Skater auf einer Treppe
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Autor*innen

Lorenz Gottwalles, Annika Stremmer, Manuel Wagner
studieren im Master Humangeographie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU).

Lorenz Gottwalles arbeitet neben seinem Studium am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund. Arbeitsschwerpunkte: Spannungsfeld Stadt- und Raumplanung, politische Philosophie, Soziologie und öffentliches Recht, insb. Sozialstrukturanalysen und Milieukonzepte, raumbezogene Stigmatisierung, Partizipation und Planungskonflikte.

Annika Stremmer hat neben ihrem Studium als studentische Hilfskraft in der AG Politische Geographie/Sozialgeographie von Prof. Dr. Paul Reuber am Institut für Geographie der WWU gearbeitet. Arbeitsschwerpunkte: (Geopolitische) Raumkonstruktionen, feministische und wachstumskritische Perspektiven auf Stadt und Planung.

Manuel Wagner ist Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung und arbeitet in der AG Politische Geographie/Sozialgeographie von Prof. Dr. Paul Reuber am Institut für Geographie der WWU. Zudem engagiert er sich in der politischen (Jugend-)Bildung als Vorstand eines Jugendverbandes und unterstützt geflüchtete Menschen. Arbeitsschwerpunkte: Feministische Geographie, kritische Stadtgeographie, kritische Geopolitik, emanzipative Technikforschung, performativ-künstlerische Interventionen zur Beeinflussung des öffentlichen Raums.

Kontakt: gottwalleslorenz@gmail.com; annika.stremmer@uni-muenster.de; manuel.wagner@uni-muenster.de

Inhalt

  1. 1. Von Commons zu Commoning
  2. 2. Der Bremer Platz
  3. 3. Feministisch inspirierte Method(ologi)e und Situationsanalyse
  4. 4. Commoning unter Ausgeschlossenen
  5. 5. Fazit
  6. 6. Literatur


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Christiane Drechsler: Begegnungs-Räume. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2019. 152 Seiten. ISBN 978-3-7455-1083-6.
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Lothar Böhnisch: Soziale Theorie der Schule. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2019. 168 Seiten. ISBN 978-3-8252-5156-7.
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Urban Commoning unter Ausgeschlossenen – Die Sichtbarmachung ungesehener Sozialität mit der Situationsanalyse nach Adele Clarke

Lorenz Gottwalles, Annika Stremmer, Manuel Wagner

Im urbanen Raum konzentrieren sich Prozesse der Verdrängung, des Ausschlusses, der Grenzziehungen und stereotypen Zuschreibung. Diese Prozesse ermöglichen es, Menschen, die bestimmten Gruppen oder Szenen zugeordnet werden, als außerhalb einer Stadtgesellschaft stehende Akteur*innen zu marginalisieren. Orte, an denen sich marginalisierte Menschen tagtäglich aufhalten, werden dabei diskursiv fast ausschließlich mit ‚Problemen‘ wie Sucht, Kriminalität, Obdachlosigkeit und negativen Empfindungen verbunden. Unsichtbar bleibt in dieser Hinsicht oftmals, inwiefern diese Räume einen durch Sozialität geprägten lebenswichtigen Bezugspunkt für jene Menschen abbilden, die sich dort aufhalten.

Um die soziale Relevanz und Funktion dieser Räume herauszustellen, schließen wir in diesem Beitrag an den Begriff des Commonings an und richten unseren Blick auf jene Menschen, die dort ihren Alltag erleben. Mit der hier vorgeschlagenen Erweiterung des Commons-Begriffs durch das Commoning unter Ausgeschlossenen geraten ebenfalls als konflikthaft gelesene gemeinschaftliche Praktiken ins Blickfeld. Dies könnte mehr bedeuten als eine begriffliche Nuancierung, denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob jene Räume lediglich als Drogenkonsumorte oder eben als Orte alltäglicher Sozialität und Reproduktionsarbeit gelesen werden.

Die Sichtbarmachung der Sozialitäten des Commonings wird im Folgenden methodisch durch eine Situationsanalyse nach Adele Clarke erreicht, in der weder Akteur*innen, Aktant*innen, Diskurse noch die Positionalität der Forschenden außen vorgelassen werden und somit jene Soziale Welten in Anerkennung ihrer Unordnung, Ambivalenz und Differenz beschreibbar werden. Eine vor diesem Hintergrund konzeptionierte Situationsanalyse wurde von den Autor*innen zur systematischen Betrachtung und Reflexion von Commoning-Praktiken am Bremer Platz in Münster durchgeführt.

1. Von Commons zu Commoning

Commons haben im gesellschaftlichen Diskurs in den letzten Jahren eine deutlich verstärkte Sichtbarkeit erfahren. Ob als „Halbinseln gegen den Strom“ (Habermann 2009) oder als neoliberale Kaschierungstaktik: „Commons sind heutzutage in der Sprache der Politik, der Wirtschaft und sogar der Immobilienbranche geradezu omnipräsent. Linke und Rechte, Neoliberale und Neo-Keynesianer, Konservative und Anarchist*innen verwenden den Begriff in ihrer politischen Arbeit“ (Federici 2020, 134f.). ‚Alle‘ sprechen von Commons und meinen dabei oftmals Verschiedenes. Einig scheint man sich jedoch darin, dass sie ‚gut‘ und ‚richtig‘ seien. Fällt der Begriff, wird an Urban-Gardening-Projekte, Repair-Cafés oder Wikipedia gedacht, an Gemeinschaftlichkeit abseits von verdinglichten Tauschbeziehungen. Urban Commons werden im eurozentrisch-westlichen Kanon hauptsächlich als ‚warme‘ Räume kollektiven Handelns sowie als Strategien sozial-integrativer Stadtteilentwicklung besprochen. Bereits in den letzten Jahren hat sich der Commons-Diskurs weiter diversifiziert:

„Der Aspekt des Commoning wird aktuell besonders betont, um deutlich zu machen, dass Commons nicht schlichtweg gefunden werden, sondern immer auch ‚gemacht‘ werden müssen.“ (Kip 2018, 214)

Bekannte Commons-Forscher*innen verstehen Commons als „lebendige soziale Strukturen“ (Helfrich/Bollier 2019, 20), „in denen Menschen ihre gemeinsamen Probleme in selbstorganisierter Art und Weise angehen“ (ebd.):

„The common in this sense is fundamentally rooted in praxis: it is not a fixed entity but a political principle on the basis of which we must construct collective goods, defend them and extend them. The common is thus another name for the shared activity of co-responsibility, reciprocity, solidarity and democracy.” (Enright/Rossi 2018, 38)

Mit diesem Verständnis können Praktiken des Commonings, die sich nicht ausschließlich auf Materialitäten wie Gärten, (Wissens-)Kommunen oder Werkstätten beziehen, betrachtet werden. Diese Sicht wollen wir nutzen und sie um einen Aspekt erweitern: dem Commoning unter Ausgeschlossenen. Auch marginalisierte Menschen, die im städtischen Diskurs als ‚Problem‘ wahrgenommen werden und an den physischen und sozialen Rand des urbanen Lebens gedrängt werden, vollziehen Akte des Commonings. Sie stehen (untereinander) in Aushandlung, bewältigen gemeinsam ihren Alltag und folgen dabei bestimmten ungeschriebenen Codes und Regeln. Wir blicken in Richtung des Marginalisierten und machen „soziale Ungleichheitsdynamiken zum Gegenstand von Theoriebildung“ (Offenberger 2019, 22; Clarke 2012), indem wir unsere Forschung und uns selbst als positioniert ansehen (vgl. Haraway 1995). In dieser Forschung beschäftigten wir uns mit dem Bremer Platz in unmittelbarer Nähe des Münsteraner Hauptbahnhofes, der stadtweit hauptsächlich als „Schandfleck“, und „Treffpunkt“ von „Drogenszene“ und “Obdachlosen“ (Datensatz KL [1]) gesehen wird.

2. Der Bremer Platz

Der Bremer Platz ist ein Stadtpark an der Ostseite des Münsteraner Hauptbahnhofs. Hauptsächlich wird der Platz von Menschen genutzt, die obdachlos sind und/oder Drogen konsumieren (Gerlach 2019, 3 ff.). Im öffentlichen Diskurs werden diese Menschen meist pauschal als „Szene(n)“ bezeichnet (Stadt Münster 2017). „Drogenkauf, die Pflege sozialer Kontakte und Drogenkonsum“ (Gerlach 2019, 6) sind nach einer Befragung [2] dieser sogenannten „Drogenszene“ durch INDRO e.V. [3] (ebd.) die häufigsten Gründe für den Aufenthalt der Menschen. Fast die Hälfte der sich dort alltäglich Aufhaltenden haben keinen festen Wohnsitz und sind „gezwungen, (zumindest tagsüber – Notschlafstellen sind nur nachts geöffnet) im öffentlichen Raum, [...] zu agieren“ (ebd., 3). Mehr als die Hälfte der Befragten halten sich mindestens einmal am Tag am Platz auf, teilweise sogar „durchgehend“ (ebd.). Der Bremer Platz als konkreter Ort ist also geprägt durch Menschen, die darauf angewiesen sind, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten und ihren Alltag dort zu organisieren.

Er ist jedoch mehr als dieser konkrete place. Der Bremer Platz als (Forschungs-)Feld und Untersuchungsgegenstand wird in diesem Beitrag relational-konstruktivistisch weitergedacht: Als space, Sozialraum, Soziale Welt, Diskurs, Arena, assemblage. Durch diese Annahme kann es auch keine klare Grenze des dualistischen Denkens von im-Feld-sein/nicht-im-Feld-sein geben. Denn wir gehen davon aus, dass Raum stetig veränderbar, mit verschiedenster Bedeutung aufladbar und niemals klar abgrenzbar ist (Laclau/Mouffe 1985; Deleuze/Guattari 1987; Massey 2005 u. a.). Gerade die diskursive Ebene ist ständig präsent und mit dem Signifikanten Bremer Platz können verschiedenste Vorstellungen verknüpft sein. Eine korpuslinguistische Analyse [4] einer breit angelegten Umfrage durch die Stadt Münster [5] gab uns Anhaltspukte für die hegemoniale diskursive Verhandlung des Platzes (Abb. 1):

Offene Antworten zur Frage 5
Abbildung 1: Offene Antworten zur Frage 5 (Schuchardt 2019)„Was ist der Bremer Platz für dich heute?“ in einer städtischen Umfrage (N=1854, n=415) (Eigene Darstellung basierend auf Datensatz KL)
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Es zeigt sich eine dominant negativ behaftete Wahrnehmung. In einer Kollokationsanalyse für das indexikalische Wort für, wird die Korrelation deutlich: Der Bremer Platz ist ein „Treffpunkt“ / „Platz “ / „(Aufenthalts-)Ort“ / „Raum“ für „Junkies“ / „Drogenabhängige“ / „Obdachlose“ (KL). Der Platz wird als „dreckig“, „unangenehm“ und „abschreckend“ empfunden (Frage 6). Diese Wahrnehmung geht einher mit Gefühlen von fehlender Sicherheit und Sauberkeit, die sich wechselseitig bedingen (Frage 9) (KL).

Die städtische Umfrage wurde in Auftrag gegeben, da der Bremer Platz ab 2021 – im Rahmen einer Neugestaltung des gesamten Bahnhofsareals – umgebaut wird. Im Vorfeld beschloss der Stadtrat, dass „[d]ie im Umfeld existierende(n) ‚Szene(n)‘ [...] durch die Überlegungen zur Neugestaltung nicht verdrängt, sondern berücksichtigt“ werden sollen (Stadt Münster 2017, 7). Von dem dafür eingerichteten Quartiersmanagement wurde 2019 ein partizipatives Werkstattverfahren organisiert, mit dem selbsterklärten Ziel „allen beteiligten Nutzergruppen des Bremer Platzes sowie den Anwohnern dialogorientiert eine Mitwirkung grundsätzlich [zu] [er]möglich[en] [...]“ (ebd., 1).

Jedoch zeigt sich durch den formulierten Anspruch eine Gleichsetzung von Obdachlosigkeit bzw. Drogenkonsum als „soziale Probleme einer Großstadt“:

„Die Entwicklung einer urbanen Grünfläche bedeutet aber auch die Akzeptanz und die Einbeziehung der Nutzergruppen, die den Bremer Platz zu ihren(sic!) Treffpunkt gemacht haben, sei es als Obdachloser oder Drogenkonsument. Eine urbane Entwicklung bedeutet, sich auf die sozialen Probleme einer Großstadt einzulassen, sie im Rahmen einer Umgestaltung auch zu berücksichtigen und nicht zu verdrängen.“ (Stadt Münster 2017, 6)

Durch diese Verallgemeinerung wird die städtische Handlungsmacht und Verantwortung abgeschwächt, da suggeriert wird, dass diese „Probleme“ (ebd.) in Großstädten eben vorhanden seien und ‚akzeptiert‘ werden müssten. Unsere beobachtende Teilnahme am Werkstattverfahren bestätigte, dass die Szene(n) als „gesellschaftliche Randgruppe(n)“ (Reuber/Mattissek 2004, 236) eine diskursiv-marginalisierte Rolle einnehmen, gegenüber welcher Abgrenzung stattfindet. Es werden drei abgrenzbare Szenen – „Drogen-, Trinker- und Obdachlosenszene(n)“ (SWUP GmbH/Mediator GmbH 2019, 5) – die sich am Bremer Platz aufhalten als „Akteure vor Ort“ identifiziert, jedoch nicht als „Interessensvertreter*innen“ gefasst (ebd.):

Die fünf Interessensgruppen am Bremer Platz
Abbildung 2: Die fünf Interessensgruppen am Bremer Platz (eigene Darstellung auf Grundlage der Präsentation der 1. Planungswerkstatt am 17.06.19)
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Die Menschen der vermeintlichen Szene(n) werden somit nicht direkt in den Umgestaltungsprozess miteingebunden und von der Stadt(gesellschaft) als Teil des Partizipationsverfahrens überwiegend ausgeschlossen. Und das, obwohl sie mit Abstand die langjährigen Hauptnutzer*innen sind. Stattdessen sollen „Soziale Einrichtungen mit Szenebezug“ (s. Abb. 2) bzw. „Träger*innen sozialer Arbeit“ (ebd.) stellvertretend für sie sprechen [6], da sie besser mit den restlichen Akteuren kommunizieren können als die Szene(n) selbst, so die Annahme. Dieses Absprechen von eigener Handlungs- und Entscheidungsmacht über ihren Alltagsraum ist ein weiteres Indiz für eine Marginalisierung der Menschen auf dem Platz. Der formal vorgesehene Einbezug der Szene(n) wurde de facto nicht umgesetzt.

Durch (auto-)ethnographische Forschungsmethoden mit einer feministisch-situationszentrierten Methodologie wurde es uns möglich, jene ungesehenen Perspektiven auf dem/n Bremer Platz sichtbar zu machen und diese in Bezug zur diskursiven Verhandlung des Platzes zu stellen.

3. Feministisch inspirierte Method(ologi)e und Situationsanalyse

Feministische Methodologien formulieren explizit die Frage danach, wer spricht, wer fragt, wer schreibt und verwerfen die Annahme vermeintlicher wissenschaftlicher Objektivität durch Positionalität (Haraway 1995). Wir nehmen Abstand von einem unmarkierten „Blick von nirgendwo“ (ebd., 80 f.) und gehen stattdessen „von begrenzter Verortung und situiertem Wissen und nicht von Transzendenz und der Spaltung in Subjekt und Objekt“ (ebd., 82) aus. Dies macht unsere situierte (Forschungs-)Position sichtbar und uns res-ponsabel dafür, „eine Perspektive aus der Position der weniger Mächtigen einzunehmen“ (ebd., 83) und den Forschungsblick bewusst in eine Richtung zu lenken: in unserem Fall die Alltagserfahrungen marginalisierter Menschen. Wir versuchen damit, im Gegensatz zum Werkstattverfahren, die Menschen am Bremer Platz selbst sprechen zu lassen und „sie als Personen mit relevantem Wissen und als politische Subjekte zu erkennen“ (Vogelpohl 2018, 154).

Da der Bremer Platz nicht nur als place wirkt, möchten wir gewährleisten, dass die diskursive Ebene des Sprechens über den Platz und deren Ineinanderwirken mit den Alltagserfahrungen berücksichtigt werden können. (Teil-)standardisierte und v. a. quantitative Methoden kommen dafür nicht infrage. Denn wir wollen „Deutungen sozialer Wirklichkeiten handelnder Personen sowie die Interaktionen, in denen [sie] diese Deutungen entwickel[n] und modifizier[en]“ (Hildebrand 2002, 76) in den Mittelpunkt unserer Forschung rücken. Diese Deutungen fassen wir als Lebenswelt(en) (Schütz/Luckmann 1979; Kraus 2006):

„Lebenswelt meint […] den Wahrnehmungs-, Orientierungs- und Handlungshorizont des Subjekts. Sie existiert nicht ohne das Subjekt, und das Subjekt existiert nicht ohne sie. Das Subjekt ist aber nicht seine Lebenswelt, es hat sie.“ (Hitzler/Eisewicht 2020, 14)

Um intersubjektives Erfahren und Verstehen zu ermöglichen, sprich „vom pseudo-objektivistischen Über-Blick […] hin zum mühevollen Durch-Blick […] durch die Augen der Akteure hindurch“ (ebd., 11) zu gelangen, nutzten wir Autoethnographie [7] (Vignetten, Datensatz AV), Lebensweltanalytik [8] (Beobachtende Teilnahme, Datensatz LE) sowie narrative Interviews (Datensatz NI) als Methoden in einem an der Grounded Theory (GT) orientierten induktiven Forschungsvorgehen (nach Glaser/Strauss 1967).

Bei der Forschung wurde uns folgendes bewusst: Die diskursive Ebene des Sprechens über den Platz war auch auf dem Platz (place) omnipräsent. Auch nicht-menschliche Aktant*innen spielen eine entscheidende Rolle für die Konstitution der Situation vor Ort. Diese Erkenntnisse zu berücksichtigen und methodologisch zu vereinen, stellte uns vor ein grundsätzliches Problem: Wie ist es möglich, ethnographisch-qualitativ zu forschen und dennoch einer Kritik an der Handlungsmacht einzelner Subjekte (Poststrukturalismus / Postmoderne) und der Kritik an der Fokussierung auf das Menschliche (Akteur-Netzwerk-Theorie) gerecht zu werden? Wir lösten dieses ‚Dilemma‘ durch die Situationsanalyse nach der feministischen Techniksoziologin Adele Clarke: Sie erweitert die Ansätze der GT und des Symbolischen Interaktionismus (Mead 1938; Blumer 1969) um Diskurstheorie (1), Akteur-Netzwerk-Theorie (2) und Assemblagetheorie (3) [9] (vgl. Clarke 2012).

Unsere diversen Datensätze wurden mittels des von Clarke vorgeschlagenen Mappings von Sozialen Welten/Arenen zu einer verdichteten Beschreibung der Situation kohärent zusammengeführt. Der Einbezug von Akteur*innen, Aktant*innen, Diskursen sowie der eigenen Positionalität (vgl. Clarke 2012, 23 f.) zielt „bewusst darauf […] Komplexität zu erfassen, anstatt sie zu vereinfachen“ (ebd., 31). Dafür schlägt sie vor, den Blick „ganz auf die Forschungssituation im weitesten Sinne [zu] richten“ (ebd., 30): „We make sense of the world through understanding situations – and this is project of SA as method.” (Clarke et al. 2018, 47).

Situationen versteht sie „als materielle, praktische und historische Formierungen, die eben nicht allein durch die untersuchten Handlungen hervorgebracht werden.“ (Mullis 2017, 126). Dabei ist alles – menschliche und nicht-menschliche Handlungen, Narrative, Diskurse, Materialitäten, Machtgefüge etc. – relational aufeinander bezogen, für die Situation konstitutiv und tritt nicht nur als rahmender Kontext auf: „Die Bedingungen der Situation sind in der Situation enthalten. […] Sie sind die Situation.“ (Clarke 2012, 112, H. i. O.) Für uns stellt sich daher die Frage, wie diese Bedingungen innerhalb der untersuchten Situation des Bremer Platzes auftreten (vgl. ebd.).

Die Situation mit samt ihren Bedingungen kann mit der Methode des Mappings von Sozialen Welten und Arenen kartiert werden. Soziale Welten „(z.B. eine Freizeitgruppe […]) erzeugen gemeinsam geteilte Perspektiven, die dann die Grundlage für kollektives Handeln bilden.“ (ebd., 86):

„Es wird von der Existenz mehrerer kollektiver Akteure (sozialer Welten) ausgegangen, welche innerhalb einer umfassenden Substanziellen Arena in alle möglichen Arten von Aushandlungen und Konflikten involviert sind.“ (Clarke 2012, 77 f.)

Arenen sind somit „Diskursorte“ (ebd.), innerhalb derer Soziale Welten in Aushandlung treten. Um uns einen Eindruck der Forschungssituation der Arena Bremer Platz zu verschaffen, erstellten wir zunächst eine ungeordnete Situationsmap (vgl. Abb. 3) (ebd., 125). Wir sammelten alle Elemente (Aktant*innen, Praktiken, Diskurse etc.), die uns im Laufe unserer Forschung begegnet sind:

Ungeordnete Situationsmap der Arena Bremer Platz
Abbildung 3: Ungeordnete Situationsmap der Arena Bremer Platz (eigene Darstellung basierend auf Clarke 2012)
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In dieser Map wird bereits Clarkes Anspruch, Komplexität abzubilden, anstatt sie zu reduzieren, erkennbar. Die Situationsanalyse versteht sich damit dezidiert als postmodern und feministisch. Sie fasst „soziale Aspekte wie Rasse, Klasse, Geschlecht, Behinderung und so weiter […] von vornherein als bedeutsam oder signifikant auf“ (ebd., 116) sowie Universalitätsansprüche als „naiv, häufiger jedoch als hegemoniale Strategien […], die danach streben, andere Perspektiven zu marginalisieren“ (ebd., 27). Zwar wird die Richtung stärker vorgegeben „‚in die geschaut werden‘ sollte, aber nicht was dort zu sehen wäre“ (ebd., 118). Wir blickten in die Richtung unsichtbarer sozialer Praktiken der Reproduktionsarbeit und der Raumaneignung in Anerkennung ihrer Unordnung, Ambivalenz und Differenz.

4. Commoning unter Ausgeschlossenen

Entgegen der Reduktion von Commons auf Güter/Materialität fokussieren wir uns auf den Prozess des Commonings, den Prozess des Tuns und der Vergemeinschaftung (Rosa 2010); in diesem Sinne geht es uns um die konkrete Praxis des doing Commons als kollektives Handeln (Helfrich/Bollier 2019; Kip 2018; Enright/Rossi 2018 u. a.). Wir versuchten uns damit „die subjektive Seite des Commoning […], also das Miteinander, den Alltag und das Empfinden“ (Helfrich/Bollier 2019, 89) der Menschen auf dem Platz mit ihren Prozessen und Logiken zu erschließen.

Wir erfuhren den Bremer Platz in unserer Forschung als einen Raum von Sozialitätund Solidarität, von Gewalt und männlicher Dominanz, ein Raum des Teilens, des Zuhörens, des Stehlens; einen Raum, innerhalb dessen der Aktant Droge soziale Beziehungen und Bindungen dominiert und gleichzeitig einen Raum, in dem versucht wird gemeinsam Reproduktionsarbeit zu leisten, um den Alltag im Angesicht von Ausschluss und Stigmen zu bestehen.

Wie bereits in Abschnitt 2 analysiert finden (diskursiver und institutioneller) Ausschluss und Stigmatisierung der Sozialen Welt des Bremer Platzes durch die ‚restlichen‘ Welten und Arenen der Stadtgesellschaft statt. Diese manifestieren sich in vielerlei Hinsicht sozial, physisch und politisch. Dem möchten wir mit dem Mapping der Arenen und Sozialen Welten eine andere Sichtweise, ein anderes Narrativ entgegensetzen (Abb. 4):

Die Sozialen Welten der Arena Bremer Platz
Abbildung 4: Die Sozialen Welten der Arena Bremer Platz (eigene Darstellung nach Clarke 2012) [10]
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Die Soziale Welt der Menschen auf dem Platz sichtbar zu machen und damit auch die der Arena Bremer Platz eingeschriebenen Machtasymmetrien, stellt den spezifischen Mehrwert unserer Soziale Welten/Arenen Map dar. Diese Map verdeutlicht die Komplexität der Situation als ‚unübersichtliches‘ Netzwerk. Die Arenen Regierung des Städtischen, Wissen und Zivilgesellschaft konstituieren eine hegemoniale Stadtgesellschaft (rote Linie), die definiert wer im Umgestaltungsprozess gehört und gesehen wird und wer nicht. Die Menschen auf dem Platz werden weder als Teil der Münsteraner Bürger*innenschaft gesehen, noch als gleichberechtigte Akteur*innen mit eigener Handlungsmacht und dadurch als gesellschaftliche Randgruppe(n) marginalisiert. Diese Abgrenzung ist ein Identifikationsprozess der sich als Stadtgesellschaft Wahrnehmenden gegenüber einer „anderen‘ Seite, der nicht-erwünschte Eigenschaften zugeschrieben werden (Reuber/Mattissek 2004, 236).

Abgrenzungs- und Diskriminierungsprozesse spiegeln sich auch in unserer (auto-)ethnographischen Forschung wider. Sie äußern sich in Bemerkungen oder abschätzigen Blicken von Passant*innen, Polizist*innen etc., die den Menschen auf dem Platz suggerieren nicht ‚dazu zu gehören‘:

„Dann fahren Leute mit Autos vorbei und rufen ‚ihr scheiß Junkies‘, ‚ihr asozialen Junkies‘, das ist natürlich nicht schön.“ (NI)

„das was mir am übelsten aufgestoßen ist, […] war da so 'ne Gruppe und dann sagte der eine Mann [...] ‚das ist unsere bekannte Crack-Szene hier in Münster‘ – so in 'ner Sightseeing-Tour, [grummeln] das ist schon pervers.“ (NI)

Auch wir als Forschende wurden durch unsere relationale Nähe zu den Menschen auf dem Platz als Teil der Szene gelesen und erfuhren Mechanismen der Ausgrenzung:

„Ich bin die Treppe zum ersten Bahnsteig hoch und nach einigen Metern umgedreht […]. Die Polizisten kamen mir genau entgegen, [sie] hatten mich also wirklich observiert. […] Ich werde gerade als Teil der Szene wahrgenommen. Und ich habe mich auch zu ihr hingezogen gefühlt: Diese Ablehnung der anderen Menschen, die so grundlos war, fand ich einfach nur ekelhaft. Was wissen die denn schon?“ (LE)

„Es war wie als würde man mit Freunden cornern und grad mal schnell für alle Bier kaufen gehen. Es war in dem Moment gar keine so fremde Welt mehr, ich habe mich mehr und mehr als Teil dieses Ortes und der Gruppe gesehen.“ (LE)

Die vermeintliche Szene war uns in diesen Momenten sehr viel näher und vertrauter als das ausgrenzende Konglomerat der Stadtgesellschaft. Dennoch ist unsere Position als Forschende in der Arena Bremer Platz schwer einzuordnen. Einerseits nehmen wir als Teil der Wissensarena und Zivilgesellschaft eine privilegierte Position ein. Andererseits haben sich mit zunehmenden Bezügen und Zugängen zu den Menschen auf dem Platz auch Momente ergeben, in denen wir als Teil dieser Sozialen Welt gelesen wurden und selbst Ausgrenzung erfuhren.

Ausschluss und Diskriminierung bilden einen gemeinsamen emotionalen Erfahrungshorizont, welcher ein Gruppengefüge festigt, das sich wiederum selbst gegenüber diesem Außen abgrenzt. Deutlich tritt hierbei hervor, dass der Konstitution Szene weniger eine Selbstbeschreibung zugrunde liegt: wer Teil der Szene ist, das scheint ein Außen zu definieren. Wer sich jedoch regelmäßig am Bremer Platz aufhält, kann Teil dieser Sozialen Welt werden.

Die dargestellten Prozesse der Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung bedingen eine Perspektivlosigkeit. Dies zeigt sich auch in geäußerten Sorgen bzgl. einer möglichen Verdrängung, gerade aufgrund von mangelnden Aufenthalts-Alternativen:

„Ja, die gucken ja schon welche Parks man suchen kann. Einer hatte mal die Idee am Hafen, aber da würd‘ jeden Tag einer im Hafenbecken landen, das wird nicht gut gehen. […] [D]ie überlegen ja schon wo man, wie man, aber bis jetzt ähm gibt es halt kleinere Parks, aber in der Größe gibt es nichts.“ (NI)

„Gut, dass es das Indro gibt, und wenn der Bremer Platz wegkommt, braucht man das Indro nicht mehr. Ohne Indro wird das ein riesen Problem, weil das Indro ist Anlaufstelle Nummer eins für die Leute“ (NI).

Es gibt dabei nicht nur ein Bewusstsein über die möglichen Verdrängungsprozesse, es wird auch ein Recht auf aktive Teilhabe am Planungsverfahren geäußert:

„Und es dürfen ja nicht nur die die ähm Mitspracherecht haben, die negativ davon betroffen sind. Für uns ist auch nicht alles da nur toll, aber wir müssen doch irgendwohin“ (NI).

In diesem Kontext zeigt sich einmal mehr die enorme Bedeutung des Bremer Platzes als gemeinsamer Aufenthalts- und Bezugsort. Die Menschen, die sich auf dem Bremer Platz aufhalten sind auf den öffentlichen Raum angewiesen (s. o.) und haben keinen anderen Ort, an dem sie ihren (gemeinschaftlichen) Alltag gestalten und leben können. Sie müssen sich den Bremer Platz in einem Akt der Raumaneignung aus Perspektivlosigkeit aneignen (im Anschluss an Lefebvre 1968; Harvey 2013 u. a.). Die Szene schafft sich am Bremer Platz damit einen Schutzraum, um sich vor äußeren Diskriminierungen zu schützen und selbstbestimmt(er) zu agieren. Die (Wieder-)Aneignung des urbanen Raumes geschieht weder intendiert noch geplant, sondern aus reiner Notwendigkeit, da viele dieser Menschen in anderen Räumen (mitunter durch ihre Lebenslage) keine Akzeptanz erfahren.

Innerhalb dieses ‚alternativlosen‘ Raumes organisieren die Menschen ihren Alltag. Es geht dabei um soziale Praktiken wie schlafen, essen, zuhören, diskutieren, streiten (s. Abb. 5):

Praktiken in der Sozialen Welt Bremer Platz
Abbildung 5: Praktiken in der Sozialen Welt Bremer Platz (eigene Darstellung)
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Dominante Orientierungslinien der sozialen Praktiken sind dabei Konsum und Gender, entlang derer es mitunter auch zu Gewalt oder Ausgrenzung innerhalb der Sozialen Welt kommt. Die Droge ist ein wirkmächtiger Aktant, anhand dem sich soziale Interaktion organisiert:

„es gibt einfach Prioritäten und die oberste Priorität ist die Droge“ (NI).

„aber alles, was mit Drogen zu tun hat, da hört die Hilfe schnell auf.“ (NI)

„alle sind nur geil auf den nächsten Schuss und ja, man hilft sich hier und da mal und ja, man hält hier zusammen, aber nur weil’s anders halt nicht funktioniert“ (LE).

Der Bremer Platz ist ein männlicher Ort, knapp ¾ der Menschen vor Ort sind Männer (Gerlach 2019, 3). Für Frauen ist der Bremer Platz ein Ort, an dem patriarchale Strukturen besonders spürbar sind. Frauen, die sich dort aufhalten (müssen), fühlen sich dabei

„[n]icht sicher! Da sind erstens Männer, die Frauen suchen. Ja, es ist immer irgendwas. Am Anfang bin ich ganz, ganz, ganz, ganz viel angebaggert worden. Ich bin auch mal viel fertig gemacht [worden] und so.“ (NI)

Auch eine (sich prostituierende) Transperson erfuhr geschlechterbezogene Diskriminierung in unserem Beisein.

Doch keinesfalls alle sozialen Praktiken innerhalb der Sozialen Welt Bremer Platz sind konflikthaft:

„Also ich mag, dass ich da Menschen habe, mit denen ich mich schon unterhalten kann, mich nicht so alleine fühle. Auch wenn es vielleicht ‚unecht‘ ist, aber ich bin trotzdem nicht gern allein... .“ (NI)

„[Es geht] […] auch darum, dass man sich hier zuhört. [D]ie Leute reden darüber, warum sie hier sind und auch alle kennen die Geschichten der anderen. Oft wurde auch gelobt, wenn Jemand meinte, er nimmt dies oder das nicht mehr, oder dass man jetzt mit dem Scheiß aufhören wolle – wenige Sekunden später ging es aber wieder darum, wo man jetzt diesen oder jenen Stoff herbekommt.“ (LE)

Der Bremer Platz fungiert als Anlaufstelle, Treffpunkt und Ort von Interaktionen, die für diese Menschen an anderen Orten womöglich nicht erfahrbar sind. Die beschriebenen Praktiken des Zuhörens, Teilens und Sprechens sind Teil alltäglicher Reproduktionsarbeit.

„Es geht um dies, um das, der ganze Platz scheint immer in Bewegung. Dem einen das leihen, von dem das andere zurückbekommen und ‚wo bleibt eigentlich der Kerl, dem ich Geld für Bier gegeben habe?‘. Es wirkt wie eine Form von Reproduktionsarbeit, die hier gemeinsam versucht wird zu bewältigen.“ (LE)

„Plötzlich läuft ein Mann ein wenig verwirrt in Schlangenlinien über die Mitte des Platzes. […] eine der umstehenden Frauen wird auf ihn aufmerksam und spricht ihn mit seinem Namen an. ‚Brauchst du Wasser? Hey, möchtest du Wasser?‘ Die Antwort ist nicht zu verstehen, doch sie scheint den Mann zu kennen. Sie geht auf ihn zu, und reicht ihm mit ruhigen Worten eine Wasserflasche.“ (AV)

Diese Anordnung aus Erfahrungen der Ausgrenzung und Vergemeinschaftung (re-)produziert dabei eigene Codes und Regeln, nach denen sich das Subjekt verhält und diese in Interaktion fortwährend performed:

„[…] dann verändert sich auch die Sprache, dann verändert sich auch der ganze Habitus – das merkt man selber am Anfang nicht, [...]. Man steht anders, man ist anders, ... und vor allem man spricht anders, weil man muss ja von den Leuten ernst genommen werden will. [...] [I]ch komm eigentlich aus 'ner Akademiker Familie und wenn ich anfange so zu sprechen ... dann bin ich da 'nen Spinner.“ (NI)

Menschen passen ihre Sprache und ihr Verhalten an die gängigen Praktiken des Bremer Platzes an. Sie nutzen bestimmte kommunikative Codes, um ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu markieren und um ihre verschiedenen Lebenswelten in Einklang zu bringen. Dies verdeutlicht die Diversität der Szene und zeigt die Brüchigkeit und Gemachtheit jener vermeintlich homogenen Gemeinschaft.

5. Fazit

Die Soziale Welt Bremer Platz wird durch neoliberale Diskurse geprägt, die eine Aufwertung und Kommodifizierung des öffentlichen Raumes und somit auch Verdrängungsprozesse zur Folge haben. Aber auch Diskurse um Obdachlosigkeit, Suchtkrankheit und Kriminalität prägen Imaginationen über diese Soziale Welt und damit auch Praktiken der Ausgrenzung gegenüber Menschen, die dieser zugeordnet werden.

Der Bremer Platz ist dabei ein ungesehener Ort von Vergemeinschaftung und Commoning, indessen dort alltäglich Praktiken der Sozialität gelebt werden. Diese Praktiken lassen sich zu großen Teilen als Reproduktionsarbeit fassen und sind dabei mitunter durch einen konflikthaften Charakter gekennzeichnet. Beleidigen und Streiten gehören ebenso zu den gelebten Praktiken wie Tauschen, Teilen und Helfen. Die Anordnung von Codes und Regeln in dieser Sozialen Welt kann nicht als kollektiver Bezug einer geschlossenen Szene verstanden werden, sondern wird vielmehr durch individuelle differente Bezüge auf Welt der vermeintlichen Szenemitglieder herausgefordert. Dabei beeinflusst der Aktant Droge als gemeinsamer Bezugspunkt soziale Interaktion. Er lässt persönliche Bindungen entstehen, festigt diese und fordert diese gleichzeitig durch deren Zweckorientierung heraus. Gender und Konsumpraktik bilden Linien sozialer Orientierung. Die Praktiken auf dem Bremer Platz bilden die gemeinsame alltägliche Bewältigung der Auswirkungen gesellschaftlicher Stigmen ab.

Commoning unter Ausgeschlossenen birgt eine neue Perspektive: Die (Wieder-)Aneignung des urbanen Raumes sowie der Versuch das Alltägliche gemeinsam zu bewältigen, geschieht weder intendiert noch geplant, sondern aus reiner Notwendigkeit, da viele ausgeschlossene Menschen in anderen Räumen (mitunter durch ihre Lebenslage) keine Akzeptanz erfahren. Der Commons-Begriff scheint für das Verständnis dieses Prozesses eine geeignete Ausgangslage, fokussiert diesen aber bislang unzureichend: Urban Commoning aus Perspektivlosigkeit, das gemeinsame Reproduktionsarbeit ermöglicht und als Ort alltäglicher Sozialität fungiert. Der Begriff Commoning unter Ausgeschlossenen kann unserer Meinung nach als Erweiterung gesehen werden, denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob jene Räume lediglich als Drogenkonsumorte oder eben als Orte alltäglicher Sozialität und Reproduktionsarbeit gelesen werden.

Durch diese Schwerpunktsetzung wird Abstand genommen von dem hegemonialdiskursiven ‚positiven‘ Image, den Urban Commons im eurozentrisch-westlichen Diskurs vielfach innehaben. Damit treten mitunter konflikthafte subalterne Praktiken der Raumaneignung und Reproduktionsarbeit sichtbarer hervor.

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Fußnoten 

[1] KL = Korpuslinguistik

[2] Insgesamt wurden 63 Menschen befragt

[3] Niedrigschwelliges Drogenhilfezentrum, direkt am Bremer Platz (https://indro-online.de/)

[4] Mittels der OpenSource Software AntConc (Konkordanz- und Kollokationsanalyse)

[5] Durchgeführt durch Schuchardt 2019, N = 1854

[6] Darunter werden Indro e.V., Drogenhilfe Stadt Münster & Bischoff-Hermann-Stiftung gefasst

[7] Als literarische Skizzen in Tradition der Emotions- und Affektforschung ermöglichen autoethnographische Vignetten einen sensiblen Einstieg in die Empirie, da sie neben den ersten Kontakten mit sozialen Phänomenen und Artefakten auch die notwendige reflexive Auseinandersetzung mit sich selbst bedingen und eigene Vorannahmen offenlegen (vgl. Creutziger 2018: 141).

[8] Ursprünglich lebensweltlich; im Anschluss an Honer (1993), Hitzler/Eisewicht (2020).

[9] Im Anschluss an (1) Foucault (1971 [1966], 2015 [1981]) u. a.;(2) Latour (1987) u. a.; (3) Deleuze und Guattari (2005 [1987]) u. a.

[10] Sozialen Welten und Arenen dürfen keineswegs als abgeschlossen angesehen werden. Sie sind fluide, können sich überschneiden und haben poröse Grenzen (vgl. Clarke 2012, 31). Diese Map ist daher eine mögliche Darstellungsform und das ‚Ergebnis‘ vieler, teils sehr unterschiedlicher Entwürfe. Ziel der Methode ist es eine Übersichtlichkeit zu schaffen, ohne Komplexität zu reduzieren. Im Sinne Clarkes aber könnten „die ‚Dinge immer auch ganz anders sein‘“ (ebd.).


Zitiervorschlag

Gottwalles, Lorenz, Annika Stremmer und Manuel Wagner (2020): Urban Commoning unter Ausgeschlossenen – Die Sichtbarmachung ungesehener Sozialität mit der Situationsanalyse nach Adele Clarke. In: sozialraum.de (12) Ausgabe 1/2020. URL: https://www.sozialraum.de/urban-commoning-unter-ausgeschlossenen.php, Datum des Zugriffs: 23.10.2020

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