Mit Martha Muchow und Ulrich Deinet in der Shopping Mall

Sozialräumliches Handeln von Kindern und Jugendlichen in Konsumtempeln damals und heute

Ellen Bareis

Der folgende Beitrag erscheint als posthume Veröffentlichung. Leider ist unsere Kollegin Ellen Bareis 8. März 2024 verstorben. Sie fehlt uns als neugierige, engagierte und kritische Forscherin und als Kollegin in der sozialwissenschaftlichen Raumforschung. Wir haben uns als Redaktion entschlossen, den folgenden Beitrag zu ihrem Andenken und als Zeichen unserer fachlichen Verbundenheit zu publizieren. Die Veröffentlichung erfolgt mit Zustimmung ihrer akademischen Nachlassverwalterin.

1. Einleitung

Um in die alltägliche Welt von Kaufhäusern, Einkaufszentren, Shopping Malls und Urban Entertainment Centers einzutauchen, helfen Methoden der qualitativen Sozialforschung, die von Ulrich Deinet besonders ausgearbeitete Nadelmethode und insbesondere die Ethnographie. Es hilft aber auch ein Blick in die (industrie-)kulturellen Produktions- und Rezeptionsprodukte. Denn der Alltag wird literarisch und im Comic, in B-Movies und Netflix-Serien auf eine spezifische Weise rezipiert, die insbesondere die Architektur, die Körper und die Fantasie des gelebten Raums in sprachliche und virtuelle Bilder fasst. Daher möchte ich in meinem Beitrag für diesen Band eine Erweiterung der empirischen Forschung um mediale, kulturindustrielle, populärkulturelle und künstlerische „Narrationen“ vorschlagen und bewege mich im Folgenden in einer Art „Material-Erzählung“. Mein Vorschlag ist ein stärkeres interdisziplinäres Wahrnehmen und Analysieren der Kämpfe um die Produktion von gesellschaftlichen Räumen, die deren Aneignung, Ablehnung und Überschreibung umfassen. Warum leben die wissenschaftlichen Disziplinen der Stadtforschung, der Stadtplanung, der Kunst, der Soziologie, der Kulturwissenschaften, der Sozialpädagogik und der Sozialen Arbeit in so unterschiedlichen diskursiven und disziplinären Räumen, obwohl sie sich mit den gleichen Räumen, Quartieren, Regionen, Dörfern oder Lebensweisen auseinandersetzen? Diese Frage bildet sozusagen das Hintergrundrauschen zu diesem eher essayistisch angelegten Beitrag.

Als Soziologiestudentin fokussierte ich mich Ende der 1990er Jahre angesichts neuer Vertreibungspolitiken in den deutschen Innenstädten (Der Spiegel titelte damals Aufräumen wie in New York) auf das Thema des Städtischen und auf raumtheoretische Fragen sowie die Frage des Alltags, der Kontrolle, der Nutzung, Vermeidung und Aneignung/Umnutzung. Es war wohl ein biografischer Zufall oder auch eine schöne Koinzidenz, dass ich einige Diskussionen aus der Sozialpädagogik und deren spezifischen Blick auf das Thema Kinder und Jugendliche kennenlernte. In meinem ethnographischen und soziologisch verorteten Dissertationsprojekt zu Shopping Malls (Bareis 2007) spielten diese Fragen nach den Kindern und Jugendlichen keine prominente Rolle. Ohne dieses ungeplante interdisziplinäre Zusammentreffen, wären mir vielleicht bezüglich meines Dissertationsthemas weder Martha Muchow noch Ulrich Deinet begegnet. Und tatsächlich habe ich Martha Muchow und Ulrich Deinet erst wirklich „entdeckt“, als das Projekt selbst schon weitgehend abgeschlossen war. Umgekehrt erschien der von Ulrich Deinet herausgegebene Band zu Jugendlichen und Shopping Malls 2017, also zehn Jahre nach der Publikation meiner Promotion. Und meine ethnografische Studie erwähnt Ulrich Deinet in seiner Einleitung als eine der wenigen existierenden Forschungen zu Shopping Malls in Deutschland (Deinet 2018, 11). Es gibt also interdisziplinäre Schleifen, obwohl wir keine interdisziplinären Strukturen haben. Wir arbeiten alle daran. Aber institutionell sind die Schleifen im Akademiealltag und im Praxisalltag – wie die Erfindung der Gesamthochschule oder der Gesamtschule in den 1970er Jahren – zu etwas „Wunderlichem“ geworden.

Vielleicht wäre ich aber doch ohne die „schöne Koinzidenz“ auf die sozialpädagogische Literatur gestoßen. Denn die Kulturwissenschaften hatte ich im Nebenfach und Heinz Steinert hatte als Gesellschaftswissenschaftler die kulturindustrielle Produktion fest im Blick der geduldigen Analyse. Meine Soziologieabschlussklausur konnte ich bei ihm zum Männerbild in den Honkong-Eastern-Filmen schreiben. Diese Perspektive habe ich im Weiteren festgehalten. Dadurch hatte ich während meiner Forschung zu Shopping Malls immer einen Blick dafür, dass in Romanen und Krimis, Filmen und Serien des Coming-off-Age-Genres, im Horrorfilm und in Superstar-Comics sowie deren ironischen Persiflagen, Kinder und Jugendliche im Konsumraum eine zentrale Rolle spielen. Fast könnte man meinen, die Schöpfer*innen dieser Produkte, dieser Lebenswelten (wie der Filmkünstler Harun Farocki titelte: Die Schöpfer der Einkaufswelten) hätten Muchow und Deinet gelesen, bevor sie sich an ihr Skript setzten. Aber vielleicht haben auch die Kinder und Jugendlichen ihre Projektionen auf den gesellschaftlich produzierten Raum mit den „Abenteuerromanen“ und allen folgenden Sujets mit ihrem Alltag abgeglichen und nach Realisierung (real oder fantastisch) gesucht.

In meinem Beitrag möchte ich in drei historischen Stationen das Verhältnis von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit und zum (sub-)urbanen Konsumraum kursorisch verfolgen. Die historischen Stationen folgen der staats- und regulationstheoretischen Logik, auch einer soziologischen Logik von Industrialisierung, Fordismus und Postfordismus. Es gibt das Großstädtische der Industrialisierung und der Klassenkämpfe, das Fordistische des Klassenkompromisses und des Konsums für alle und die postfordistisch, neoliberale Situation, deren Analyse uns, weil wir mitten darin stecken, sehr schwerfällt. In dieser Zeit verändern sich die Jugendlichen und auch der städtische (vorstädtische, ländliche) Konsumraum verändert sich. Manches zeigt aber auch erstaunliche Persistenz. Und auch die Frage nach Kontrolle und Alltag, danach, wer gesellschaftliche Räume produziert und wer sie konsumiert / (nicht- /um-)nutzt und dadurch auch produziert – nämlich Lesarten, Interpretationen, Praktiken, letztlich Gesellschaft – bleibt. Das Ende des Beitrags bildet ein kleiner Ausflug nach Hongkong im Herbst 2019 – eine Situation, die ein kleiner Virus komplett auf den Kopf gestellt hat – und die Frage nach der Shopping Mall als common space oder eben als Dead Mall.

Während im ersten Teil (Muchow) die Kinder im Zentrum stehen, sind in den Teilen zwei und drei die Jugendlichen, die Coming of Age, die Teenager im Blick (Becker/Keim 1977; Deinet 2018). Im Ausblick sind die Aktivist*innen junge Erwachsene. Aus den biografischen Erzählungen rund um die Hausbesetzer*innenbewegung im Frankfurter Westend in den späten 1960ern und von Aktivist*innen der Sozialen Arbeit, die im Kontext der Auseinandersetzungen der 1960er und 1970er Jahre Berufsverbot erhalten haben (exemplarisch in diesem Beitrag Manfred Kappeler) habe ich gelernt, dass die Kämpfe, die Erwachsene führen, für die jeweiligen Teenager und Kids relevant sind. Dass dies nicht nur progressiv zu verstehen ist, wird im Verlauf des Beitrags deutlich. Meinem Beitrag möchte ich dennoch eine progressive Grundnote geben. Bei aller berechtigten Kritik an den Shopping Malls verlieren wir einen wichtigen quasi-öffentlichen Ort aus dem Auge, wenn die Shopping Malls sterben. Genauso, wie ich nicht danach strebe, Kirchen zu retten, strebe ich auch nicht danach, Shopping Malls zu retten. Die Fantasie, die Imagination, die Möglichkeiten des Entwurfs halte ich aber als interdisziplinär lebende und der Wissenschaft verpflichtete Gesellschaftswissenschaftlerin für einen Modus, in dem wir vielleicht nicht Freiheit aber zumindest Befreiung denken können. Dass wir uns in diesen Aktivitäten in von uns selbst mitgestaltenden Räumen bewegen, ist eine Selbstverständlichkeit. Vom „Spacing“ muss ich im Folgenden also weder theoretisch noch empirisch reden. Wie Sun Ra schon sang: Space is the place.

2. Martha Muchow – Anfang der 1930er Jahre – Das Kaufhaus im Arbeiterquartier der Großstadt als moderner Raum der Industrialisierung

Im Roman Goldstein von Volker Kutscher (2010) lernen wir 1931 zwei Jugendliche kennen, Alex und Benni. Sie leben auf der Straße, mitten in der Weltwirtschaftskrise vor familiären Gewaltverhältnissen geflohen oder aus ihrer Anstellung entlassen und vor kriminalisierten Familienverhältnissen ins gesellschaftliche Paria-Dasein geschickt. Die eine, Alex, hat zuvor im neuen Kaufhaus am Berliner Herrmannplatz gearbeitet. Durch ihre Insiderinformationen fließt das technische Knowhow über den Betrieb und die Sicherheitsmaßnahmen in ihre Lebensstrategie ein. Benny ist jünger. Er ist auf der Straße gelandet, weil die politischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Nationalsozialisten mitten in der Familie gelandet sind. Für Alex und Benny fließen die kulturellen Versprechungen von Konsum und gesellschaftlicher Teilhabe in der Vorstellung eines „anderen Lebens“ zusammen. In der Eingangsszene des Romans lassen sie sich über Nacht im KaDeWe in Berlin einschließen und erleben sowohl fantastische Teilhabemomente am bürgerlichen Leben (Mode, Tanzen, ein Nachspielen von „Hochzeit“) als auch alltagsrettende Beute (Schmuck). Letztere könnte ihnen, versetzt beim Hehler, das Überleben auf der Straße für weitere Monate sichern. Für die Behörden (Jugendamt und Polizei) ist dies Kriminalität, aus Sicht der Jugendlichen, also Alex und Benny, Überlebensgeschick. Als sie vom Wachdienst entdeckt werden, flüchten sie durch geschickte Nutzung von Fahrstühlen und (nachts stehenden) Rolltreppen. Während Alex einen Weg aus dem Kaufhaus findet, stirbt Benny bei seinem Fluchtversuch, da ein Polizist mutwillig zur Lynchjustiz greift. Dieser Polizist reagiert auf die Devianz der Jugendlichen mit einem vernichtenden Strafbedürfnis. Im Roman ist er ein Vorbote oder früher Aktivist des sich gerade formierenden Nationalsozialismus. Beide Kaufhäuser, jenes am Heinrichplatz und das KaDeWe, wurden von Juden gegründet und geführt. Wenige Jahre später sind beide Kaufhäuser „arisiert“.

Martha Muchow war Psychologin und Pädagogin. Da die Soziologie zu jener Zeit noch in den Kinderschuhen steckte, gilt sie als Protagonistin der teilnehmenden und beobachtenden Forschung der Kindheit und ich möchte hinzufügen, als Protagonistin der qualitativen Sozialforschung. Sie war Mitarbeiterin von William Stern, der direkt nach der Machtübernahme aus dem Universitätsbetrieb und als Institutsleiter wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen wurde und ins Exil fliehen musste. Im September 1933 nahm sich Martha Muchow das Leben.

Den Schwerpunkt ihrer posthum von ihrem Bruder 1935 zusammengestellten Studie Der Lebensraum des Großstadtkindes bilden die Beobachtungen von ihrem Team und ihre beeindruckenden Analysen der Aneignung von städtischem Raum durch Kinder und Jugendliche im Hamburger Arbeiterviertel Barmbek. Als letzten Ort beschreibt Martha Muchow in der Studie „das Warenhaus“ als einen wichtigen und gerne, wenn auch nicht „legal“ oder sozial gewünscht, genutzten Sozialraum für Kinder und Jugendliche (vgl. Muchow/Muchow 2012, 146ff.). Es handelt sich um das Warenhaus Karstadt, das an der bürgerlich-respektablen Einkaufsstraße mitten im Arbeiterquartier gelegen ist. Jürgen Zinnecker hat dies im Kontext seiner neuen Veröffentlichung der Studie detailliert nachvollzogen (Zinnecker 2012). Detailliert beschreibt Martha Muchow die Schleichpfade und Tricks der Kinder und Jugendlichen, um an den Pförtner vorbei zu gelangen, die Lust an Rolltreppeninteraktionen, an Gesprächen mit Verkäuferinnen im Erwachsenensein-Spiel und vieles mehr und analysiert diese Aneignungen des Kaufhauses unter den Überschriften „Abenteuerwelt“ (Muchow/Muchow 2012, 148), „Manövrier- und Trainingsgelände“ (ebd., 151), „Schau‘-Platz“ (ebd., 153) und als Teilnahme an der „großen Welt“ (ebd., 154) der Erwachsenen. Ob wohl Volker Kutscher in der Recherche für seinen Roman Martha Muchow gelesen hat? Ob andererseits die soziologische oder planerische Stadtforschung Martha Muchow je wahrgenommen hat?

3. Heidede Becker und Karl-Dieter Keim – 1977 – Die „passive Alltagshaltung“ und das Einkaufszentrum in der Großwohnsiedlung als fordistischer Raum

Die subkulturelle Aneignung des fordistischen Einkaufszentrums auf der grünen Wiese findet in der deutschen kulturindustriellen Produktion kaum einen Niederschlag. Es braucht viel Suchgespür und die Bereitschaft, auch weniger naheliegende kulturindustrielle Produkte in den Blick zu nehmen. Fündig wurde ich im von den Stern-Journalisten Kai Hermann und Horst Rieck auf der Basis von Gesprächen mit „Christiane F.“ verfassten Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo von 1978. Die Kindheit und Jugend von Christiane Felscherinow (Jahrgang 1962) in der Gropiusstadt bilden den Einstieg in die Geschichte. Das Leben im Hochhaus, die Entdeckung der „Abenteuerwelt“ Fahrstuhlfahren, in die anderen Hochhäuser durch Nebeneingänge gelangen, die Eroberung der Keller. All dies waren verbotene Aktionen und die „Hauswarte“ den Kindern immer auf den Fersen. „So lernte man ganz automatisch, daß alles, was erlaubt ist, unheimlich fade ist und das Verbotene Spaß bringt. Das Einkaufszentrum, das unserem Haus gegenüberlag, war für uns auch mehr oder weniger verbotenes Viertel. Da war ein ganz wilder Hauswart, der uns immer scheuchte. Am wildesten war er, wenn ich mit meinem Hund in die Nähe kam. Er sagte, wir machten den ganzen Dreck im Einkaufszentrum“ (Hermann/Rieck 1978, 26). Der Kaffee-Laden, in dem die Kinder nicht gemocht werden, weil sie mit ihren Groschen ankommen und Süßigkeiten kaufen, das Reisebüro mit den herrlichen Bildern von Palmen, Strand und Löwen und die Bank mit den „feinen Herren in schnieken Anzügen“ (ebd., 27), die den Kindern Spar-Tiere schenken, mit denen sie zwar nichts sparen, aber im Sandkasten Zoo spielen. Insgesamt schildert Wir Kinder vom Bahnhof Zoo eine Retortensiedlung auf der grünen Wiese für 45.000 Menschen, die kurz nach dem Bezug noch Brachflächen, Nischen, echte Abenteuermöglichkeiten bietet, in der aber nach und nach alles eingezäunt, betoniert und durchgeplant wird: seien es der „Abenteuerspielplatz“, der durchpädagogisiert wird, der Rodelberg, der in der Nutzung eingeschränkt wir, der alte Müllberg, die Brache an der Berliner Mauer oder die offenen Felder (ebd., 28f.).

In der großen von Heidede Becker und Karl-Dieter Keim 1977 herausgegebenen soziologischen Studie über die Gropiusstadt wird dieses pessimistische Bild der Großwohnsiedlung der 1960er Jahre zu großen Teilen ebenso beurteilt und als Kritik am funktionalen Städtebau artikuliert. Das Forschungsprojekt kritisiert, dass die randstädtische Lage und die Festlegung der Gropiusstadt auf die Wohnfunktion weniger mobile Menschen, wie Kinder, Hausfrauen und ältere Bewohner, auf die lokalen Gelegenheiten beschränke. In der Gropiusstadt zeige sich eine deutliche Tendenz zum Rückzug in den Privatbereich, wodurch das Dasein der „Immobilen“ und Nichtberufstätigen weitgehend auf die eigenen vier Wände und die alltäglichen Pflichttätigkeiten reduziert werde. Diese Privatisierung „führt letztendlich zu der passiven Alltagshaltung, die die Entwicklung von lokaler Eigenständigkeit erschwert“ (Becker/Keim 1977, 302). Die Gropiusstadt erfülle im Wesentlichen Standardansprüche, Vorstellungen von einer offenen, entwicklungsbetonten städtischen Siedlung seien jedoch nicht in den Planungsansprüchen enthalten. „Es wurde kein ‚Raum‘ gelassen“ (ebd.).

Die Konflikte um den Jugendkeller im an der damals aus dem amerikanischen Kontext kommenden Gemeinwesenarbeit orientierten evangelischen Haus der Mitte in der Gropiusstadt lassen sich bei Manfred Kappeler in verschiedenen Publikationen nachlesen. Ganz zurecht markiert Kappeler die Gropiusstadt als „Arbeiterquartier“. Obwohl die meisten berufstätigen Bewohner*innen nicht in der Fabrik, sondern als Angestellte arbeiteten, lässt sich die Gropiusstadt als proletarisches Viertel fassen, das allerdings im Gegensatz zu den gewachsenen Arbeitervierteln durchgeplant ist und für Subkulturelles fast keinen Raum lässt: „In diese Hochhaussiedlung an der Berliner Mauer waren in kurzer Zeit ca. 50.000 Menschen aus ‚totalsanierten‘ Altbauvierteln ‚umgesiedelt‘ worden, darunter etwa zwölftausend Kinder und Jugendliche, denen keine sozial-kulturelle Infrastruktur zur Verfügung stand“ (Kappeler 2015, 284f.). Den Jugendkeller eigneten sich die Jugendlichen auf äußerst eigensinnige Weise sehr schnell an:

Der Jugendkeller war im Stil der politischen Jugendclubs der 1960er Jahre mit hellen, ästhetisch ansprechenden schwedischen Möbeln von den Pädagog/-innen eingerichtet worden. Es gab feste, vom Team bestimmte Öffnungszeiten und ein an den ‚objektiven Interessen‘ der Neuköllner Arbeiterjugendlichen orientiertes, auf gewerkschaftliche Organisierung hinarbeitendes Bildungsangebot. Innerhalb weniger Monate scheiterte dieses Vorhaben. Einmal geöffnet, nahmen Hunderte Jugendliche, Mädchen und Jungen in etwa gleicher Anzahl, diesen Betonkeller unter einer Kindertagesstätte als ihren Treffpunkt in dieser Stadt-Wüste buchstäblich in Besitz. Die schönen Möbel gingen zu Bruch und mit ihnen der Versuch, die Theorie antikapitalistischer Jugendarbeit ‚im freien Feld‘, also außerhalb der Struktur eines Jugendverbandes, in Praxis umzusetzen. Die Gruppe um Helmut Lessing zog aus diesem Scheitern die richtige Konsequenz, indem sie mit den Jugendlichen einen offenen Dialog über ihre Wünsche und Bedürfnisse, bezogen auf den ‚Treffpunkt Jugendkeller‘, führte. Dabei ergab sich schnell das Grundmuster Offener Jugendarbeit mit Arbeiterjugendlichen, das in der von uns immer durchgehaltenen Verbindung von Theorie und Praxis in den Folgejahren ausdifferenziert wurde (ebd., 285).

Allerdings wurde der Jugendkeller mehrfach geschlossen und wurde zuletzt trotz großer Gegenwehr seitens der Jugendlichen ganz dichtgemacht. Das Einkaufszentrum blieb.

In den USA entwickelte sich zeitgleich ein ganz neues Genre in der subkulturellen Unterhaltungsindustrie: der Vorstadt-Horror der Mittelschichten. 1978 kommt der Film Dawn ft he Dead von Georg A. Romero in die Kinos – auf Deutsch: Zombie. Eine Handvoll Erwachsene verschanzen sich in einer Shopping Mall vor den Untoten. Die Strategie der Selbsfortifizierung als vermeintlicher Schutz gegen die drohende und als äußerlich wahrgenommene Gefahr stellt sich jedoch als Fehler und als Falle heraus: Die Erwachsenen müssten die Streitigkeiten untereinander einstellen und vor allem müssten sie das „Fort“ Shopping Mall verlassen, um zu reüssieren. Das unersättliche Warenangebot in der Mall bringt sie in Konkurrenzstreitigkeiten und hält sie von der Flucht ab, die aber ihre einzige Chance wäre. Jugendliche stehen dann 1986 im grandiosen B-Movie Chopping Mall im Mittelpunkt: Sie lassen sich heimlich für die Nacht einschließen, um eine Party zu feiern. In diesem Film wird die Sicherheitstechnologie in Form von Security Robotern zur tödlichen Bedrohung. Die Jugendlichen können sich – so die Botschaft des Films – mithilfe der völlig nutzlosen Konsumgüter zur Wehr setzen, in dem sie diese kreativ umarbeiten. Oder anders gesagt: sich eigensinnig aneignen.

4. Ulrich Deinet – 2018 – Die Shopping Mall als postfordistischer (inner-)städtischer Raum

Chopping Mall und die bekanntere Persiflage und Teenie-Komödie Mallrats von 1995 sind bereits Übergange in die postfordistische Zeit. Allerdings ist das Sujet dieser Narrationen streng an der Logik (und dem „Horror“) von Mittelschichts-Suburbia orientiert. Eine Entwicklung, die es in dieser Ausprägung in Deutschland nie gab. In den letzten Jahren wurde auch immer deutlicher, dass die Entwicklungen in Europa nicht denjenigen in den USA schlicht hinterherhinken, sondern vielmehr einen unterschiedlichen Verlauf nehmen. So öffneten um die Jahrtausendwende in Deutschland in nahezu jeder Großstadt und mittelgroßen Stadt Shopping Malls in Innenstadt- und Stadtteillagen. Zu diesem Zeitpunkt hatten verschiedene Forschungsansätze aus der Sozialisationstheorie und der Kindheitsforschung bereits aufgezeigt, dass es zunehmend zu einer „Verinselung“ der städtischen Lebenswelt von Kindern (vgl. Zeiher/Zeiher 1994) bzw. zu einer Verschiebung weg von der das Städtische zuvor prägenden Straßenkindheit hin zur „verhäuslichten Kindheit“ kommt (vgl. Zinnecker 2001). Die Tage der Kinder und Jugendlichen, insbesondere jenen aus der Mittelschicht, sind zwischen Schule, Musikunterricht und Sportverein, Nachhilfe und Treffen bei Freund*innen zuhause eng getaktet. Und die Wege werden selten selbständig gestaltet, sondern bewegen sich in der Logik des Hinbringens und Abholens.

Während in den USA, wie auch in Australien, Kanada und Großbritannien die Praktiken von Kindern und Jugendlichen in Einkaufszentren schon seit dreißig Jahren einen Gegenstand der Wissensproduktion darstellen und auch gesellschaftliche Institutionen in der Form von „Mallwork“ (Streetwork in der Mall), pädagogischer und religiöser Ratgeberliteratur und den Cultural Studies in diesen Ländern an der Wissensproduktion über Kinder, Jugendliche und die Shopping Mall beteiligen, gab es in Deutschland bislang keine explizite Forschung zu Kindern und Jugendlichen in Shopping Malls.

An aus sozialpädagogischer Sicht wenig prominenter Stelle hatte ich mich seiner Zeit mit dem Material aus meiner Ethnografie auseinandergesetzt, das sich explizit auf Kinder und Jugendliche in Shopping Malls bezieht (Bareis 2003; 2008). In Deutschland sind es jedoch erst die 2018 von Ulrich Deinet herausgegeben Studien, die sich ausführlich mit dem Phänomen befassen. In verschiedenen sozialräumlichen Studien – insbesondere von seiner Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung – wurde deutlich, dass Jugendliche Shopping Malls wie auch Fast Food-Restaurants enorm attraktiv finden und häufig besuchen. Zugleich gab es bis zu diesem Zeitpunkt keine Forschung, die sich damit beschäftigte, was Jugendliche an diesen Orten tun. Und auch die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland hat sich bis dato nur in großen Ausnahmefällen und meist nur, wenn sich Jugendeinrichtung und Shopping Mall in direkter Nachbarschaft befinden, mit dieser Attraktivität konzeptionell befasst. Die Erhebung der zentralen Studie im von Ulrich Deinet herausgegeben Band, die von ihm selbst verantwortete Untersuchung Chillen in der Shoppingmall – neue Aneignungsformen von Jugendlichen in halböffentlichen, kommerziell definierten Räumen zeigt mit Nadelmethode, Kurzinterviews und Experteninterviews deutlich, dass die Aneignung oder Vermeidung des gesellschaftlichen Raums Shopping Mall „kompliziert“ ist. Auf der einen Seite verhalten sich Jugendliche entsprechend ihres Alters und ihres gelebten Geschlechts sehr unterschiedlich. Auf der anderen Seite nehmen Konflikte um die Raumnutzung mit dem Alter der Handelnden zu. Einen Hinweis auf die Frage der Klassenkonflikte regt im von Ulrich Deinet herausgegebenen Sammelband der Beitrag aus Wien an (Schorn 2018). Lugner City ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Politik mit der Armut (Bareis/Wagner 2015) auch bezüglich armer Bezirke zu einer Steigerung der Wertschöpfung dienlich sein kann.

Die Fragen nach Geschlecht und Alter, nach Rassismus und Klassenkonflikten; die Frage, ob Jugendliche in ihren Narrationen sich eher am Ordnungsrahmen Schule oder eher am offenen Rahmen von Jugendarbeit orientieren, die Klassenfrage, die Zentralitätsfrage, die Kriminalsierungsfrage, hatte ich in meinen kleinen Ausätzen bereits gestellt und Interpretationsangebote formuliert. Wer entscheidet darüber, wie Erwachsenwerden als Kindheits-, Jugend- und Devianzerfahrung Kontur annimmt? Welche Wissenschaft entscheidet darüber, wie wir darüber nachdenken? Die Sozialpädagogik, die Stadtforschung, die Kriminologie? Der von Ulrich Deinet herausgegebene Band stellt diese Fragen endlich prominent. Ob sich die Soziale Arbeit in ihrer eigenen Disziplinarität darauf einlässt, wird sich zeigen.

5. Hongkong – 2019 – Die postneoliberale Shopping Mall als Common Space

Haben wir es in Zukunft im Gegensatz zu allem, was ich gerade ausgeführt habe, in den Städten eher mit sehr vielen Dead Malls zu tun? Die Entwicklungen in den USA weisen darauf hin. Und auch in Europa suchen die großen Entwickler- und Betreibergesellschaften nach neuen Konzepten. Sie setzen darauf, die guten Immobilienlagen durch Hotelangebote oder Wohnungen in ihrer Rentabilität zu stabilisieren und denken vermehrt über Mixed-Use-Strategien nach. Ob dies allerdings gesellschaftlich notwendige Infrastrukturen wie offene und jenseits von Hausordnungen mögliche Plätze oder auch Jugendzentren oder Quartierszentren enthalten kann, lässt sich aufgrund der notwendigen Profitorientierung der Betreiber und den dahinterstehenden Investmentfonds bezweifeln.

In manchen historischen Konstellationen und an manchen Orten lässt sich jedoch beobachten, dass Malls nach wie vor wichtige Interaktionsräume und auch Konflikträume darstellen. Meinen essayistischen Beitrag möchte ich mit der Demokratiebewegung in Hongkong enden lassen: Die Corona-Krise hat die Bewegung etwas verstummen lassen, auch wenn bei genauerer Recherche einige Spuren zu finden sind, dass sie weitergeht. Im Herbst 2019 war sie jedoch auf einem Höhepunkt. Und die jungen Menschen eroberten unter dem Slogan „Be Water“ nicht nur Universitäten und Flughäfen, sondern auch Shopping Malls: „Es geht [bei dem Protestsong der Bewegung] nicht um die Melodie, den Text oder die Musik. Es geht darum, wie das Ganze zu einer Aktion wird. Beispielsweise, wenn Menschen Einkaufszentren zum Singen besetzen“, so der Künstler Sampson Wong im Kulturzeit-Beitrag von 3Sat aus dem September 2019. Die Bewegung orientiert sich, wie im Beitrag deutlich wird, an dem Leitspruch des Actionhelden Bruce Lee. ‚Sei ohne Form, ohne Schatten, sei wie Wasser‘. Diese Strategie versucht sich auch die Pro-China-Fraktion zu eigen zu machen und veranstaltet Flashmobs zum Singen patriotischer Lieder. Im Beitrag ist ein Gesangsduell in einem Einkaufszentrum zu sehen, indem die Pro-Demokratie-Aktivisten von den oberen Etagen aus die Pro-China-Fraktion unten übertönt. Und Sampson Wong führt aus: „Es geht nicht nur um freie Meinungsäußerung. Es geht darum, wie Gemeinschaften zusammenkommen, um einen politischen Raum zu erschaffen, mit dem sie ihre Stadt für sich zurückgewinnen“.

So lange kein Impfstoff gegen das Virus gefunden ist, werden wir die Aktionsform des gemeinsamen Singens im quasi-öffentlichen Raum der Shopping Mall nicht weiter ausarbeiten können. Aber um zu verstehen, wie auch die kommerziellen Räume in der Stadt, in den Stadtvierteln und im ländlichen Raum Teil der Jugendbewegung und Teil der Demokratie sind, braucht es nur diesen kleinen Schritt. Martha Muchow hat diesen Schritt schon vor 100 Jahren gemacht. Die Studie von Ulrich Deinet hat diesen Schritt jetzt gemacht und am Ende liegt es bei der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, ob sie den einen oder anderen Schritt mitgeht. Das Warenhaus, das Einkaufszentrum und die Dead Mall. Wo und wie findet Jugend statt? Wo und wie artikuliert sich Jugend?

Literatur

Bareis, E. (2003): Überdachte, überwachte Straßenecken. Jugendliche im städtischen Konsumraum „Mall“. In: Mitteilungen des Instituts für Sozialforschung, 15, 63–90.

Bareis, E. (2007): Verkaufsschlager. Urbane Shoppingmalls – Orte des Alltags zwischen Nutzung und Kontrolle. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Bareis, E. (2008): Gedämpfte Frechheiten im Konsumraum – Über die Nutzung urbaner Shoppingmalls durch Kinder und Jugendliche. In: S. Anna/A. Baumeister (Hrsg.): Play! Spielraum Stadt für Kinder und Erwachsene. Ostfildern: Hatje Cantz, 119–124.

Bareis, E./Wagner, T. (Hrsg.) (2015): Politik mit der Armut. Europäische Sozialpolitik und Wohlfahrtsproduktion „von unten“. Münster: Verlag Westfälisches Dampfboot.

Becker, H./Keim, K.-D. (1977): Gropiusstadt: Soziale Verhältnisse am Stadtrand. Soziologische Untersuchung einer Berliner Großsiedlung. Stuttgart u.a.: Kohlhammer.

Caduff, R. (2019): Ladenschluss. Das Ende der Shopping-Malls [Film]. https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/ladenschluss-das-ende-der-shopping-malls-102.html (zuletzt abgerufen am 13.05.2020).

Deinet, U. (Hrsg.) (2018): Jugendliche und die „Räume“ der Shopping Malls. Aneignungsformen, Nutzungen, Herausforderungen für die pädagogische Arbeit: mit aktuellen Studien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich.

Farocki, H. (2001): Schöpfer der Einkaufswelten [Dokumentarfilm]. Berlin: Harun Farocki Filmproduktion.

Hermann, K./Rieck, H. (1978): Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Hamburg: Gruner und Jahr.

Kappeler, M. (2012): „Jugendarbeit muss immer politisch sein!“ Von der Antikapitalistischen zur Offenen Jugendarbeit (1968–1978). In: W. Lindner (Hrsg.): Political (Re)Turn? Impulse zu einem neuen Verhältnis von Jugendarbeit und Jugendpolitik. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 267–289.

Kutscher, V. (2010): Goldstein. Gereon Raths dritter Fall. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Muchow, M./Muchow, H. H. (2012): Der Lebensraum des Großstadtkindes. Herausgegeben von Imbke Behnken und Michael-Sebastian Honig. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Romero, G. A. (1978): Dawn oft he Dead [Spielfilm]. USA: United Film Distribution Company.

Schorn, M. (2018): Die Shoppingmall als third place? Über die manifesten und latenten Funktionen der Shoppingmall für Jugendliche in Wien. In: U. Deinet (Hrsg.): Jugendliche und die „Räume“ der Shopping Malls. Aneignungsformen, Nutzungen, Herausforderungen für die pädagogische Arbeit: mit aktuellen Studien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich, 189–202.

Smith, K. (1995): Mall Rats [Spielfilm]. Hollywood, CA: Gramercy Pictures.

Wynorski, J. (Regie) (1986): Chopping Mall [Spielfilm]. Los Angeles: Concorde Pictures.

Zeiher, H. J./Zeiher, H. (1994): Orte und Zeiten der Kinder. Soziales Leben im Alltag von Großstadtkindern. Weinheim und München: Juventa.

Zinnecker, J. (2001): Stadtkids. Kinderleben zwischen Straße und Schule. Weinheim und München: Juventa.

Zinnecker, J. (2012): Recherchen zum Lebensraum des Großstadtkindes. Eine Reise in verschüttete Lebenswelten und Wissenschaftstraditionen (1978). In: M. Muchow/H. H. Muchow: Der Lebensraum des Großstadtkindes. Herausgegeben von Imbke Behnken und Michael-Sebastian Honig. Weinheim und Basel: Beltz Juventa, 19–63.

3Sat (2019): Hongkong. Bericht Katrin Sandmann [Film]. https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/hongkong-112.html (zuletzt abgerufen am 13.05.2020).

Dieser Beitrag erscheint mit freundlicher Genehmigung des Beltz Juventa Verlages. Der Text wurde dort unter folgender Quellenangabe veröffentlicht: Bareis, Ellen (2021): Mit Martha Muchow und Ulrich Deinet in der Shopping Mall – Sozialräumliches Handeln von Kindern und Jugendlichen in Konsumtempeln damals und heute. In: Reutlinger, Christian/Sturzenhecker, Benedikt (Hrsg.): Den Sozialraumansatz weiterdenken. Impulse von Ulrich Deinet für Theorie und Praxis der Sozialpädagogik im Diskurs, S. 209-219. Beltz Juventa, Weinheim. ISBN 978-3-7799-6420-9, 29,95 €.

Zitiervorschlag

Bareis, Ellen (2024): Mit Martha Muchow und Ulrich Deinet in der Shopping Mall. In: sozialraum.de (15) Ausgabe 1/2024. URL: https://www.sozialraum.de/mit-martha-muchow-und-ulrich-deinet-in-der-shopping-mall.php, Datum des Zugriffs: 25.06.2024