zu machen. Dieses Wissen gab mir die Sicherheit, im Falle eines Blackouts beim Erzählen oder falls der Erzählfluss stocken sollte, empathisch zu intervenieren. Ebenfalls fragte ich nach Bildmaterial, das geeignet wäre mit ins Erzählen zu integrieren. Das war fast immer der Fall, dass die Erzählenden Fotos oder auch Videomaterial bereitstellten, die digital aufbereitet über einen Beamer präsentiert wurden. Auch verwendete ich geografische Karten, um die Heimatorte besser zuzuordnen. Zum Vorgespräch fragte ich auch nach Themen, über die der Erzählende nicht sprechen möchte. Es gab auch eine „goldene Regel“ im Erzählcafé, dass das Erzählte nicht infrage gestellt oder diskutiert wird. An den Erzählcafés nahmen im Schnitt 25 Personen teil. Ich kündigte die Erzählcafés in der Stadtteilzeitung an und schrieb auch Rückblenden zu den Veranstaltungen (Mehr Informationen über die Erzählcafés siehe: www.winzerla.com unter der Rubrik Projekte).
Nachfolgend stelle ich die Erzähler:innen und Themen kurz vor.
Die Erzähler:innen
Den Auftakt machte Michail. B. (64 J.), Architekt und Künstler, der in Drogichin bei Brest geboren wurde. Aufgrund seiner nicht staatskonformen Ansichten wird er physischen und psychischen Repressalien ausgesetzt. Als entschieden wurde, in Belarus wieder sowjetische Verhältnisse einzuführen, entschließt er sich seine Heimat zu verlassen. Als „jüdischer Kontingentflüchtling“ siedelt er 1998 nach Deutschland über. Michail B. erzählt über die Zeit des Ankommens in Deutschland. Er gründet in Jena einen interkulturellen Verein, arbeitet im Migrationsbeirat der Stadt Jena mit und leitet seit einigen Jahren einen Malkurs in Winzerla.
Thomas G. (63 J.) bildet in der Reihe der Erzählenden eine Ausnahme. Die Themen Integration und Fremdenfeindlichkeit haben ihn als Streetworker in Winzerla sehr geprägt. Er erzählt über die DDR-Zeit, das Leben als Oppositioneller, die politische Wende und über seine Erfahrungen und Erlebnisse mit den drei Jugendlichen, die später das NSU-Trio bildeten.
Abbildung 2: Siegfried Mundlos (Vater von Uwe Mundlos) in der Diskussion mit Thomas G. (Quelle: Eigene Aufnahme)
Samvel B. (50 J.) kommt aus Armenien. Als sowjetischer Offizier erhält er 1988 die Möglichkeit, in der DDR seinen Militärdienst abzuleisten. Nach Quittieren des Militärdienstes 1993 beginnt für ihn und seine Familie eine Odyssee. Er erzählt unter anderem über die Verhältnisse in Armenien und seine kranke und schwerbehinderte Tochter, die medizinisch versorgt werden muss. Die Familie will in Deutschland bleiben und beantragt Asyl. Er erzählt über die entbehrungsreiche Zeit im Asylheim, seine prekären Arbeitsverhältnisse und die Terrorisierungen von Nachbarn mit rechter Gesinnung in Winzerla. Er arbeitet in mehreren Gemeinschaftsunterkünften, bis er schließlich 2011 selbst Leiter einer Gemeinschaftsunterkunft in Jena wird.
Jalil B. (26 J.) fungiert in den Anfangszeiten unseres Projektes als Dolmetscher in der Nähwerkstatt und kümmert sich auch um soziale Belange der geflüchteten Menschen, z. B. bei der Übersetzung der Behördenpost. Er kommt bereits 2010 nach Deutschland, um Medizin in Jena zu studieren. Er stammt aus Qamischli in Syrien, ist Aramäer und christlich geprägt. Mit dem Ausbruch des Krieges bleibt die finanzielle Unterstützung der Eltern aus. Er jobbt neben dem Studium als Kellner, bei der Post, als Dolmetscher bei der Thüringer Landespolizei und beim BAMF, wo er die Richtigkeit der Angaben von Asylsuchenden feststellt. Jalil erzählt über die Ereignisse nach dem Arabischen Frühling in Syrien, über die plötzliche Bedeutungshoheit der verschiedenen Glaubensrichtungen und über die neuen Machtverhältnisse, die sich in seinem Heimatland entwickeln.
Haifaa S. (34 J.), die zum Zeitpunkt des Erzählcafés ihren B2-Sprachkurs absolviert, kommt aus Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens. Sie arbeitete dort als Buchhalterin und erzählt über die Zeit vor dem Krieg, über Traditionen und die Moderne in Aleppo, die Zerstörung ihres Wohnhauses, ihre alleinige Flucht über die Balkanroute und das Lebensrisiko fortwährend Schlepper anzuheuern. Es war ein Abschied in Raten, bis kein Leben mehr möglich war, es kein Wasser und keinen Strom mehr gab.
Hasan R. (26 J.) kommt aus Syrien, einem kleinen kurdischen Dorf an der türkischen Grenze. Er erzählt über die Anfänge der Unruhen 2011. Zu dieser Zeit leistet er seinen Militärdienst bei Damaskus in einer Spezialeinheit ab. Seine Ausbilder kommen aus Nordkorea und Russland. Die landesweiten Demonstrationen nehmen zu. Die Lage eskaliert. Er will nicht auf unschuldige Zivilisten schießen müssen und desertiert. Er flüchtet nach Kurdistan in den Nordirak, von dort über die Türkei, Bulgarien, Rumänien, Österreich nach Deutschland. Hasan R. erzählt über die aktuelle Lage in Syrien, welche religiösen und militärischen Gruppierungen es gibt und über die Rolle der Kurden.
Hoshin Z. (28 J.) kommt aus Qamischli und lebt seit 2015 in Deutschland. Nach dem Absolvieren der Sprachkurse hat er eine für sich passende Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik in Jena gefunden, die er 2017 begonnen hat. Es ist nicht seine erste Ausbildung. In Syrien hat er französische Literatur studiert, konnte das Studium aber nicht abschließen. Das Land wurde zunehmend vom Islamischen Staat (IS) und der al-Nusra-Front kontrolliert. Seine Familie, insbesondere sein Vater, musste unter den Repressalien des Assad-Regimes leiden. Er reflektiert das Leben in Syrien und was es heißt „Kurde zu sein“. Er erzählt auch über seine Fluchterfahrungen in den Ländern Irak, Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und Österreich.
Abbildung 3: Hoshin Z. im Gespräch mit Gästen nach dem Erzählcafé (Quelle: Eigene Aufnahme)
Fatima A. (23 J.) kommt aus einer Kleinstadt in der Nähe von Hama in Mittelsyrien. Sie lebt bis zur Flucht 2014 mit ihren Eltern und ihren sechs Geschwistern in ihrem Heimatort. Ein neues Zuhause findet die Familie in der Türkei, in Antalya. In der Türkei heiratet sie und beschließt nach anderthalb Jahren mit ihrem Mann nach Europa überzusiedeln. Wie sie sagt, war es „eine spontane Idee“. „Ich wollte als Kind immer schon reisen, weg von Syrien, um andere Kulturen kennenzulernen.“ Für andere ist diese „Reise“ eine angstbesetzte Flucht, für Fatima A. ein Abenteuer. Eine Woche, ohne Geld für Schlepper, Grenzkontrollen und Ausweisungen! Sie hat Glück, denn es gab um Weihnachten 2015 ein kleines Zeitfenster von ca. 14 Tagen, in dem es ohne Probleme möglich war, die Grenzen ohne Repressalien und Gefahren zu passieren. Die Ankunft in Deutschland gestaltet sich ebenfalls unkompliziert, nach Flüchtlingsunterkünften in Hermsdorf, Eisenberg, Mühlhausen kommt sie nach Jena und zieht nach Winzerla. Die neue Kultur in Deutschland ist ungewohnt, der Bürokratismus, die vielen Papiere oder Verabredungen, das ist ihr fremd. Es kommen die kulturellen Unterschiede zur Sprache: „Man kann hier nicht spontan sein, man muss immer für zwei Wochen im Voraus planen.“ Sie ist religiös und trägt bewusst ein Kopftuch, eine Art Identität, die sie sich bewahren will.
Abbildung 4: Erzählcafé mit Fatima A. in den Räumen des Stadtteilbüros (Quelle: Markus Meß)
Hussein S. (53 J.) kommt 2015 mit den ersten geflüchteten Menschen nach Winzerla und lebt dort übergangsweise in der Turnhalle. Seine Frau und die drei Kinder kommen zwei Jahre später nach Deutschland. Hussein S. kommt aus der Umgebung von Qamischli, im Nordosten Syriens an der Grenze zur Türkei. In Aleppo studiert er Mathematik. Danach arbeitet er als Mathematiklehrer an einer Hochbegabtenschule in Qamischli. Von 1997 bis 2010 lebt die Familie in Saudi-Arabien. Dort unterrichtet er Mathematik an einem Gymnasium. Er erzählt über die veränderten Rollenbilder von Frau und Mann im Kontext der von ihm erlebten Gesellschaftssysteme. Seine Kinder gehen in Jena zur Schule, seine Frau und er haben eine Arbeit, er ist zufrieden, dennoch sagt er: „Ich habe Heimweh, ich würde gern zurückgehen.“
4. Zwischenbilanz und Fazit
Das Ziel, mit den Erzählcafés einen Ort der Begegnung und des Austausches zu schaffen, haben wir erreicht. Dies mache ich insbesondere an der Neugier, den Fragen und Gesprächen fest, die bei den Zuhörenden durch die Erzählungen ausgelöst wurden. Wir haben viel Wissenswertes über arabische und kurdische kulturelle Prägungen im Spiegel unserer eigenen kulturellen Prägungen kennengelernt.
Ich möchte zum Schluss noch einmal auf die Arbeitshypothesen aus Schritt 2 rekurrieren und kurz darstellen, wie wir die Kontakthypothese, Akzeptanzhypothese und Akzeptanzsteigerung durch Wissensaneignung umgesetzt haben.
In den Erzählcafés begegneten wir den Vorurteilen und Ängsten direkt, indem die Repräsentant:innen Einblicke in ihre Herkunftskulturen gaben, wie etwa mit Berichten über ihr Arbeitsleben in Syrien. Auch die Bedeutung der Religion, insbesondere des Islams und der religiösen Vielfalt in Syrien, wurde thematisiert. Wir sprachen über die Kleidung und das Kopftuch. Haifaa erzählte von gesellschaftlichen Tendenzen in Aleppo, der westlichen Öffnung und deren Folgen, von traditionell sowie modern geprägten Stadtteilen, von Frauen, die ganz bewusst kein Kopftuch tragen, während andere ihre religiösen Werte durch ihre Kleidung vertreten.
Ein weiteres und zentrales Thema war die Arbeitssuche sowie das Bestreben der Geflüchteten, beruflich Fuß zu fassen, was oft durch bürokratische Hürden stark erschwert wurde. Sowohl in den Erzählcafés als auch in den anderen ELLi-Projekten nahmen wir emanzipatorische Bestrebungen wahr. Viele syrische Frauen entdeckten die neuen sozialen Freiheitsgrade. Sie lernten motiviert Deutsch und begannen sich aus der traditionellen Rolle als Hausfrau und Mutter zu lösen wie zum Beispiel Fatima, die ihren Wunsch, ein Studium aufzunehmen, im Erzählcafé teilte.
Auch thematisierten wir den Krieg und seine Folgen, die widrigen Lebensbedingungen, die zerstörte Infrastruktur und traumatische Fluchterfahrungen. Diese geteilten Erfahrungen haben aus meiner Sicht zu einer erhöhten Akzeptanz der geflüchteten Menschen beigetragen. Zum Teil nahm ich Betroffenheit, Respekt und die Würdigung des Mutes gegenüber den Erzähler:innen wahr, sich diesen Herausforderungen ausgesetzt und gestellt zu haben.
Inhaltlich thematisierten wir in den Erzählcafés auch die komplexen politischen Bedingungen, die zum Krieg und dessen Folgen geführt haben. Da die Lage in Syrien für Außenstehende aufgrund der Vielzahl an Akteuren und religiös-militärischen Bewegungen kaum zu durchschauen war, leisteten die Berichte der Erzähler:innen wichtige Aufklärungsarbeit: Hasan, der selbst Soldat gewesen war, berichtete ausführlich und fundiert über die militärische und politische Lage in Syrien, was für Transparenz und Klarheit bei den Zuhörenden sorgte. Hoshin wiederum berichtete über die familiären Repressalien, die seine Familie als Kurden unter dem Assad-Regime erleiden musste.
Diese vielfältigen Perspektiven und Schlaglichter auf den zuvor unbekannten Kulturkreis im Rahmen von ELLi - insbesondere durch das Erzählcafés - haben meiner Meinung nach den Respekt und das Verständnis für die geflüchteten Menschen gefördert sowie Vorurteile und Ängste abgebaut. Damit haben sich die Arbeitshypothesen bestätigt. Das Vielfaltsbarometer 2025 der Robert Bosch Stiftung stützt diesen Befund und bestätigt die „sogenannte Kontakthypothese, wonach Menschen anderen Gruppen gegenüber offener eingestellt sind, wenn sie schon mal Kontakt mit ihnen hatten. Daher ist es fundamental, Räume für diese Begegnungen zu schaffen, selbst wenn dies zeit- und kostenintensiv ist. So entstehen ein Wir-Gefühl und eine höhere Akzeptanz von Vielfalt.“ (Robert Bosch Stiftung 2025, 10).
Das Projekt hatte auch einen „aktivierenden“ Charakter. Erzählende und Zuhörende begegneten sich erneut in unseren Teilprojekten, unter anderem im monatlich stattfindenden Kochabend.
Durch den transformativen Dreischritt war es im Nachgang möglich, eine umfassende Analyse der damaligen Situation durchzuführen. Während die Arbeitshypothesen das Vorhaben auf den Prüfstand stellten, erwies sich das aus den theoretischen Erklärungsansätzen und Arbeitshypothesen abgeleitete „Erzählcafé“ als äußerst geeignete Methode. Letztendlich konnten die Arbeitshypothesen durch die praktische Umsetzung in den Erzählcafés umfänglich bestätigt werden. Heute sind die Erzählcafés ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit und finden regelmäßig zu unterschiedlichen Themen statt.
5. Literatur
Böhnisch, Lothar (2019): Lebensbewältigung. Ein Konzept für die Soziale Arbeit. 2. Aufl. Beltz Juventa, Weinheim/Basel.
Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Heller, Ayline/Brähler, Elmar (2024): Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2024. In: Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Heller, Ayline/Brähler, Elmar (Hrsg.) (2024): Vereint im Ressentiment. Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie 2024. Psychosozial-Verlag, Gießen, S. 9–26.
Dehn, Christopher/Liske, Martina/Mehlich, Andreas (2014): Befragung von Bildungseinrichtungen und Trägern der freien Jugendhilfe zum Thema „Rechts“ in Winzerla - Hypothesen und Ergebnisse. Expertise (unveröff.).
Gieschler, Sabine (1999): Leben erzählen. Von der Wiederbelebung einer Kulturtätigkeit in postmoderner Zeit. Waxmann, Münster/New York/München/Berlin.
Gruen, Arno (2014): Wider den Gehorsam. Klett-Cotta, Stuttgart.
Halbwachs, Maurice (1985): Das kollektive Gedächtnis. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main.
Hartmann, Julia/Meß, Markus (2018): ELLi – ein Projekt zur Verständnisförderung. Eine Zwischenbilanz. (Hrsg.): mittendrin e.V., liegt als PDF und Broschüre vor.
Heitmeyer, Wilhelm (2002): Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und erste empirische Ergebnisse. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2002): Deutsche Zustände, Folge 1. Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 15-36.
Heitmeyer, Wilhelm (2008): Die Ideologie der Ungleichwertigkeit. Der Kern der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (2008): Deutsche Zustände, Folge 6. Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 36-44.
Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Mehlich, Andreas (2011): Heiter, traurig, nachdenklich – Passagen aus fünf Erzählcafés in Weimar-West. In: Braune, Gudrun/Fauser, Peter (Hrsg.) (2011): Menschen, Dinge, Landschaften. 20 Jahre Thüringische Vereinigung für Volkskunde, Heft 20, Erfurt, S. 184–192.
Merkel, Angela (Bundeskanzlerin) am 31.08.2015 in der Bundespressekonferenz. https://www.youtube.com/watch?v=kDQki0MMFh4 Zugriff: 30.03.2026
ORBIT e.V. (2014): Jenaer Kinder- und Jugendstudie. https://www.orbit-jena.de/veroeffentlichungen/ Zugriff: 30.03.2026
ORBIT e.V. (2017): Jenaer Kinder- und Jugendstudie. https://www.orbit-jena.de/veroeffentlichungen/ Zugriff: 30.03.2026
Robert Bosch Stiftung (2025): Vielfaltsbarometer 2025. Zum Stand des Zusammenlebens in Deutschland. Robert Bosch Stiftung, Stuttgart.
Rosenthal, Gabriele (1995): Erlebte und erzählte Lebensgeschichte. Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschreibungen. Campus, Frankfurt am Main/New York.
Stadtteilbüro Jena Winzerla (2017): Bürgerbefragung. Expertise (unveröff.).
Staub-Bernasconi, Silvia (2018): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Soziale Arbeit auf dem Weg zu kritischer Professionalität. 2. Aufl. Barbara Budrich, Opladen/Toronto.
Weinberger, Sabine (2013): Klientenzentrierte Gesprächsführung. Lern- und Praxisanleitung für psychosoziale Berufe. 14. Aufl. Beltz Juventa, Weinheim/Basel.
Winkler, Michael (2021): Eine Theorie der Sozialpädagogik. (Neuausgabe, herausgegeben von Gaby Flösser und Marc Witzel). Beltz Juventa, Weinheim/Basel.
Zitiervorschlag
Mehlich, Andreas (2026): „Wir schaffen das!“. In: sozialraum.de (17) Ausgabe 1/2026. URL: https://www.sozialraum.de/wir-schaffen-das.php, Datum des Zugriffs: 03.06.2026




