Vom Setting zum Sozialraum: 40 Jahre Ottawa-Charta

Das St. Galler Modell als Kompass für sozialräumliche Gesundheitsförderung

Christian Reutlinger

Vier Jahrzehnte nach Verabschiedung der Ottawa-Charta durch die WHO ist die Gestaltung gesundheitsförderlicher Lebensbedingungen nach wie vor das zentrale Paradigma der Gesundheitsförderung. Zwar hat der Setting-Ansatz der Gesundheitsförderung diese Perspektive erfolgreich etabliert, doch in der Umsetzung wird Raum oft noch als statischer Hintergrund vorausgesetzt. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Charta plädiert der vorliegende Beitrag für eine raumtheoretische Schärfung: Aufbauend auf Erkenntnissen zu Place-Effects und StadtGesundheit wird Raum als ‚relationales Gewebe sozialer Praktiken‘ begriffen, das Gesundheit aktiv mitproduziert.

Zur konzeptionellen Umsetzung wird das St. Galler Modell der Sozialraumarbeit vorgestellt. Mit seinen drei Denkfiguren – Ort, Mensch und Struktur – bietet es ein analytisches Raster, um implizite Raumlogiken professionellen Handelns im Quartier bzw. Stadtteil offenzulegen und reflexiv aufeinander zu beziehen. Der Beitrag zeigt auf, wie eine solche raumsensible Praxis die Gesundheitsförderung als einen gestaltbaren sozialen Prozess versteht, der über die reine Intervention in festen, eingehegten Settings hinausgeht.

1. Gesundheit im Sozialraum: Warum Raum mehr ist als Kontext

Gesundheit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie wird dort hervorgebracht, wo Menschen ihren Alltag gestalten: in Wohnquartieren, Nachbarschaften, Schulen, Betrieben, auf öffentlichen Plätzen und in sozialen Netzwerken. Diese Einsicht ist in der Gesundheitsförderung seit rund vierzig Jahren fest verankert, nicht zuletzt durch die 1986 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedete Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung. Die Charta markiert einen Paradigmenwechsel, indem sie Gesundheit nicht länger primär als Ergebnis medizinischer Versorgung, sondern als Resultat alltäglicher Lebensbedingungen und deren aktiver Gestaltung versteht. Gesundheit, so heißt es dort, wird „von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt […] dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben“ geschaffen (WHO 1986).

Dieses programmatische „dort, wo“ verweist unmissverständlich auf eine räumliche Dimension der Entstehung, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit. Demnach wird Gesundheit nicht nur individuell erzeugt, sondern ist auch an konkrete soziale und räumliche Konstellationen gebunden, in denen Menschen handeln, Beziehungen eingehen und Ressourcen nutzen können oder daran gehindert werden.

In der Gesundheitsförderung wurde diese räumliche Perspektive vor allem über den Setting-Ansatz aufgegriffen und operationalisiert (Dadaczynski et al. 2016). Als Settings gelten dabei soziale Systeme und organisationale Zusammenhänge wie Schulen, Betriebe, Institutionen, Gemeinden oder Quartiere, in denen physische Umweltbedingungen, organisationale Strukturen und personale Lebenslagen systematisch zusammenwirken und Gesundheit beeinflussen (Altgeld/Kickbusch 2022; Dooris 2006; Whitelaw 2001). Insbesondere Gemeinden und Quartiere haben sich dabei als zentrale Bezugsebenen etabliert, weil sich hier Alltagsleben, Infrastruktur, soziale Beziehungen und institutionelle Steuerung in besonderer Weise verdichten (Trojan et al. 2013). Sie werden in der gesundheitswissenschaftlichen Diskussion nicht zufällig als „Dachsettings“ oder gar als „Mutter aller Setting-Ansätze“ bezeichnet (Trojan/Süß 2013).

Die Weiterentwicklung des Setting-Ansatzes durch die UN-Folgekonferenzen der Ottawa-Charta – etwa in Adelaide (1988), Sundsvall (1991) oder Jakarta (1997) – hat diese Perspektive vertieft. Konzepte wie Supportive Environments, Partizipation und Empowerment rückten die Bedeutung lokaler Ressourcen, kollektiver Handlungsfähigkeit und struktureller Rahmenbedingungen stärker in den Vordergrund (St.Leger 1997; WHO 2010; 1999). Gesundheit wurde damit zunehmend als Ergebnis sozialer und räumlicher Gestaltungsprozesse verstanden.

Aus sozialräumlicher Perspektive fällt jedoch auf, dass der Raumbezug des Setting-Ansatzes häufig konzeptionell unscharf bleibt. Begriffe wie Quartier, Lebenswelt, Sozialraum, Gemeinde oder (Super)Setting werden in Theorie und Praxis oft nebeneinander verwendet, ohne ihre jeweiligen Raumlogiken systematisch zu unterscheiden (Bär 2015; 2019; Bloch et al. 2014; Hartung et al. 2011). Settings werden mit „Orten der Intervention“ gleichgesetzt (Rademaker et al. 2025, 70), während die Wechselwirkungen sozialer und räumlicher Zusammenhänge auf Verhalten und Verhältnisse ausgeblendet werden. Dabei erscheint der Raum nicht selten als vorausgesetzter, physischer Behälter, in den Interventionen „hineingelegt“ werden, während seine soziale Produktion, seine Machtförmigkeit und seine Dynamik unbeachtet bleiben (Maierhofer 2023, 52).

Demgegenüber begreift die sozialwissenschaftliche Raumdiskussion Raum seit dem sogenannten Spatial Turn nicht mehr als Container, sondern als relationales Gefüge aus sozialen Praktiken, Bedeutungszuschreibungen, materiellen Bedingungen und institutionellen Rahmungen (Lefebvre 1974; Löw 2001; Soja 2008; Werlen 2005). Quartiere sind aus dieser Perspektive keine neutralen Gefäße, sondern konstruierte soziale Zusammenhänge, in denen sich Ressourcen, Belastungen, Zugehörigkeiten und Ausschlüsse verdichten (Schnur 2014; 2018). Entsprechend stellen Sozialräume „ständig (re)produzierte Gewebe sozialer Praktiken“ dar (Kessl/Reutlinger 2022, 35).

Für eine Sozialraumarbeit, wie sie sich in den letzten Jahren in der Sozialen Arbeit entwickelt hat, ist diese Perspektive seit Langem konstitutiv (Kessl/Reutlinger 2022; May 2022). Sie versteht Raum nicht als bloßen Hintergrund professionellen Handelns, sondern als dessen Produkt und zugleich als Bedingung. Fachkräfte sind aufgefordert, soziale Praxis sozialräumlich zu kontextualisieren und ihr eigenes professionelles Handeln als Teil der Raumproduktion zu positionieren (Kessl/Reutlinger 2022). Gerade in gemeinde- und quartiersbezogenen Arbeitsfeldern wird deutlich, dass professionelles Handeln Räume nicht nur nutzt, sondern mit hervorbringt – und dabei Handlungsmöglichkeiten eröffnet oder begrenzt.

In der gesundheitsbezogenen Praxis hingegen sind diese raumtheoretischen Einsichten bislang nur punktuell rezipiert worden (Kistemann/Schweikart 2017; Köckler 2019). Die Folge ist eine implizite und teils widersprüchliche Verwendung unterschiedlicher Raumkonzepte, die insbesondere in interdisziplinären Konstellationen – etwa zwischen Stadtplanung, Sozialer Arbeit, Public Health und kommunaler Verwaltung – zu Missverständnissen und Zielkonflikten führen kann (Böhme et al. 2012; Fabian et al. 2017).

Genau an dieser Schnittstelle setzt der vorliegende Beitrag an. Er argumentiert, dass Gesundheit nur dann angemessen verstanden und gefördert werden kann, wenn Raum als aktiver Mitproduzent sozialer und gesundheitlicher Prozesse begriffen wird. Raum ist weder bloße Kulisse noch neutraler Kontext, sondern ein Ermöglichungs- und Begrenzungsraum: Er strukturiert Zugänge zu Ressourcen, formt soziale Beziehungen und wird durch institutionelle Arrangements stabilisiert oder verändert. Entscheidend ist dabei nicht allein, dass Raum wirkt, sondern wie er wirkt und welche Handlungsoptionen er eröffnet oder verschließt.

An dieser Stelle setzt das St. Galler Modell der Sozialraumarbeit an (Reutlinger /Wigger 2008; 2010). Es versteht sich weder als eigenständige Raumtheorie noch als Gesundheitsmodell, sondern als Analyse- und Reflexionsinstrument, das unterschiedliche professionelle Raumlogiken sichtbar und bearbeitbar macht. Auf der Grundlage eines relationalen Raumverständnisses unterscheidet es drei Denkfiguren – Ort, Mensch und Struktur –, mit deren Hilfe sozialräumliche Gestaltungs-ansätze systematisch eingeordnet, verglichen und hinsichtlich ihrer impliziten Annahmen reflektiert werden können.

Damit eignet sich das Modell nicht nur zur Analyse sozialräumlicher Praxis, sondern auch als Kompass für die Gestaltung salutogener Sozialräume, in denen Gesundheit nicht verordnet, sondern ermöglicht wird.

2. Von sozialen zu räumlichen Determinanten: Raum als eigenständiger Gesundheitsfaktor

Gesundheitliche Ungleichheiten sind kein Zufall, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Strukturen. In der Gesundheitswissenschaft gelten soziale Determinanten – etwa Einkommen, Bildung, Erwerbsstatus, Wohnverhältnisse oder soziale Integration – als „Ursachen der Ursachen“ gesundheitlicher Chancen und Risiken (Richter 2008; Richter/Hurrelmann 2023). Sie strukturieren systematisch, wer welchen Belastungen ausgesetzt ist, über welche Ressourcen verfügt und welche Handlungsspielräume bestehen (Franzkowiak et al. 2011, 39).

Aus sozialräumlicher Perspektive sind soziale Determinanten niemals raumlos, sondern stets räumlich konkretisiert. Sie materialisieren sich in Wohnlagen, in der Qualität von Infrastrukturen, in Umweltbelastungen und Zugänglichkeiten – also in jenen alltäglichen Lebenszusammenhängen, in denen sich gesellschaftliche Ungleichheiten verdichten, stabilisieren und reproduzieren. Gesundheitliche Chancen und Risiken entstehen damit nicht abstrakt, sondern in konkret erfahrbaren Umwelten, die Handlungsspielräume eröffnen oder begrenzen.

Ein früher und bis heute einflussreicher Versuch, diese Zusammenhänge systematisch darzustellen, ist das Modell von Dahlgren und Whitehead (1991). Es beschreibt Gesundheit als Ergebnis ineinandergreifender Einflussfaktoren, die von individuellen Lebensstilen über soziale Netzwerke bis hin zu strukturellen Rahmenbedingungen reichen. Besonders relevant ist dabei die äußerste Ebene des Modells, in der „allgemeine sozioökonomische, kulturelle und umweltbezogene Bedingungen“ verortet sind (Dahlgren/Whitehead 1991; Schaubild auch zuängig in Dahlgren/Whitehead 2021: https://doi.org/10.1016/j.puhe.2021.08.009).

Diese äußerste Ebene verweist explizit auf räumlich strukturierte Faktoren: Wohnqualität (etwa Überbelegung, Feuchtigkeit oder Schimmel), Umweltbelastungen wie Luftverschmutzung und Lärm, die Erreichbarkeit von Nahversorgung, Bildungs- und Freizeitangeboten sowie Mobilitätsmöglichkeiten (Friedrichs 2017; Hurrelmann/Richter 2022). Ob gesundheitsfördernde Optionen im Alltag tatsächlich nutzbar sind, entscheidet sich somit nicht allein an individuellen Ressourcen, sondern an den konkreten räumlichen Bedingungen, unter denen Menschen leben. Raum wird hier nicht zum Hintergrundfaktor, sondern zu einer zentralen Vermittlungsebene sozialer Ungleichheit und gesundheitlicher Chancen.

Internationale Forschung zu sogenannten Place-Effects hat diese Zusammenhänge empirisch untermauert. Sie zeigt, dass Wohnorte die Gesundheit eigenständig beeinflussen – und zwar nicht nur über die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung, sondern über kontextuelle Eigenschaften des Ortes selbst (Macintyre et al. 2002). Lange galten diese Effekte als „unspecified black box“ (Macintyre et al. 2002, 125), bis drei ineinandergreifende Wirkmechanismen herausgearbeitet wurden:

Dabei prägen zunächst die materiellen Bedingungen die sogenannten „Chancen- und Ressourcenlandschaften“ (Macintyre et al. 2002, 131). Die bauliche, ökologische und infrastrukturelle Beschaffenheit eines Quartiers entscheidet hierüber, inwiefern Menschen Zugang zu gesundheitsrelevanten Ressourcen wie Grünflächen, sicheren Verkehrswegen oder einer stabilen Nahversorgung finden. Diese physische Basis wird unmittelbar durch soziale Mechanismen ergänzt: Faktoren wie kollektive Wirksamkeit, nachbarschaftliche Unterstützung oder das subjektive Sicherheitsgefühl beeinflussen maßgeblich, ob und wie die Bewohnerschaft diese Räume tatsächlich nutzt und soziale Integration erfährt. Schließlich spielen symbolische Dimensionen eine zentrale Rolle, da die Reputation eines Quartiers und Prozesse der Stigmatisierung nicht nur externe Investitionsentscheidungen und die institutionelle Aufmerksamkeit steuern, sondern auch tief in die Selbstwahrnehmung und die räumliche Identität der Menschen hineinwirken.

In dieser Perspektive werden Orte als aktive Co-Produzenten von Gesundheit und Ungleichheit begreifbar: Materielle Infrastrukturen strukturieren Handlungsmöglichkeiten, soziale Netzwerke ermöglichen oder begrenzen Unterstützung, symbolische Ordnungen formen Zugehörigkeit und Anerkennung (Cummins et al. 2007, 1826).

Die deutschsprachige Debatte um StadtGesundheit greift diese internationalen Einsichten auf und konkretisiert sie für urbane Kontexte. Urbane Gesundheitslagen werden hier als Ergebnis eines komplexen Ineinandergreifens natürlicher, gebauter, sozialer und individueller Faktoren verstanden (Augustin et al. 2024, 7). Empirisch gut belegt ist, dass sich Umweltbelastungen wie Luftverschmutzung, Lärm, Hitzeinseln oder Versiegelung überdurchschnittlich in sozial benachteiligten Quartieren konzentrieren und bestehende Ungleichheiten weiter verschärfen (Böhme/Reimann 2012, 200). Gleichzeitig zeigen Studien, dass salutogene Elemente wie Grün- und Blauflächen Stress reduzieren, körperliche Aktivität fördern und psychosoziales Wohlbefinden stärken können (Hunter et al. 2023).

Raum ist folglich nicht nur Bühne sozialer Ungleichheit, sondern selbst eine eigenständige Gesundheitsdeterminante. Stadt- und Quartiersentwicklung, Verkehrs- und Umweltplanung oder Wohnungsbau sind damit immer auch gesundheitsrelevant – unabhängig davon, ob sie explizit als Gesundheitsmaßnahmen intendiert sind. Daraus ergibt sich die zentrale Frage nach den Raumlogiken, die professionelles Handeln in der Quartiersarbeit leiten. Das St. Galler Modell der Sozialraumarbeit (Reutlinger/Wigger 2008) bietet hierfür ein analytisches Raster, um unterschiedliche Zugänge zu Raum systematisch zu unterscheiden und reflexiv aufeinander zu beziehen.

3. Das St. Galler Modell: Drei Denkfiguren als Analyse- und Handlungsinstrument

Anstatt bei konkreten Methoden anzusetzen, fokussiert das Modell eine vorgelagerte, häufig implizit bleibende Frage: Wo im Sozialraum wird Veränderung verortet – und wodurch, durch welche professionelle Gestaltung, soll sie bewirkt werden? Der analytische Blick verschiebt sich somit von der Ebene konkreter Interventionen auf die grundlegenden Logiken, die professionelles Handeln strukturieren.

Theoretisch knüpft das Modell an Bourdieus Verständnis des sozialen Raums an, in dem soziale Positionen, verfügbare Kapitalarten (ökonomisch, kulturell, sozial) und daraus hervorgehende Habitusformen das Handeln prägen (Bourdieu 1991). Sozialräume erscheinen in dieser Perspektive nicht als neutrale Kulissen, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse, die sich räumlich verdichten und reproduzieren. Professionelles Handeln ist stets in diese Verhältnisse eingebettet – und wirkt zugleich an ihrer Stabilisierung oder Veränderung mit.

Denkfiguren sind dabei keine empirischen Abbilder sozialräumlicher Wirklichkeit. Sie fungieren vielmehr als „heuristische Reduktions- und Ordnungskategorien“, mit deren Hilfe Fachakteur:innen Komplexität handhabbar machen (Reutlinger/Wigger 2010, 10). Sie strukturieren Wahrnehmung, Problemdefinition und Handlungsoptionen, indem sie festlegen, was als zentraler Ansatzpunkt gilt, welche Einflussfaktoren priorisiert und welche Ebenen tendenziell ausgeblendet werden. Gerade weil diese Raumlogiken häufig nicht explizit reflektiert werden, entfalten sie eine hohe praktische Wirkmacht.

Das St. Galler Modell unterscheidet hierzu drei idealtypische Denkfiguren sozialräumlicher Gestaltung: die Gestaltung von Orten (O), die Arbeit mit Menschen (M) und die Gestaltung von Strukturen bzw. Organisationen (S).

St. Galler Modell der Sozialraumarbeit

Abbildung 1: St. Galler Modell der Sozialraumarbeit (Quelle: Eigene Darstellung)

Jede dieser Denkfiguren beleuchtet einen zentralen Aspekt sozialräumlicher Wirklichkeit – und bleibt zugleich selektiv. Ihre analytische Stärke entfaltet sich insbesondere dann, wenn sie nicht isoliert, sondern in ihrem Zusammenspiel betrachtet werden.

3.1 Gestaltung von Orten (O): Physische Umwelt als strukturierendes Element von Handlungsspielräumen

Die Denkfigur „Ort“ setzt beim physisch-materiellen Raum an, greift jedoch darüber hinaus. Sie versteht Orte einerseits als location, also als geografisch verortete Punkte oder abgegrenzte Territorien, und andererseits als locale, als baulich-infrastrukturelle und ökologische Lebensumwelt (Cresswell 2009; 2015). Diese Perspektive wird – in Anschluss an die zuvor dargestellten Place-Effects – um eine dritte Dimension ergänzt: Orte sind zugleich Träger von Bedeutungen (sense of place), die durch individuelle und kollektive Wahrnehmungen, Erfahrungen und kulturelle Zuschreibungen entstehen. Darüber hinaus werden Orte durch soziale Praktiken kontinuierlich hervorgebracht und verändert; sie sind somit keine statischen Gegebenheiten, sondern prozesshafte Gefüge aus Materialität, Bedeutung und Praxis (vgl. Cresswell 2015).

Damit lässt sich eine direkte Verbindung zu den zuvor beschriebenen gesundheitsbezogenen Wirkmechanismen herstellen: Die materiellen Dimensionen von Orten spiegeln sich in den „Chancen- und Ressourcenlandschaften“ wider, die durch die bauliche, ökologische und infrastrukturelle Ausstattung geprägt sind und den Zugang zu gesundheitsrelevanten Ressourcen strukturieren (Macintyre et al. 2002, 131). Die Bedeutungsebene korrespondiert mit symbolischen Zuschreibungen wie Reputation oder Stigmatisierung, die sowohl externe Wahrnehmungen als auch die räumliche Identität der Bewohnerschaft beeinflussen. Schließlich verweist die Dimension der Praxis auf jene sozialen Mechanismen – etwa kollektive Wirksamkeit, nachbarschaftliche Unterstützung oder subjektives Sicherheitsgefühl –, die darüber entscheiden, ob und wie vorhandene Ressourcen tatsächlich angeeignet und genutzt werden.

Orte bilden damit den unmittelbaren Kontext alltäglicher Praxis und prägen Gesundheit nicht nur durch ihre Umweltqualitäten, sondern im Zusammenspiel von materiellen Bedingungen, sozialen Praktiken und symbolischen Bedeutungen (Köckler 2019; Voigtländer et al. 2011).

Dahinter steht die Erkenntnis, dass physikalische, chemische, biologische und psychosoziale Umweltbedingungen die alltagspraktischen Handlungsspielräume der Menschen strukturieren (WHO 1994). Besonders in als sozial benachteiligt markierten Stadtteilen kumulieren gesundheitsrelevante Belastungen: erhöhtes Verkehrsaufkommen, Lärm- und Luftschadstoffe, Unfallgefahren, Hitzeinseln oder Versiegelung treffen hier häufig auf Defizite an qualitätsvollen Erholungs-, Spiel- und Bewegungsflächen (Böhme/Reimann 2012). Entscheidend ist dabei nicht allein das Vorhandensein entsprechender Infrastrukturen, sondern deren tatsächliche Nutzbarkeit. Diese ist sowohl baulich-technisch (z. B. Barrierefreiheit, Wegeführung) als auch sozial-kulturell vermittelt – etwa durch Sicherheitswahrnehmungen, soziale Kontrolle oder Stigmatisierungsprozesse (Hornberg/Pauli 2010, 131).

Folgt man dieser Logik wird Gesundheitsförderung primär über räumliche Gestaltung adressiert. Entsprechend stehen planerische Instrumente wie Stadt- und Verkehrsplanung, Grün- und Freiraumgestaltung oder integrierte Stadtentwicklungsprogramme im Zentrum (Baumgart et al. 2018; Böhme et al. 2012). Stadtentwicklungsprogramme wie „Soziale Stadt“ zeigen exemplarisch, wie über integrierte Quartiersentwicklung Umweltbelastungen reduziert, wohngebietsbezogene Versorgung gesichert und gesundheitsfördernde Infrastrukturen gestärkt werden sollen (Akademie für Raumforschung und Landesplanung 2014; Graf 2020).

Diese Perspektive macht zudem sichtbar, dass räumliche Gestaltung niemals neutral ist. Stadtplanerische Entscheidungen sind stets mit Machtverhältnissen, Verteilungskonflikten und Fragen umweltbezogener Gerechtigkeit verbunden (Böhme/Köckler 2018; Hornberg/Pauli 2010). In diesem Sinne sind Orte – über ihre materielle Dimension hinaus – immer auch Ausdruck sozialer Praktiken und gesellschaftlicher Bedeutungszuschreibungen (vgl. Cresswell 2009), die darüber mitentscheiden, wie gesundheitliche Chancen verteilt sind. Wer Orte gestaltet, gestaltet Lebensbedingungen – und damit unmittelbar gesundheitliche Chancen.

3.2 Arbeit mit Menschen (M): Soziale Relationen und kollektive Selbstwirksamkeit

Die Denkfigur „Mensch“ rückt die Bewohner:innen als handelnde, deutende und gestaltende Subjekte in den Mittelpunkt (Gerber/Stünzner 1999, 52). Im Fokus stehen subjektive Wahrnehmungen, alltägliche Praktiken, soziale Beziehungen sowie biografisch und sozial geprägte Deutungsmuster (Dadaczynski 2019, 409f.). Raum erscheint hier nicht primär als physische Gegebenheit, sondern als sozial konstituierter Bedeutungszusammenhang.

Lebenswelten werden in dieser Perspektive als „soziale Erfahrungsräume“ verstanden, die durch Wert- und Deutungsmuster, Normen, Sozialisationsprozesse sowie Ressourcen und Netzwerke strukturiert sind (Bär 2019, 621). Sie entstehen erst durch Wahrnehmung, Deutung und Handeln der Menschen und sind zugleich sozial vermittelt (Dadaczynski 2019; Rademaker et al. 2025; Schlicht/Zinsmeiste 2015, 110). Für eine sozialräumliche Perspektive sind dabei insbesondere Quartiere relevant, da sie unterschiedliche Lebenswelten räumlich bündeln und als „unscharf konturierter Mittelpunkt-Ort alltäglicher Praktiken“ fungieren (Schnur 2014, 43).

Zentral ist in dieser Denkfigur die Bedeutung sozialer Ressourcen (Bachmann 2024). Vertrauen, soziale Unterstützung, geteilte Normen und Kooperationsfähigkeit wirken als kollektive Potenziale, die gesundheitsfördernde Effekte entfalten können (Naidoo/Wills 2019, 472). Gesundheit entsteht hier wesentlich durch soziale Beziehungen, kollektive Praktiken und geteilte Bedeutungen. Damit rücken Konzepte wie Partizipation und Empowerment ins Zentrum sozialräumlicher Gesundheitsförderung (Rademaker et al. 2025). Agency beschreibt dabei die realen Handlungsoptionen von Menschen, Entscheidungen zu treffen und ihre Lebensbedingungen aktiv mitzugestalten – stets in Relation zu sozialen, institutionellen und räumlichen Kontexten (Emirbayer /Mische 1998; Raithelhuber 2018). Handlungsfähigkeit ist somit keine individuelle Eigenschaft, sondern entsteht im Zusammenspiel persönlicher Ressourcen und struktureller Ermöglichungs- oder Begrenzungsbedingungen.

Partizipation verweist darüber hinaus auf die tatsächliche Einbindung von Menschen in Aushandlungs-, Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse, die ihre Lebenszusammenhänge betreffen. Sie ist nicht als methodische Ergänzung zu verstehen, sondern als Konsequenz eines sozialräumlichen Verständnisses von Gesundheit, das lokale Wissensbestände, Alltagserfahrungen und Deutungen ernst nimmt (Fabian et al. 2017; Süß/Trojan 2012). Entwicklungsprozesse können zwar von außen angestoßen werden, ihre Ergebnisse lassen sich jedoch nicht verordnen. Nachhaltige Veränderungen setzen aktive Beteiligung voraus (Thiersch 2020, 53).

Empowerment schließlich zielt auf die Erweiterung individueller und kollektiver Handlungsmacht. Es geht darum, Menschen in die Lage zu versetzen, vorhandene Ressourcen wahrzunehmen, zu nutzen und neue Handlungsspielräume zu eröffnen – auch gegenüber institutionellen und politischen Strukturen (Naidoo/Wills 2019). Empowerment ist damit immer relational und prozesshaft angelegt und eng mit Fragen sozialer Gerechtigkeit verknüpft.

In der Praxis zeigt sich diese Logik in beteiligungs- und beziehungsorientierten Ansätzen, die auf kontinuierliche Präsenz, Vertrauensaufbau und Vernetzung setzen – insbesondere in sozial benachteiligten Quartieren (Süß/Trojan 2012; Zumbrunn et al. 2017). Professionelle Akteur:innen agieren hier als Brückenbauer:innen und Ermöglicher:innen: Sie eröffnen Zugänge, fördern Kooperationen und tragen dazu bei, soziale Ressourcen sichtbar und wirksam zu machen (Dadaczynski 2019, 413). Gleichzeitig verdeutlicht die Denkfigur „Mensch“, dass sozialräumliche Gesundheitsförderung nicht wertneutral ist. Wer Partizipation ermöglicht oder verwehrt, wer bestimmte Stimmen stärkt und andere überhört, greift aktiv in Macht- und Ungleichheitsverhältnisse ein.

3.3 Gestaltung von Strukturen (S): Institutionelle Bedingungen und nachhaltige Verankerung

Die Denkfigur „Struktur“ richtet den Blick auf jene politischen, administrativen, organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen, unter denen sozialräumliche Prozesse stattfinden und professionelles Handeln möglich wird (Altgeld 2006; Hartung/Rosenbrock 2022). Raum erscheint hier nicht primär als Ort konkreter Interaktion, sondern als institutionell gerahmter Möglichkeitsraum, der vorgibt, welche Ziele verfolgt werden können, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und wie Verantwortung verteilt ist.

Aus dieser Perspektive entsteht Gesundheit nicht vor allem durch einzelne zeitlich befristete Maßnahmen oder Projekte, sondern durch dauerhaft wirksame Systembedingungen, die gesundheitsförderliches Handeln im Alltag ermöglichen, absichern und verstetigen. Dazu zählen unter anderem intersektorale Kooperationsstrukturen, klare Zuständigkeitsregelungen, langfristige Finanzierungsmodelle sowie Formen der Qualitätssicherung und des Capacity Building (Rosenbrock 2015). Gesundheitsförderung wird hier als Querschnittsaufgabe sichtbar, die auf die koordinierte Zusammenarbeit unterschiedlicher Politik- und Handlungsfelder angewiesen ist.

Gerade an dieser Stelle zeigen sich jedoch erhebliche strukturelle Spannungen. Die historisch gewachsenen sektoralen Trennungen zwischen Gesundheit, Sozialpolitik, Bildung und Stadtentwicklung wirken vielfach als institutionelle Barrieren, die integrierte sozialräumliche Ansätze erschweren (Altgeld 2006, 26). Zuständigkeitslogiken, unterschiedliche Planungszyklen oder divergierende Steuerungslogiken führen dazu, dass gesundheitsförderliche Potenziale oft ungenutzt bleiben.

Eine zentrale Rolle spielen dabei Finanzierungs- und Anreizsysteme. Altgeld (2006, 25) weist darauf hin, dass gesundheitsförderliche und präventive Ansätze strukturell häufig gegenüber kurativen Leistungen benachteiligt sind. Für die Gestaltung von Strukturen bedeutet dies weniger die Legitimierung einzelner Maßnahmen, als vielmehr die Veränderung von Rahmenbedingungen, sodass gesundheitsförderliches Handeln zur selbstverständlichen Regel professioneller Praxis wird – und nicht von kurzfristigen Projektmitteln abhängt. Gesundheitsförderung wird damit als Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge adressiert.

Praxisbeispiele für eine solche strukturelle Verankerung finden sich etwa in kommunalen Präventionsräten, Präventionsketten oder integrierten Stadtentwicklungsprogrammen. Diese zielen auf den Aufbau verbindlicher Kooperationsstrukturen, abgestimmter Planungsprozesse und nachhaltiger Verantwortlichkeiten (Endres/Scarbata 2009; Trojan et al. 2022). In sozialräumlicher Perspektive wird Struktur damit zum entscheidenden Hebel, um gesundheitsförderliche Bedingungen nicht nur zu initiieren, sondern langfristig abzusichern. Auch hier wird deutlich, dass Strukturen Zeit, Aufmerksamkeit und Ressourcen verteilen und damit nachhaltig gesundheitliche Chancen prägen.

4. Fazit: Raum als salutogener Wirkfaktor – Sozialraumarbeit neu lesen

Der Beitrag hat gezeigt, dass Gesundheitsförderung im Quartier längst räumlich operiert – das zugrunde liegende Raumverständnis jedoch häufig implizit, fragmentiert oder widersprüchlich bleibt. Unterschiedliche Professionen bearbeiten physische Umweltbedingungen, soziale Beziehungen oder institutionelle Rahmenbedingungen nebeneinander, ohne ihre jeweiligen Raumlogiken systematisch aufeinander zu beziehen. Genau hier setzt das St. Galler Modell der Sozialraumarbeit an.

Mit den drei Denkfiguren Ort, Mensch und Struktur bietet es ausdrücklich keine additive Raumdefinition und keinen weiteren Maßnahmenkatalog. Vielmehr fungiert es als analytischer und reflexiver Kompass, der unterschiedliche professionelle Zugänge zu räumlich verfassten sozialen Wirklichkeiten sichtbar macht. Die Denkfiguren stehen dabei nicht für Bestandteile von Raum, sondern für unterschiedliche Perspektiven auf sozialräumliche Konstellationen, die jeweils spezifische Annahmen über Wirkmechanismen, Verantwortlichkeiten und Handlungsmöglichkeiten enthalten – und ebenso blinde Flecken produzieren.

In diesem Sinne vollzieht das Modell keinen abstrakten Spatial Turn, sondern einen praxisnahen, reflexiven Spatial Turn, der Raum konsequent als relationalen Mitproduzenten sozialer und gesundheitlicher Prozesse begreift. Raum entsteht hier nicht „aus“ Ort, Mensch und Struktur, sondern in den Beziehungen, Praktiken, Machtverhältnissen und institutionellen Rahmungen, die diese Dimensionen miteinander verschränken. Professionelles Handeln ist dabei selbst Teil dieser Raumproduktion und muss als solches mitreflektiert werden.

Theoretisch lässt sich das St. Galler Modell als eine Übersetzungsleistung zwischen Raumtheorie und Praxis verstehen. Es greift zentrale raumtheoretische Einsichten auf – etwa die Forschung zu Place-Effects (Macintyre et al. 2002), Lefebvres Konzept der gesellschaftlichen Raumproduktion (1974), Löws relationales Raumverständnis (2001) sowie Bourdieus Konzeption des sozialen Raums (1991) – ohne diese zu normativen Vorgaben zu verengen. Statt Raum einseitig als gebaute Umwelt, als soziale Beziehung oder als institutionelle Ordnung zu definieren, hält das Modell diese Perspektiven in produktiver Spannung. Gerade diese Offenheit macht es anschlussfähig für interdisziplinäre Kontexte zwischen Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung, Stadtentwicklung und Verwaltung.

Seine besondere Stärke entfaltet das Modell dort, wo es als Reflexionsinstrument sozialräumlicher Professionalität genutzt wird. In der Quartiersdiagnostik hilft es, vorschnelle oder einseitige Problemzuschreibungen zu vermeiden. In kooperativen Prozessen unterstützt es die Verständigung zwischen Professionen, indem implizite Raumannahmen explizit gemacht werden. Und in der Projekt- und Programmevaluation verschiebt es den Fokus von kurzfristigen Outputs hin zu strukturellen, relationalen und räumlichen Wirkungen.

Damit rückt eine Perspektive in den Vordergrund, die für Sozialraumarbeit im Sinne von Kessl und Reutlinger zentral ist: die Notwendigkeit einer systematischen Kontextualisierung und Positionierung professionellen Handelns. Sozialraumarbeit bedeutet, das Tun von Menschen und Organisationen sozialräumlich zu deuten und zugleich das eigene Agieren als Teil politischer, institutioneller und gesellschaftlicher Machtverhältnisse zu reflektieren. Fachkräfte handeln nicht von außen, sondern immer innerhalb konkreter sozialräumlicher Konstellationen, die sie mitgestalten – und für die sie Verantwortung tragen.

In dieser Lesart wird Raum zum Ermöglichungs- und Begrenzungsraum: Gesundheit entsteht nicht automatisch durch Infrastruktur, nicht allein durch Aktivierung von Menschen und nicht ausschließlich durch institutionelle Programme. Sie entsteht dort, wo Orte aneignungsfähig sind, wo soziale Beziehungen tragfähig werden und wo institutionelle Strukturen Beteiligung, Kontinuität und Verlässlichkeit ermöglichen. Salutogene Räume sind daher keine Zustände, sondern relationale Konstellationen, die immer wieder neu hergestellt, stabilisiert oder auch infrage gestellt werden.

Auch die Ottawa-Charta erhält so eine sozialräumliche Tiefenschärfe. Ihre Forderung nach Supportive Environments verweist nicht auf additive Einzelmaßnahmen, sondern auf die bewusste Gestaltung jener relationalen Gefüge, in denen Gesundheit im Alltag ermöglicht oder verhindert wird (Rademaker et al. 2025). Gesundheitsförderung wird damit explizit zur Aufgabe reflexiver Sozialraumarbeit – und Sozialraumarbeit zu einer zentralen Praxis gesundheitsbezogener Chancengerechtigkeit.

Der entscheidende Perspektivwechsel lautet daher: Gesundheit ist immer räumlich – und Raum ist gestaltbar. Nicht im Sinne technischer Machbarkeit, sondern als kontinuierlicher Aushandlungsprozess zwischen Akteur:innen, Interessen, Ressourcen und Machtverhältnissen. Das St. Galler Modell liefert hierfür keine Rezepte, wohl aber eine gemeinsame Sprache, um sozialräumliche Zusammenhänge zu verstehen, zu reflektieren und professionell zu bearbeiten. Genau darin liegt sein Potenzial.

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Zitiervorschlag

Reutlinger, Christian (2026): Vom Setting zum Sozialraum: 40 Jahre Ottawa-Charta. In: sozialraum.de (17) Ausgabe 1/2026. URL: https://www.sozialraum.de/vom-setting-zum-sozialraum-40-jahre-ottawa-charta.php, Datum des Zugriffs: 03.06.2026