Sozialraumorientiertes Katastrophenrisikomanagement
Befunde einer empirischen Studie in Japan und konzeptionelle Überlegungen
Annette Harth
In den vergangenen Jahren haben Krisen und Katastrophen weltweit zugenommen. Überflutungen, Dürren, Brände, gewaltförmige Konflikte und andere Ausnahmezustände stellen mittlerweile auch hierzulande Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft vor wachsende Herausforderungen. Während dabei lange Zeit („natürliche“) Gefahren und materielle Schadensbeseitigung im Vordergrund standen, werden heute Katastrophenrisiken als „Ergebnis der Wechselwirkungen von Gefahr, Exposition und Vulnerabilität“ (BMZ 2025, 7) verstanden. Damit werden vermehrt die sozialen Aspekte von Katastrophen, Fragen von sozialer Ungleichheit und Resilienz sowie Prävention in den Vordergrund gerückt, und zentrale Kompetenzen der Sozialen Arbeit im Umgang mit Krisen und Katastrophen geraten in den Blick (vgl. Kaschlik/Wagner 2025, 3; Hay/Pascoe 2021, 1533). Die bisherigen nationalen, aber vor allem internationalen Erfahrungen im Umgang mit Katastrophen machen sehr deutlich, dass communitybasierte Ansätze dabei eine zentrale Rolle spielen. Entsprechend wird dies in allen wichtigen nationalen und internationalen konzeptionellen Rahmenwerken und Policy-Strategien hervorgehoben. Allerdings beginnen Disziplin und Profession Sozialer Arbeit hierzulande erst seit kurzer Zeit, sich mit dem Thema systematisch zu befassen.
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der Frage, wie ein sozialraumorientiertes Katastrophenrisikomanagement aussehen könnte. Dazu werde ich zunächst kurz zentrale Linien des bisherigen fachlichen Diskurses darstellen (1). Anschließend präsentiere ich Ergebnisse einer empirischen Studie zur Gemeinwesenarbeit in der Katastrophenhilfe und im Katastrophenschutz, die ich im November 2025 in Japan durchgeführt habe (2). Auf dieser Basis werde ich Konturen eines sozialraumorientierten Katastrophenrisikomanagements in Deutschland skizzieren und mit einigen Überlegungen zu dessen Umsetzung abschließen (3).
1. Soziale Arbeit und Katastrophenrisikomanagement
Vor dem Hintergrund der Klimakrise und ihren Folgen sind in der vergangenen Dekade sozialökologische Gerechtigkeits- und Nachhaltigkeitsfragen im Fachdiskurs der Sozialen Arbeit mehr und mehr thematisiert worden (vgl. z. B. die Beiträge in Pfaff et al. 2022; Harth 2022). Dabei spielt der Ansatz der Green Social Work eine prominente Rolle. Dominelli entwickelte diesen im Rahmen einer internationalen Perspektive auf Katastrophen. Sie unterstreicht die Notwendigkeit von präventiven Handlungsstrategien und weist der Sozialen Arbeit eine entscheidende Rolle in allen Phasen der Katastrophenhilfe (vor, während und danach) zu – und zwar in Kooperation und Koproduktion mit den unterschiedlichen Communities (vgl. Dominelli 2012, 138ff; Dominelli 2024).
In Deutschland hat – bis auf einige zurückliegende Einzelarbeiten (Zeller 2006; Pantucek 2009; Treptow 2018; Bähr 2020) – der fachliche Diskurs zum Katastrophenrisikomanagement (DRM) in der Sozialen Arbeit erst seit wenigen Jahren in Folge der Covid-Pandemie und besonders der Ahrtal-Flut 2021 merklich zugenommen (vgl. z. B. die Beiträge in Sozial Extra 2025/1 zum Themenschwerpunkt Desaster Management). In der Sozialen Arbeit sind themenspezifische Kooperationen, Tagungen, Fachtage und Forschungsprojekte im Kontext Katastrophenhilfe entstanden [1]; bislang fehlt es allerdings noch an grundlegenden empirischen Forschungsarbeiten über den Umfang der Sozialen Arbeit in diesem Handlungsfeld (vgl. Treptow 2024, 16).
1.1 Katastrophen und Katastrophenrisikomanagement (DRM)
Aus der Verschärfung und Überschneidung von krisenhaften Entwicklungen und steigenden Vulnerabilitäten ist eine Lage entstanden, die Katastrophen wahrscheinlicher werden lässt. Eick u. a. (2025, 10) sprechen von „kaskadierenden globalen Krisen“, die die Verwundbarkeiten erhöht haben. Katastrophen unterscheiden sich von Krisen durch ihre schwerwiegende Störung der Funktions- und Bewältigungsfähigkeit des betroffenen Gemeinwesens. Ein Desaster wird vom United Nations Office for Disaster Risk Reduction (UNDRR) [2] definiert als „a serious disruption of the functioning of a community or a society at any scale due to hazardous events interacting with conditions of exposure, vulnerability and capacity, leading to one or more of the following: human, material, economic and environmental losses and impacts.“ Bei Katastrophen handelt es sich also um ein komplexes Zusammenwirken von Gefahr, Exposition, Verletzlichkeit und Bewältigungsfähigkeit. Nicht jede Gefährdung muss in einer Katastrophe enden, wenn die betroffene Gemeinschaft oder Gesellschaft sie mit Blick auf ihre besonderen Verletzlichkeiten bewältigen kann.
Damit rücken nicht nur vielschichtige sozialräumliche Aspekte von ungleichen Lebensbedingungen, Arbeits- und Wohnsituationen, Armut, Wohnungsnot, körperlichen oder psychischen Verletzlichkeiten, wetterbedingten Risikolagen etc. in den Fokus. Zudem wird auch die Prozesshaftigkeit von Katastrophenhilfe und Katstrophenschutz deutlich, die in dem Konzept des Katastrophenrisikomanagements (DRM) zum Ausdruck kommt: „Disaster risk management is the application of disaster risk reduction policies and strategies to prevent new disaster risk, reduce existing disaster risk and manage residual risk, contributing to the strengthening of resilience and reduction of disaster losses“ (UNDRR 2017). Hier werden also verschiedene Herausforderungen und Handlungsstrategien zur Herstellung von gesellschaftlicher Resilienz benannt, die in der Regel unterschiedlichen Phasen zugeordnet werden (vgl. Abbildung 1).
Abbildung 1: Katastrophenrisikomanagement als Prozess (Quelle: NKS – Nationale Kontaktstelle für das Sendai Rahmenwerk für Katastrophenvorsorge [2022])
Insbesondere werden vier Phasen [3] unterschieden:
- Prävention (prevention) als Anpassung von Strukturen und Fähigkeiten, um Gefahren, Vulnerabilitäten und Expositionsrisken zu reduzieren
- Vorbereitung (preparedness) als Aufbau von Wissen und Fähigkeiten bezüglich konkreter Gefahren, um diese zu bewältigen und sich davon zu erholen
- Bewältigung (response) als Rettung durch Sofort- und Notfallhilfe
- Nachsorge (recovery) als Prozess der Heilung und des resilienteren Wiederaufbaus („building back better“), um Risiken zukünftiger Gefahren zu reduzieren
In Deutschland gibt es ausgebaute Infrastrukturen des Katastrophenschutzes, bei der öffentliche (wie Technisches Hilfswerk) und private Träger (wie Hilfsorganisationen) zusammenwirken. Zudem ist in den vergangenen Jahren eine vermehrte Sensibilisierung bei den Gebietskörperschaften (kommunale Katastrophenschutzpläne) zu verzeichnen, das Thema ist auf der Verwaltungsebene angekommen und in den Hilfsorganisationen präsent. In jüngster Zeit wird auch der Zivilschutz im Zeichen der sog. Zeitenwende aufgewertet und mit Finanzmitteln ausgestattet. Allerdings verfehlen diese Entwicklungen bislang die Komplexität des gesamten Katastrophenzyklus‘, da sie sich primär auf Schutz und Gefahrenabwehr beziehen. Vor allem werden die vom Sendai Rahmenwerk der UN und der nationalen Resilienzstrategie (vgl. BMI 2022) geforderten Aspekte einer transdisziplinären und sektorenübergreifenden Kooperation zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis, einer Einbindung lokaler Akteur:innen und Communities sowie einer stärkeren Beteiligung der Bevölkerung bislang vernachlässigt.
1.2 Die Rolle Sozialer Arbeit im Katastrophenrisikomanagement
Im aktuellen deutschsprachigen Fachdiskurs gibt es ein deutliches Plädoyer für eine systematische Verankerung der Sozialen Arbeit im DRM. Dabei werden insbesondere folgende Begründungszusammenhänge angeführt:
- Die Zielbestimmungen und professionsethischen Grundlagen Sozialer Arbeit mit der Orientierung an Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten, Solidarität und Inklusion sowie ihrer Aufgabe, Menschen bei der Lebensbewältigung zu unterstützen, weisen ihr einen besonderen Auftrag und Fokus im Rahmen des DRM zu.
- Es gibt im internationalen Raum konzeptionelle Grundlagen, die transformative Katastrophenhilfe im Kontext von Umweltgerechtigkeit auch für konkrete Handlungsherausforderungen entwickeln (vgl. Dominelli 2024) und auf verschiedenen Ebenen durchdeklinieren. So entfaltet Margaret Alston (2025, 17ff.) auf der Basis ihrer Untersuchungen von Dürre- und Brandkatastrophen in Australien und weiterer Analysen eine detaillierte und sehr aufschlussreiche Zusammenstellung der notwendigen Maßnahmen der Sozialen Arbeit vor, während und nach Katastrophen auf der Mikroebene (Arbeit mit Menschen, Familien und Communities), der Mesoebene (Vernetzung und Strukturbildung) und der Makroebene (Arbeit mit Systemen).
- Die Soziale Arbeit verfügt über Handlungsansätze und relevantes Wissen, um beim Schutz von Menschen und ihren Lebensgrundlagen im Rahmen eines inklusiven und bedürfnisorientierten DRM (vgl. BMI 2022, 26, 73) mitzuwirken (vgl. Eick u. a. 2025, 9). Sie ist nah an den Lebenswelten von Menschen und deren lokalen Wissensbeständen, hat Kontakte und Vertrauensverhältnisse zu vulnerablen Gruppen und zu benachteiligten Communities, die häufig am stärksten von Gefährdungen betroffen sind (vgl. Kaschlik/Wagner 2025, 3f.). Dabei nimmt sie eine differenzierte Perspektive auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ein, z. B. auf die genderspezifischen Aspekte von Katastrophenfolgen und in der Katastrophenhilfe (vgl. Alston 2025, 17f.). Sie kann Menschen und Adressat:innen in das DRM partizipativ einbinden, indem sie ihre Expertise und Selbsthilfefähigkeiten stärkt (vgl. Eick u. a. 2025, 11f.).
- Die Soziale Arbeit kann in Unsicherheit und Krisensituationen handlungsfähig bleiben. Auch gewöhnliche Umstände werden aus der Sicht von Adressat:innen nicht selten als desaströs und hochgradig verunsichernd erlebt. Soziale Arbeit verfügt über entsprechende Methoden und Techniken, um in unsicheren und verunsichernden Umgebungsbedingungen professionell zu handeln, wie z. B. Prozessgestaltung, Diagnosemethoden, kommunikative Bedarfsermittlung und Aktivierung, Traumapädagogik, Netzwerkbildung, multiprofessionelle Zusammenarbeit, Organisation von Selbsthilfe und gemeinschaftlicher Hilfe, Reflexionsfähigkeit u.v.a.m. Eick u. a. (2025, 12) bringen es auf den Punkt: „Die kooperative Gestaltung von Wissensgenese, Hilfeplanung und -implementierung in komplexen, unüberschaubaren Gegebenheiten ist alltägliches Geschäft von Sozialarbeiter_innen und hält ein bislang ungeborgenes Potenzial für eine transformativ verstandene Katastrophenhilfe bereit“.
- Die Kernkompetenzen von Fachkräften Sozialer Arbeit werden in allen Phasen des DRM benötigt, wie z. B. Kenntnisse der Hilfestrukturen (Verweisungswissen), vorhandene Netzwerke und Vernetzungsfähigkeit, Kommunikationskompetenz, Fähigkeit zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit, Fähigkeit zur kritischen Analyse komplexer Verhältnisse und gesellschaftlicher Bedingungen (vgl. auch Kaschlik/Wagner 2025, 3).
- Soziale Arbeit verfügt längst über Erfahrungen in der Katastrophenhilfe (vgl. Treptow 2024, 15): Fachkräfte arbeiten weltweit mit bedrohten, verwundeten, traumatisierten und geflüchteten Menschen in Krisengebieten, unterstützen Menschen bei Evakuierungen, organisieren Kooperationen mit Freiwilligen, unterstützen durch „sozialraumorientierte Katastrophenhilfe“ (Pantucek 2009) bei der kollektiven und ressourcenaktivierenden Aufarbeitung von katastrophalen Ereignissen in Gemeinwesen. Es hat sich in bisherigen Katastrophenereignissen sowohl in Deutschland wie auch in der internationalen Betrachtung gezeigt, dass Sozialarbeiter:innen sehr häufig bedeutsame Aufgaben – oft spontan und unvorbereitet, nicht selten ehrenamtlich – übernahmen, die durch andere Akteur:innen nicht (regelhaft) oder in zu geringem Maße ausgeführt wurden. Eindrucksvoll belegt wird das durch den Bericht über das freiwillige Engagement von Studierenden der Katholischen Hochschule NRW in Aachen (vgl. Genenger-Stricker/Lauscher 2023) bei den katastrophalen Überschwemmungen 2021 in Stolberg: Sie erfragten Bedürfnisse bei Hausbesuchen und schufen entsprechende niedrigschwellige Angebote, bauten ein Sozialzelt auf, organisierten inklusive Beratungen, schufen eine „Kinderoase“, kooperierten mit anderen Freiwilligen und Trägern etc.
Obgleich Soziale Arbeit also Kompetenzen in allen Bereichen des DRM hat, wird sie bislang überwiegend in den Phasen Response und Recovery eingesetzt (vgl. Hay/Pascoe 2021, 1539). Sie hätte aber, so Björngren Cuadra und Eydal (2018, 531), durch die Verknüpfung mit dem breiteren Ansatz von Green Social Work, auch ein starkes Potenzial, an der Transformation zu einer nachhaltigen und umweltgerechteren Gesellschaft mitzuwirken, um Entwicklungen zu verhindern, die Katastrophen begünstigen. Soziale Arbeit solle sich neben dem Einsatz in den anderen DRM-Phasen insbesondere für eine langfristige Prävention einsetzen und die Resilienz sozial-ökologischer Systeme stärken.
1.3 Community Resilience
Eine Kernaufgabe Sozialer Arbeit wird im Aufbau und der Stärkung der Resilienz lokaler Communities gesehen (vgl. Eick u. a. 2025, 12). Der Begriff der Community Resilience wird als Widerstandsfähigkeit sozialräumlicher Systeme gegenüber außergewöhnlichen Belastungs- und Krisenlagen verstanden (vgl. Beerlage 2023). Norris et al. (2008, 130f.) definieren Community Resilience als Bündel adaptiver Kapazitäten, die es Gemeinschaften ermöglichen, Belastungen zu absorbieren, sich anzupassen und weiterzuentwickeln. Auch Lukas und Tackenberg (2024, 203ff.) betonen insbesondere die Bedeutung sozialen Kapitals, kollektiver Wirksamkeit und Ortsverbundenheit für Anpassungsprozesse in Krisen- und Katastrophenlagen. Empirische Untersuchungen bestätigen dies und zeigen, dass soziales Kapital, vor allem Vertrauen, Netzwerkdichte und horizontale Verbindungen, ein zentraler Faktor gelungener Wiederherstellung nach Katastrophen ist (vgl. Aldrich/Meyer 2015, 258-263).
Das Sendai Framework for Disaster Risk Reduction der UN fordert entsprechend explizit die Stärkung lokaler Gemeinschaften und Governance sowie partizipative Risikomanagementstrukturen (vgl. UNISDR 2015, 19ff.). Beim „Community-based disaster risk management“ geht es insbesondere um die Einbeziehung lokaler Communities und deren lokaler/indigener Wissensbestände bei der Einschätzung von Gefahren, Schwachstellen und Kapazitäten sowie bei der Planung, Umsetzung, Überwachung und Bewertung lokaler Maßnahmen zur Katastrophenvorsorge (vgl. UNDRR 2017). Im aktuellen Weltrisikobericht (2025, 12) heißt es, dass soziale Resilienz und traditionelles Wissen in der Katastrophenvorsorge noch immer unterschätzt würden und dass die aktive Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen sowie die Anerkennung der Komplementarität und Gleichwertigkeit verschiedener Wissenssysteme und -quellen im Katastrophenrisikomanagement entscheidend sei. Die hohe Bedeutung von sozialraumbasierten Ansätzen wird ebenfalls von den Akteur:innen aus der Wohlfahrtsarbeit und Zivilgesellschaft – auch vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen in der Arbeit bei weltweiten Krisen- und Katastrophenereignissen – unterstrichen und beim Ausbau des DRM in Deutschland gefordert (vgl. DRK. 2020, 53). Bislang liegt der Fokus hier jedoch vornehmlich auf institutionellen und infrastrukturellen Schutzmechanismen. Ein sozialraumorientiertes partizipatives Community-Resilience-Gesamtkonzept steht noch aus (vgl. auch Beerlage 2023).
2. Desaster Welfare in Japan – Eine empirische Studie
Die nachfolgend präsentierten Befunde stammen aus einer qualitativen Studie zur Gemeinwesenarbeit im Katastrophenschutz und in der Katastrophenhilfe, die ich im November 2025 in Japan durchgeführt habe. Im Rahmen dieser Studie habe ich Interviews mit insgesamt 18 Personen(gruppen) geführt, drei davon mit Bewohner:innen, drei mit Hochschullehrenden, die weiteren mit Professionellen der Sozialen Arbeit und der Freiwilligenarbeit. Die Gespräche wurden im Großraum Tokyo und während zweier mehrtägiger Forschungsreisen geführt, die eine japanische Kollegin arrangiert hatte und mich dabei auch begleitete. Die erste Reise, bei der auch ein weiterer japanischer Fachkollege teilnahm, führte uns auf die Noto-Halbinsel im Nordwesten der Hauptinsel Japans, wo ein starkes Erdbeben am 1. Januar 2024 große Verwüstungen angerichtet hatte. Dabei starben über 200 Menschen. Fast 30.000 Häuser wurden teilweise oder ganz beschädigt, und mehr als 12.000 Menschen mussten in Notunterkünften untergebracht werden (vgl. Reich 2025). Die Infrastruktur, auch die soziale, weist immer noch erhebliche Schäden und Beeinträchtigungen auf, die deutlich sichtbar sind. Die zweite Reise führte uns in die ostjapanische Küstenregion Tōhoku, die durch die Dreifachkatastrophe schwerer Seebeben, verheerender Tsunamis und der darauffolgenden Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 in weiten Teilen verwüstet wurde. Mehr als 20.000 Menschen kamen bei der Großen Erdbebenkatastrophe Ost-Japans ums Leben, und nahezu eine halbe Million Bewohner:innen mussten bereits in der ersten Tagen in behelfsmäßige Notunterkünfte evakuieren.
Die Expert:inneninterviews stellten aus mehreren Gründen eine besondere Herausforderung dar. In den Einrichtungen wurde ich in der Regel von Hochrangigen begrüßt, herumgeführt und saß dann nicht selten einem ganzen Tisch von Fachleuten mit unterschiedlichen Zuständigkeiten gegenüber. Dann gab es eine vorbereitete (Powerpoint-)Präsentation und arbeitsteilige Erläuterungen, bisweilen, aber keineswegs immer, abschließend die Möglichkeit von ein paar Fragen meinerseits. Meine zuvor entwickelten Gesprächsleitfäden stellten sich rasch als unbrauchbar heraus, und auch meine Fragen stießen zum Teil auf spürbare Irritationen, besonders wenn sie auf kritische Reflexionen gerichtet waren, wie etwa die Einschätzung der Wirksamkeit der Vorbereitungsmaßnahmen oder ob die vorhandenen Ressourcen dafür ausreichen würden. Neben der grundsätzlichen Schwierigkeit, sich in gemischthierarchischen Gruppeninterviews kritisch zu äußern, kamen vermutlich auch soziokulturelle Spezifika dabei zum Ausdruck: In der gegenüber unserer hochgradig individualisierten Gesellschaft sehr viel stärker kollektivorientierten Gesellschaft Japans spielen Höflichkeit, gegenseitige Wertschätzung und kollektiver Zusammenhalt eine viel größere Rolle, und Kritik wird, wenn überhaupt, nur sehr vorsichtig und sicher nicht gegenüber Außenstehenden geäußert. Nicht selten, so erläuterte mir eine Expertin mit interkulturellen Erfahrungen, würden bereits Fragen als unhöflich empfunden, da sie ja insinuieren würden, dass der Vortrag nicht klar genug gewesen sei.
Die Verständigung wurde auch dadurch erschwert, dass der institutionelle Rahmen, innerhalb dessen Soziale Arbeit in Japan geleistet wird, sich sehr von dem in Deutschland unterscheidet. Eine zentrale Differenz bezüglich des Forschungsthemas ist die enge Verflechtung von professioneller Sozialer Arbeit mit Freiwilligenarbeit, die in Japan traditionell und bis heute als ‚noble Pflicht‘ der Bürger:innen gilt, der die meisten Menschen – wenn auch in abnehmendem Maße – nachkommen und ohne die viele Dienstleistungen, die in Deutschland die öffentliche Hand erbringt, gar nicht denkbar wären – von der Straßenreinigung über die Müllentsorgung bis hin zum Betrieb von Nachbarschaftszentren. Aber nicht nur die Strukturen und Abläufe unterscheiden sich, sondern auch die Begriffe [4], gar nicht zu reden vom impliziten Wissen, das ein sehr große Rolle spielt und noch schwieriger vermittelbar ist.
Die allergrößte kommunikative Herausforderung bestand aber im Fehlen einer gemeinsamen Sprache. Da bis auf zwei Personen niemand Englisch bzw. Deutsch sprach und ich kein Japanisch kann, wurde eine Übersetzung benötigt. Bei den Aufnahmen der Interviews kam erschwerend hinzu, dass in der Regel mehrere Personen sprachen und zudem Japanisch und Englisch (zwischen der Übersetzerin und mir) gesprochen wurde. Die Transkriptions- und Übersetzungssoftware [5] war damit teilweise überfordert und hat merkbar auch Unsinn produziert, den wir durch Abgleich mit den Audios auch nicht korrigieren konnten. Insofern beziehe ich mich bei der folgenden Auswertung auch auf meine Mitschriften und mein Forschungstagebuch sowie auf die zahlreich zur Verfügung gestellten Unterlagen (die ich mit der Google Übersetzer App partiell übersetzte).
Auf dieser Basis stelle ich nachfolgend zunächst die Einbettung der Sozialen Arbeit in die Katastrophenhilfe vor (2.1) und beschreibe dann, wie man sich im Alltag und in den sozialen Einrichtungen auf Katastrophen vorbereitet (2.2). Dann gehe ich auf das kleinräumige soziale Geflecht von Vereinigungen, Organisationen und Institutionen ein, denen ein hoher Stellenwert beim Katastrophenschutz und Katastrophenhilfe zukommt (2.3). Anschließend stelle ich Bedeutung und Probleme der Freiwilligenhilfe (2.4) sowie die Herausforderungen für die Soziale Arbeit bei den vergangenen Katastrophen dar (2.5). Dann erläutere ich die sozialraumorientierte Katastrophenbewältigung und ihren Stellenwert für die Prävention (2.6) und gehe abschließend auf die Herausforderungen und Handlungsbedarfe für ein umfassendes Katastrophenrisikomanagement aus der Perspektive Sozialer Arbeit ein (2.7).
2.1 Katastrophenhilfe und Soziale Arbeit in Japan
Es ist kein Wunder, dass alle bisherigen Weltkonferenzen der Vereinten Nationen zur Katastrophenvorsorge in Japan stattgefunden haben. Aufgrund der geografischen Lage und geologischen Struktur (vier tektonische Erdplatten stoßen dort aufeinander, es gibt auf dem Pazifischen Feuerring über 100 aktive Vulkane, zudem regelmäßig Taifune) gehören Katastrophenrisiken wie Erdbeben, Überschwemmungen, Starkregen, starker Schneefall, Erdrutsche, Vulkanausbrüche und zunehmend auch Waldbrände dort zum Leben – und auch die Vorbereitung darauf. In einem aktuellen Briefing des European Parliamentary Research Service (EPRS 2025, 1f.) heißt es: „Japan's culture of national resilience is one of the most advanced in the world. (…) Japan [is] a leader in disaster preparedness.“ Besonders spannend ist der vergleichsweise hohe und im Verlauf der Jahrzehnte gestiegene Stellenwert der Sozialen Arbeit im Kontext von Katastrophen: Desaster Welfare ist ein fest in der Praxis etabliertes und an Hochschulen unterrichtetes Handlungsfeld Sozialer Arbeit. Dabei wiederum im Zentrum stehen kleinräumige Organisationen und das, was wir sozialraumorientierte Soziale Arbeit nennen (community building, Gemeinwesenarbeit, Nachbarschaftsarbeit, Netzwerkarbeit, Partizipations- und Engagementförderung, Moderation und Mediation von Interessenskonflikten, (lokal)politische und advokatorische Arbeit, lokale Ökonomie, Kooperation mit Freiwilligen etc.).
Im Katastrophenfall werden grundsätzlich die Einheiten der japanischen Armee (Self-Defense Forces) auf Anforderung der betroffenen, insgesamt 47 japanischen Präfekturen aktiv, um Rettungsmaßnahmen durchzuführen und den Wiederaufbau zu unterstützen. Für die medizinische Notfallversorgung und akute Lebensrettung werden Disaster Medical Assistance Teams (DMAT) entsandt [6]. Entsprechendes gibt es mittlerweile auch für den Bereich der Sozialen Arbeit, die Disaster Welfare Assistance Teams (DWAT). Beide Teams werden auf Präfekturebene ausgebildet und organisiert. Die Präfekturen bieten Trainingsprogramme an, in denen sich Fachkräfte der Sozialen Arbeit für den Einsatz in DWAT qualifizieren können. Insgesamt, so ein Experte (Nr. 18), gebe es aber zu wenig Fortbildungsangebote, und auch das Interesse bei den Fachkräften sei bislang begrenzt.
Die DWAT entstanden als Folge der Diskussionen über die vielfältigen sozialen und wohlfahrtsstaatlichen Herausforderungen nach der Großen Erdbebenkatastrophe Ost-Japans 2011. Diese Teamsbestehen in der Regel aus Fachkräften unterschiedlicher Professionen: Soziale Arbeit, Pflege, Physiotherapie, klinische Soziale Arbeit und pädagogische Fachkräfte. Erstmalig wurden DWAT aus allen Präfekturen landesweit mobilisiert beim Erdbeben auf der Noto-Halbinsel. Aufgrund der massiven Zerstörung der Wohngebäude und Verkehrswege, der Wasser- und Elektrizitätsversorgung und des Ausfalls der Kommunikationsnetzwerke blieb die vorwiegend ältere Bevölkerung gerade in der Anfangsphase ohne geeignete, auch medizinische Unterstützung. Nishigaki (2025) spricht sogar von „system failure“: Es gab viel zu wenig Notunterkünfte, insbesondere für vulnerable Gruppen, kaum Informationen über den Hilfebedarf und zu wenig Fachpersonal, da dieses oft selbst betroffen war. Der Einsatz der DWAT zeigte zudem Herausforderungen bei der Koordination und Unterschiede in den Hilfskompetenzen (Nr. 18).
Infolge dieser beiden Großschadensereignisse ist die Relevanz der sozialen Unterstützung nach Katastrophen nachdrücklich deutlich geworden. So hätten langfristige Untersuchungen der Großen Erdbebenkatastrophe Ost-Japans die erhebliche Bedeutung der Unterstützungsleistungen durch verbindliche Kontakte und ständige stärkende Präsenz der sog. Lebensbegleiter:innen gezeigt (Nr. 18). Die Menschen hätten diese Kontakte als Fundament ihrer Genesung und als Grundlage für den Aufbau ihres neuen Lebens bezeichnet. Die Langzeitbeobachtungen hätten allmähliche und erstaunliche Wirkungen ergeben: Die Menschen würden Kontakte zu anderen mehr als vor der Katastrophe wertschätzen und eingehen und sich selbst stärker für die lokale Gemeinschaft engagieren. Diese Untersuchungen hätten dazu beigetragen, dass seit Juni 2025 die Bereitstellung von sozialen Hilfeleistungen explizit in den Disaster Countermeasures Basic Act, der zentralen Gesetzesgrundlage des Katastrophenmanagements, aufgenommen wurden:
- Stärkung der Rolle der DWAT
- Einführung von Disaster Case Management, das eine auf die jeweilige Situation der Betroffenen zugeschnittene, individuelle Unterstützung verlangt
- Obligatorische Einsetzung von Life Support Councelors, die den individuellen Hilfebedarf ermitteln und die Betroffenen auch nach deren Umzug in Notunterkünfte weiterhin unterstützend begleiten sollen.
Damit, so formuliert es ein befragter Experte (Nr. 18), „Social Work has come to play a central role in adressing the diverse and evolving needs of disaster-affected populations within the broader DRM framework“.
2.2 Katastrophenvorbereitung (preparedness) im Alltag und in den sozialen Einrichtungen
In Japan sind laut Expert:innen und Bewohner:innen die allermeisten Menschen von Kindheit an mit grundlegenden Verhaltensmaßnahmen im Notfall und bei Evakuierungsbedarf vertraut. Bewohner:innen beschreiben Katastrophenprävention als selbstverständlich. Jeder Haushalt habe eine Notfalltasche griffbereit. Auch sei der disaster emergency message dial 171 weithin bekannt. Damit können Sprachnachrichten über die eigene Sicherheit hinterlassen oder abgehört werden, wenn nach einer Katastrophe die Telefonnetze überlastet sind oder ausfallen.
Der 1. September ist in Japan der Tag des Katastrophenschutzes. Er wurde eingeführt, um an das verheerende Große Kantō-Erdbeben von 1923 zu erinnern. An diesem Tag finden landesweit Katastrophenübungen statt, um die Bevölkerung auf Erdbeben, Taifune und Tsunamis vorzubereiten. Außerdem sind nachbarschaftsbasierte Katastrophenübungen – oft auch gemeinsam mit den Schulen – seit langem üblich. Auch am Arbeitsort wird regelmäßig geübt, und die notwendigen Infrastrukturen werden überprüft. Kindergärten sind ebenfalls ein wichtiger Ort von Präventionsaktivitäten (Nr. 6, 7), da hier auch die Familien in der Nachbarschaft erreicht werden können, wie ein Beispiel aus Odawara zeigt: Hier fand ein großes Event im Kindergarten statt, bei dem sich Eltern, Kinder, Alumni, Menschen aus der Nachbarschaft mit dem Thema auseinandersetzen, um Katastrophenvorsorge spielerisch mit „viel Spaß“ zu erlernen. Dabei gab es neben kleinen Vorträgen und einem Quiz auch praktische Angebote, etwa zu den Themen Kochen mit Notfallvorräten, Einüben von Verhaltensweisen bei Erdbeben, Bränden oder Überflutungen oder auch „Wie falte ich aus Broschüren Essgeschirr (origami)?“
An der 500 km langen ostjapanischen Küste, die von der Großen Erdbebenkatastrophe Ost-Japans betroffen war, gibt es insgesamt 342 Disaster Memorial Facilities, die über die Dreifachkatastrophe informieren und zum Gefährdungsbewusstsein und zur Katastrophenvorbereitung beitragen wollen. Es gibt eine Fülle eindrucksvoller Gedenkstätten, Museen und Bildungseinrichtungen, die die Erinnerung wachhalten und gleichzeitig zukunftsorientierte Ideen und Hoffnung verbreiten wollen, wie der Fukushima Hope Tourism [7].
Das insgesamt sehr hohe Bewusstsein für Gefährdungen (disaster awareness) liegt vor allem daran, dass diese zum Alltag gehören, etwa leichte Erdbeben. Selbstverständlich werden bereits von Kindern die Erdbebenstärken benannt, und die regionalen Risiken gehören zum Allgemeinwissen, z. B. dass laut Angaben der japanischen meteorologischen Wetterbehörde in der Metropolregion Tokyo (mehr als 35 Mio. Einwohner:innen) mit einer Wahrscheinlichkeit von 70% innerhalb der nächsten 30 Jahre ein sehr schweres Erdbeben der Stärke 7 oder mehr erwartet wird (vgl. Ziegler 2025). Im Alltag begegnen einem überall Hinweise und Vorkehrungen (etwa Notfallsäulen im öffentlichen Raum, Hinweise auf Notunterkünfte oder Wasserversorgung, Notfalltoiletten in Fahrstühlen, Taschenlampen in jedem Zimmer), und auch Tourist:innen werden durch Hello Kitty auf die Notwendigkeit zur Vorbereitung hingewiesen (vgl. Abbildung 2).
Abbildung 2: Hello Kitty-Plakat in Tokio (Quelle: Eigenes Foto der Autorin 2026)
An verschiedenen Orten gibt es auch Erlebniseinrichtungen für die ganze Familie, die Life Safety Learning Center, wo man anhand von Simulationen starke Erdbeben, Taifune oder Brände erleben und lernen kann, was dann zu tun ist. Der Tokyo Rinkai Disaster Prevention Park, der im Katastrophenfall als Operationszentrale dient, ist nicht nur ein wichtiges Zentrum für Trainings von Einsatzgruppen von Organisationen und Freiwilligen, wo diese z. B. eine 72-stündige Erdbebensimulation erleben können. Auch für interessierte Besucher:innen gibt eine breite Palette von (animinierten) Informationsangeboten.
Zudem gibt es ausführliche Informationsangebote im Internet, in der Regel mehrsprachig [8]. Im Tokyo Metropolitan Government Disaster Prevention Guide Book werden die entscheidenden Zusammenhänge zu Beginn in der typischen Bildsprache illustriert (vgl. Abbildung 3):
Abbildung 3: Katastrophenvorbereitung in Japan (Quelle: Tokyo Metropolitan Government Disaster Prevention Guide Book [2021, 3]).
In diesem Handbuch wird auch die zentrale Bedeutung der lokalen Ebene der Nachbarschaften herausgestrichen. Zum Thema der Vorbereitung in den lokalen Gemeinden (ebd., 7f.) wird als Lehre aus den vergangenen Katastrophen die Wichtigkeit der Hilfe aus der nahen Umgebung, in der direkten Nachbarschaft betont. Den Akteur:innen (soziale Einrichtungen, Wirtschaft, Hilfsorganisationen, Freiwilligen, Feuerwehr etc.) wird deswegen nicht nur empfohlen, regelmäßig miteinander zu kooperieren, um Abläufe geschmeidiger zu gestalten. Sie sollen insbesondere auch die Interaktionen mit der jeweiligen lokalen Community stärken, indem sie aktiv an den Aktivitäten der Nachbarschaftsorganisationen und den Trainings der Katastrophenschutzvereine teilnehmen (vgl. dazu 2.3). Schließlich sei es wichtig, ältere und behinderte Menschen einzubinden und zu vernetzen und die Community für deren begrenzte Selbsthilfemöglichkeiten zu sensibilisieren.
Für die lokalen Katastrophenschutzvereine werden u. a. folgende Aktivitäten vorgeschlagen: Regelmäßige Inspektionspatrouillen vor Ort, Workshops und praktische Übungen zu den Themen Löschen von Bränden, Rettung, Evakuierungsbegleitung, Verteilung von Wasser und Essen. Außerdem sollten sie einen auf die konkreten Umstände in ihrer Nachbarschaft bezogenen Katastrophenschutzplan machen, der die gegenseitigen Hilfeleistungen in den Mittelpunkt stellt.
Auch in den sozialen Einrichtungen besitzt die Katastrophenprävention eine hohe Bedeutung. Seit der Großen Erdbebenkatastrophe Ost-Japans gibt es für alle japanischen Regionen Notfallpläne, in denen sehr konkret und detailliert Informationen und Regelungen zu Evakuierungen/Unterkünften, Kooperationsstrukturen und besonders zum Umgang mit vulnerablen Gruppen aufgelistet sind. Exemplarisch dafür ist ein etwa 500 Seiten starkes Handbuch von Musashino (Vorort von Tokyo), in dem detailliert Maßnahmen und Anforderungen für die sozialen Einrichtungen beschrieben werden und das alle drei Jahre in Kooperation mit den Einrichtungen von der Kommune aktualisiert wird. Die sozialen Einrichtungen müssen eigene Notfallpläne machen und regelmäßig über Fortschritte berichten. Beispielsweise heißt es im Plan des Social Welfare Council in Odawara (Nr. 6) Unter der Überschrift „Wo wollen wir bei der Katastrophenprävention mit unseren Einrichtungen in zehn Jahren stehen?“: Die Mitarbeiter:innen sind geschult und fortgebildet, sie können an DWAT-Einsätzen teilnehmen, sie sind proaktiv handlungsfähig und gefährdungssensibel. Mit der lokalen Community bestehen umfangreiche Vernetzungen und Kooperationen. Seit 2024 müssen alle Wohlfahrts- und Unterstützungsdienste einen Business Continuity Plan (BCP) machen und ein Business Continuity Management (BCM) vorsehen, wo sie darlegen, wie man in Notfällen evakuiert und die Arbeit weiter fortsetzen wird.
Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den älteren und behinderten Menschen, weil deren Todeszahlen in vergangenen Katastrophen deutlich überproportional waren. Ein Experte aus einem Beratungszentrum für Menschen mit Behinderungen (Nr. 5) erklärt, dass die Einrichtungen sich darum kümmern sollen, dass es individuelle Pläne für die Evakuierung und Notfallversorgung von Menschen mit Assistenzbedarf gibt. Älteren und behinderten Menschen, die nicht in Einrichtungen leben, wird empfohlen, sich registrieren zu lassen. Im Notfall werden die Nachbar:innen aufgefordert nachzuschauen. Aber es gibt Datenschutzbedenken, und außerdem würden viele nicht wollen, dass ihre Nachbar:innen wissen, dass sie eine Behinderung haben. Das Problem ist, dass erstens die Notlagen derjenigen Behinderten, die nicht Einrichtungen leben, unbekannt sind. Und zweitens zeigte sich bei vergangenen Katastrophenlagen, dass diese Menschen dann zu den Einrichtungen gehen und Hilfe suchen, womit die Einrichtungen komplett überfordert waren. Deswegen, so der Experte, müssten sich die Einrichtungen für alle Behinderten im Umfeld verantwortlich fühlen und ausreichend Informationen haben, um ihnen adäquat und spezifisch zu helfen.
Außerdem werden die Menschen mit Einschränkungen auch in Notfallübungen einbezogen, z. B. Evakuieren, Erlernen von Notfallnummern. Es gibt einen individuellen Notfallplan, der partizipativ und auch mit den Angehörigen abgestimmt ist. Bei Geräten und Medizin gelte: Die Behörden sorgen für Strom und Medizin nach drei Tagen, bis dahin muss man sich selbst helfen können. Ziel sei, dass es für jede Person ein individualisiertes Sicherheitsnetz geben soll, in dem die Einrichtung, die Verwaltung, und die unterstützenden Personen zusammenarbeiten.
Insgesamt wird deutlich, dass die Ebene der lokalen Communities bei der Vorbereitung auf Katastrophen eine sehr wichtige Rolle spielt. Die Stärkung des Gefährdungsbewusstseins und Präventionsangebote konzentrieren sich auf die konkrete Situation im Nahraum. Auch in den Handbüchern werden integrierte Strategien verfolgt, bei denen die (infra)strukturelle Vorbereitung Hand in Hand geht mit Anleitungen zur Selbsthilfe und gegenseitiger Unterstützung im direkten sozialen Umfeld. Für vulnerable Gruppen soll es individualisierte Hilfen geben.
2.3 Das kleinräumige Geflecht von zivilgesellschaftlichen Vereinigungen, Organisationen und Institutionen als zentraler Bestandteil des japanischen Community-Based Disaster Managements
Die Gemeinden tragen die Verantwortung für den Katastrophenschutz und müssen lokale Katastrophenschutzpläne erstellen sowie Bevölkerung und lokale Organisationen in die Prävention und Gefahrenabwehr einbinden. Dabei sind vor allem die bereits erwähnten Nachbarschaftsorganisationen (1), und die Social Welfare Councils (2) bedeutsam.
(1) In Japan gibt es im Prinzip flächendeckend Nachbarschaftsorganisationen (chōnaikai, jichikai o. ä.), die grundlegende Bedarfe der Bewohner:innen erfüllen und mit allen gemeinschaftlichen Angelegenheiten befasst sind (vgl. dazu Nawata 2017). Das sind private, selbstverwaltete Organisationen unterschiedlicher Größe. Meist haben sie ca. 100 Haushalte als Mitglieder, in Großstädten können es durchaus mehrere tausend sein. Sie stehen in enger Verbindung mit der Kommunalverwaltung, die ihnen auch Aufträge erteilt (Co-Production). Intern sind sie wie diese gegliedert, z. B. gibt es Abteilungen für Soziale Dienste, für Kinder, für Frauen, für alte Menschen, für Gesundheit etc. Die chōnaikai übernehmen weitreichende Aufgaben der Daseinsvorsorge in all diesen Bereichen, z. B. Reinigungsarbeiten, Straßenbeleuchtung in Nebenstraßen, Müllsammelstationen in Gemeinden, wo der Müll nicht an der Haustür abgeholt wird, Bau und Betrieb von Spielplätzen, aber auch Kinderbetreuung, Angebote für Ältere, Organisation von Nachbarschaftsaktivitäten etc.
Grundsätzlich sollen alle Haushalte in einer Nachbarschaft dort Mitglied sein und die entsprechenden Aufgaben ehrenamtlich übernehmen. Dabei anfallende Kosten werden in der Regel von den zu errichtenden Mitgliedsbeiträgen gezahlt. Der Vorstand besteht aus „Honoratioren“, die oft eine machtvolle Position in der jeweiligen Gemeinde besitzen.
Im Zeitverlauf nimmt die Organisationsrate und die ehrenamtliche Beteiligung aber immer mehr ab, wie Untersuchungen eines Experten gezeigt haben (Nr. 1). Besonders jüngere Menschen engagieren sich teilweise lieber in freiwilligen Vereinigungen, den NPOs (Non-Profit-Organizations, etwa gemeinnützige Körperschaft öffentlichen Interesses), die weniger traditionell und pflichtwertorientiert sind, sondern mehr Partizipation bei politischen Entscheidungen einfordern. Die schrumpfende Zahl der Mitwirkenden stellt die chōnaikai vor die Freerider-Problematik und belastet die (oft älteren) Engagierten übermäßig. Gleichzeitig können diese auch immer weniger als repräsentative Interessenvertreter:innen ihrer Nachbarschaft angesehen werden. Dennoch liegt die Organisationsrate nach wie vor in vielen Gemeinden bei über der Hälfte der Haushalte, so ein Experte (Nr. 1). Besonders in rasch wachsenden Gemeinden ist sie hoch, wo die Verwaltung mit der Daseinsvorsorge nicht nachkommt.
Außer in den chōnaikai sind auch viele andere Menschen anderweitig ehrenamtlich in den Nachbarschaften aktiv: Es gibt von den Gemeinden ernannte Sozialbeauftragte, die ältere Menschen und Familien in Schwierigkeiten unterstützen, Menschen vernetzen und Beratung in ihren Gemeinden durchführen; außerdem Elternvereine, Vereine für Jugendliche, für ältere Menschen etc. und die vielfältigen NPOs. Daraus entsteht in den Nachbarschaften ein vielfältiges Geflecht sozialer Netzwerke, die regelmäßig ehrenamtliche Aufgaben übernehmen. Kinder wachsen in diese Strukturen selbstverständlich hinein, indem sie etwa bereits in der Grundschule ihre Klassenräume gemeinsam reinigen und andere kleinere Aufgaben übernehmen. Ein Experte (Nr. 1) führt das nach wie vor vergleichsweise hohe freiwillige Engagement darauf zurück, dass es in Japan kein so tiefes Vertrauen gegenüber der Regierung und ihrer Leistungsfähigkeit gebe. Man wolle lieber selbst sicherstellen, dass alles Notwendige für die Nachbarschaft auch vorhanden sei. Sehr häufig fungieren die Nachbarschaftsorganisationen auch als Katastrophenschutzvereine und bringen sich etwa in Präventionsaktivitäten und -übungen ein, wobei sie eng mit den Social Welfare Councils kooperieren.
(2) Die Social Welfare Councils sind wichtige Akteure des lokalen Katastrophenmanagements in den Kommunen bzw. in den Stadtteilen größerer Städte (vgl. dazu auch den Beitrag von Nishida in dieser Ausgabe). Sie sind in die kommunalen Katastrophenschutzpläne eingebunden und arbeiten mit den NPOs bei der Koordination von Freiwilligendiensten zusammen. Es gibt Netzwerke der Social Welfare Councils auf Präfektur- und auf nationaler Ebene, die im Katastrophenfall aktiviert werden können. Dann fahren entsprechend trainierte Freiwillige in das Katastrophengebiet und unterstützen vor Ort.
Es handelt sich um gemeinnützige Organisationen, deren Ziel die Förderung der sozialen Wohlfahrt durch die Zusammenarbeit von Bürger:innen, lokalen Behörden und sozialen Einrichtungen ist. Die Social Welfare Councils unterstützen freiwilliges Engagement und gegenseitige Hilfe und bieten selbst soziale Dienste an, insbesondere für ältere Menschen, Menschen mit besonderen Bedarfslagen und sozioökonomisch benachteiligte Menschen. Außerdem fördern sie Partizipation, indem sie die Menschen dabei unterstützen, gemeinsam über Herausforderungen in ihrer Region nachzudenken und dafür Lösungen zu entwickeln. Sie ähneln den deutschen Wohlfahrtsverbänden, variieren aber stärker lokal und legen besonderen Wert auf die Einbeziehung der Bürger:innen. Während in Deutschland das Wohlfahrtssystem institutionell verankert ist und überwiegend beitrags- und steuerfinanziert wird, hängt es in Japan stark von der lokalen Eigeninitiative der lokalen Bevölkerung und von privaten Spenden ab bei begrenzter institutioneller Unterstützung. Ein Befragter (Nr. 3) sagt: „The Social Welfare Councils fill the missings of the government“.
Sie machen aufsuchende Soziale Arbeit in der Nachbarschaft und sind kleinräumig organisiert. Es gibt überall gut erreichbare Kontaktstellen vor Ort, etwa in einem Supermarkt, wo Menschen sie mit ihren unterschiedlichsten Anliegen aufsuchen können. Die Mitarbeitenden werden dann selbst aktiv oder verweisen an andere Organisationen. Sie bieten Hilfen im Life Support Center für ökonomische Unterstützung, auch Schuldenberatung, sie kooperieren mit HelloWork, Japans staatlicher Arbeitsvermittlung, machen Angebote für Menschen mit Behinderungen (RainbowWork, auch in Werkstätten, die aber mehr und mehr einer Inklusion in den regulären Arbeitsmarkt weichen sollen). Sie betreiben z. B. Tagesgruppen für Erwachsene und Kinder mit besonderen Bedarfslagen und machen offene Angebote für Eltern-Kind-Gruppen, Spielkreise, Spielzeugverleih, Nachbarschaftsaktivitäten (Nr. 3). Schließlich organisieren sie die kleinräumigen Freiwilligenzentren, die Ehrenamtliche mit den Bedarfen in der Nachbarschaft vernetzen. Insbesondere leisten diese Unterstützung für Menschen und Anliegen, die nicht im formalen Hilfesystem abgedeckt sind, z. B. bei der rechtlichen Betreuung unterhalb der Schwelle einer gesetzlichen Betreuung. Oder bei shūkatsu, einer in der alternden japanischen Gesellschaft üblichen Praxis, bei der ältere Menschen aktiv ihr Lebensende vorbereiten, um ihre Angehörigen zu entlasten. Diese umfasst etwa Bestattungsvorsorge, Testament, Entrümpeln des Haushalts und das Festhalten persönlicher Wünsche.
Auch die Children’s Cafeterias werden meist von Freiwilligen betrieben (Nr. 3, 8). Ursprünglich als kostenlose oder sehr günstige Essensversorgung für arme Kinder gedacht, haben sich diese zu zentralen Treffpunkten und Unterstützungseinrichtungen auch für Erwachsene in den Nachbarschaften entwickelt, wo Gemeinwesenarbeit geleistet wird. Sie nehmen auch mit den Kindern an spielerischen Katastrophenschutzübungen teil, bei denen die Kinder z. B. Wege zum Evakuierungszentrum finden müssen oder lernen, wie sie Bescheid sagen können, dass sie in Sicherheit sind.
Ein Beispiel aus Nerima(Bezirk in Tokyo):Im Konzept des Social Welfare Council steht ausdrücklich die Katastrophenvorsorge im Sinne der Entwicklung einer miteinander verbundenen Gemeinschaft mit gegenseitiger Unterstützung, was auch Teil des „Aktivitätenberichts“ ist. Im Bericht für 2025-28 heißt es bspw. mit Blick auf die hohe Erdbebengefährdung im Großraum Tokyo, dass es wichtig sei zu wissen, wer in der Nachbarschaft wohnt, wie man sich gegenseitig unterstützen kann und wo es ggf. Hilfe gibt. Auch das Engagement der Freiwilligen wird gefördert (Nr. 3). Sie haben dort das Netzwerk Nellies aufgebaut, in dem sich Menschen mit „kleinen Gesten der gegenseitigen Fürsorge“ ihre Verbundenheit zeigen, was in Katastrophenfällen zu gegenseitiger Unterstützung beitragen könne. Zudem gibt es einen selbstverwalteten Katastrophenverein, der u. a. regelmäßige gemeinsame Trainings durchführt, um für die Gefährdung zu sensibilisieren und auch die Verbundenheit der lokalen Gemeinschaft weiter zu stärken. Die sozialen Einrichtungen sollen sich mit ihrem Personal dort auch engagieren, um ihre fachliche Expertise einzubringen und sich als Teil der lokalen Gemeinschaft zu begreifen. Das Social Welfare Council beteiligt sich an den Freiwilligenschulungen und treibt zudem die Nutzung von Online-Tools zur Kooperation innerhalb des Netzwerks der unterschiedlichen Beteiligten voran (z. B. Hilfe-, Evakuierungs- und Freiwilligenzentren). Außerdem soll verstärkt mit unterschiedlichen Interessengruppen, wie etwa einer Organisation von Gehörlosen, kooperiert werden, um deren besonderen Bedürfnisse im Katastrophenfall besser zu adressieren und diese auch verstärkt in die lokale Gemeinschaft einzubinden. Ziel ist eine „Region mit Verbindung und Kameradschaft, die auf alles vorbereitet ist“. Das Social Welfare Council bietet im Bereich Personalentwicklung für soziale Fachkräfte auch Fortbildungskurse für Freiwilligenkoordination und für den Betrieb von Katastrophenhilfezentren an und veranstaltet regelmäßig Alumni-Treffen zur Netzwerkpflege.
Insgesamt zeigt sich, wie stark der japanische Ansatz des community-basierten Katastrophenrisikomanagements darauf fokussiert, die Resilienz der Nachbarschaften durch Aktivitäten auf unterschiedlichen Ebenen in enger Kooperation mit den Bewohner:innen eingebettet in die lebensweltlichen sozialen Netzwerke und Bezüge zu fördern. Dabei wird Prävention nicht auf Katastrophenschutzübungen und praktische Vorbereitung reduziert, sondern als ein Prozess der sozialraumorientierten Gemeinwesenarbeit gesehen, der ein Bewusstsein für die gegenseitige und gemeinschaftliche Verantwortung füreinander schaffen und fördern möchte.
2.4 Freiwilligenhilfe – Bedeutung und Herausforderungen
Freiwillige spielen eine sehr wichtige Rolle bei der Katastrophenbewältigung. Im Katastrophenfall organisieren die Social Welfare Councils meist die Freiwilligenhilfe, indem sie ihre regulären Freiwilligenzentren in Katastrophen-Freiwilligenzentren umwandeln. Die Beteiligung der Social Welfare Councils an den Freiwilligenzentren sei sehr wichtig, so wird betont (Nr. 6), denn sie haben den Kontakt zu den Menschen vor Ort und sind nach der akuten Unterstützung diejenigen, die weiter mit ihnen arbeiten. Außerdem haben sie Erfahrung mit der Unterstützung von Menschen in Notlagen und der Arbeit mit lokalen Communities sowie umfangreiche Kontaktnetze mit der Verwaltung und einer großen Bandbreite von Institutionen und Organisationen. Gerade weil sie gewöhnlich auch Freiwilligenarbeit leisten, so betont ein Experte (Nr. 6), können sie „eine Brücke zwischen dem Alltäglichen und dem Außergewöhnlichen schlagen“ und sich in besonderer Weise in die Betroffenen einfühlen. Beispielsweise haben sich ihre Freiwilligen um die Rettung und Reinigung von Fotos gekümmert, da diese Familienerinnerungen symbolisieren: „Wenn alles andere verloren ist, wurde ein einzige Foto unglaublich wichtig.“ Die Freiwilligenzentren verbinden Katastrophenopfer mit Freiwilligen, wie es in einem eigens für mich auf Englisch vorbereiteten Faltblatt des Disaster Volunteer Center Odawara gezeigt wird (vgl. Abbildung 4):
Abbildung 4: Aufgabe des Katastrophenhilfefreiwilligenzentrums (Quelle: Disaster Volunteer Center Odawara 2026)
Im Katastrophenfall ist oft die Informationslage extrem schlecht, und es gibt fast keine Berichte über das Ausmaß der Schäden (Nr. 11). Dann bedarf es zunächst und im weiteren Verlauf regelmäßiger Begehungen und Gespräche zur Bedarfserfassung. In manchen Fällen machen das die Nachbarschaftsorganisationen und vermitteln die Bedarfslagen an die Freiwilligenzentren. Auch die professionellen Freiwilligen unterstützen die Bedarfsabfragen bei den Haushalten. So fahren etwa Mitarbeiter:innen einer Sozialverwaltung in ein Katastrophengebiet und leisten dort Unterstützung. Der Bericht eines entsandten Sozialarbeiters in einem Newsletter des Odawara Social Welfare Councils verdeutlicht die Arbeit: Die Bedarfslagen bei den Opfern würden sich oft recht schnell verändern. Deswegen sei es wichtig, nicht nur einmal ein standardisiertes Interview zu führen, sondern immer wieder in Gesprächen mit demselben Haushalt ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, damit sich die Menschen öffnen. Teilweise seien die Menschen wütend, bisweilen aber auch apathisch gewesen. Ihm sei deutlich geworden, dass akute Katastrophenhilfe zwar lebensrettend sei, der Prozess der Heilung aber sehr viel länger Zeit beanspruche und langfristige Unterstützung erfordere.
Auch NPOs, NGOs, Interessen- und Selbsthilfegruppen sowie Organisationen, die sich für spezifische vulnerable Gruppen einsetzen, spielen mit ihren lokalen Ablegern jeweils eine besonders Rolle bei den Freiwilligeneinsätzen, etwa für Menschen mit Beeinträchtigungen. Zum Teil kommen sie auch aus Sozialunternehmen, die ihre Mitarbeiter:innen zur Freiwilligenhilfe ermutigen und dafür auch freistellen. Ein Experte (Nr. 7) eines buddhistischen Trägers sagt: „Wir arbeiten alle zusammen und wissen, dass das niemand allein schaffen kann.“
Bei der Katastrophenbewältigung werden vielfältige Formen der Alltagsunterstützung durch die Freiwilligen geleistet, z. B. Essensverteilung, Hilfe in den Evakuierungszentren, Baden, Nachhilfe, Einkaufen, leichtere medizinische Unterstützung, Haustierversorgung, Umzugshilfe. Im Laufe der Jahre haben die Freiwilligen ihr Aktivitätenprofil mehr und mehr ausgeweitet. Neben Aufräum- und Reinigungsarbeiten, Schutt- und Schlammbeseitigung, die in der Regel von Freiwilligen übernommen werden, gibt es mittlerweile viele spezialisierte Formen der ehrenamtlichen Unterstützung, auch durch die sogenannten Technischen Freiwilligen. Dazu gehören etwa der Einsatz von schwerem Gerät zur Schuttbeseitigung, Hilfe beim Wiederaufbau der Fischerei und Landwirtschaft, Unterstützung lokaler Unternehmen, Informationsverbreitung mittels Flyer, Newsletter, Social Media mithilfe von IT-Kenntnissen, Transportunterstützung mit privaten Fahrzeugen.
Auch freiwillige sozialarbeiterische Praktiken sind im Laufe der Jahre deutlich ausgeweitet worden. In Katastrophenfällen steigen die Zahlen von Hilfsbedürftigen kurzfristig dramatisch an. Viele von ihnen benötigen aber keine regelrechten Einzelfallhilfen von Professionellen. Die Freiwilligen übernehmen dann z. B. Aufgaben in der Kinderbetreuung, Beratung und Aufklärung über mögliche Ansprüche und Optionen der Betroffenen oder emotionale und psychosoziale Unterstützungsleistungen, die weder vorgeschrieben noch formalisiert, aber höchst bedeutsam für die Betroffenen sind, wie kommunikationsbasierte Betreuung durch Gespräche, aktives Zuhören, informelle Begegnungen und die Einbindung in das Gemeinschaftsleben. Die nötige emotionale und psychologische Unterstützung sei kaum von formalisierten Strukturen zu bewältigen. Die hohe Relevanz von persönlichen und stärkenden Beziehungen und Erlebnissen wird durch die Erzählung einer freiwilligen Helferin im Noto-Gebiet (Nr. 10) unterstützt. Sie berichtet, dass sie für Menschen mit Behinderungen ein richtiges cremiges Baden in den Badeeinrichtungen der Selbstverteidigungskräfte ermöglicht hat. „Und als wir sie gebadet hatten, waren sie so glücklich“. Sie organisieren auch besondere Events und Angebote, wie Treffpunkte oder Cafés. Dies alles entlastet im besten Fall die (oft hochbelasteten) Professionellen, die sich dann auf fachliche Beurteilungen und gezielte professionelle Unterstützung konzentrieren können (Nr. 7).
Unter den Expert:innen gibt es aber auch kritische Stimmen, die die hohe Relevanz der Freiwilligenhilfe als Ausdruck der Vernachlässigung genuin staatlicher Aufgaben ansehen. Im Prinzip sollen die Social Welfare Councils eine zentrale Rolle bei der Unterstützung von lokalen Vereinigungen und Interessengruppen und der Aufrechterhaltung der Kommunikation mit den Bewohner:innen spielen. In der Praxis sind sie jedoch oft stark mit dem Betrieb von Katastrophen-Freiwilligenzentren belastet, die die große Zahl von Freiwilligen, die nach einer Katastrophe eintreffen, aufnehmen und koordinieren müssen. Beim Erdbeben von Kōbe (Großes Hanshin-Awaji-Erdbeben) im Jahr 1995 strömten mehr als eine Million Freiwillige nach Kōbe, was erhebliche Schwierigkeiten mit sich brachte und die sozialen Fachkräfte zur Koordination der Freiwilligenaktivitäten zwang anstatt selbst Unterstützung für die Menschen vor Ort leisten zu können.
Die Freiwilligen können unter diesen Umständen auch zu einer zusätzlichen Belastung der Opfer werden. Expert:innen (Nr. 2, 11, 18) bringen zum Ausdruck, dass die Perspektive der Katastrophenopfer teilweise zu wenig berücksichtigt werde. Die Motivation von Freiwilligen (Mitleid, wollen Dankbarkeit und sich bedeutsam fühlen) passe nicht generell zu den Bedarfen vor Ort und müsse behutsam mit den Betroffenen zusammengeführt werden. Ein Problem ist auch die Langfristigkeit des Hilfebedarfs. Unmittelbar nach einer Katastrophe kommt viel Hilfe, danach ebbt es aber deutlich ab, obwohl noch viel Unterstützung benötigt werde. Entscheidend sei die Bedarfsorientierung und Unterstützung der Selbsthilfeaktivitäten in der Community. Dies den Freiwilligen deutlich zu machen und diese dazu zu befähigen, sei ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit von Freiwilligenzentren.
Das Kernproblem bestehe aber darin, dass die lokale Ebene generell nicht genug Ressourcen habe und erhalte, sondern im Gegenteil im Katastrophenfall noch unter verstärkten Druck gerate, möglichst rasch ein Freiwilligenzentrum zu eröffnen und möglichst viele Freiwillige aufzunehmen. „Der Druck, es schnell zu eröffnen, ist enorm“, so ein lokaler Experte (Nr. 11). Sie hatten gar nicht genug Fachkräfte, um die Katastrophe zu bewältigen und wurden dann noch durch die Präfektur unter Druck gesetzt. Ein Verantwortlicher sei öffentlich so stark angegriffen worden, dass er aufgrund von psychischen Problemen langfristig erkrankt sei. Dazu kommt, dass die Social Welfare Councils für die Verwaltung und Verteilung der katastrophenbezogenen staatlichen Opferhilfe, z. B. Kleinkredite, zuständig sind, ohne auf deren Gestaltung überhaupt Einfluss zu haben (Nr. 11). Dabei habe das Social Welfare Council ohnehin nur sehr wenig hauptamtliche Mitarbeiter:innen. Zudem müsse die reguläre Soziale Arbeit ja auch weitergehen, und zwar oft mit steigendem Bedarf. Hier wird das grundsätzliche Problem deutlich, dass die Social Welfare Councils aufgrund der hohen Auslastung durch die Organisation der Freiwilligenzentren ihre eigentlichen Aufgaben der Verknüpfung von Bedarfen und Unterstützungsangeboten nicht mehr erfüllen können. Ohne die Unterstützung durch ihre lokalen Netzwerke und lokal verankerte überregionale Organisationen wäre es gar nicht gegangen (Nr. 11).
Aus Sicht einiger Expert:innen (Nr. 2, 11, 18) sollten die Social Welfare Councils sich auf die Koordinierung und Leitung der verschiedenen an Freiwilligenaktivitäten beteiligten Organisationen sowie von Teams wie dem DWAT konzentrieren – und deren Aufgaben nicht selbst übernehmen. Außerdem sollten sie die lokalen Akteur:innen in den betroffenen Gebieten unterstützen, damit diese ihre sozialraumorientierte Gemeinwesenarbeit unter den Desasterbedingungen fortsetzen können. Diese Verlagerung von Entscheidungen und Ressourcen in die Gemeinwesen und Sozialräume und zu den Menschen und Akteur:innen vor Ort wird auch durch die jahrzehntelangen Erfahrungen der internationalen Hilfsorganisationen bestätigt (vgl. Kap. 1).
Insgesamt wird die Ambivalenz der Freiwilligenhilfe deutlich: Ohne sie könnten viele wichtige Bedarfe nicht adressiert werden, aber ihr bedürfnisgerechter Einsatz bedarf auch erheblicher Ressourcen von Professionellen für die Koordination.
2.5 Herausforderungen für die Soziale Arbeit bei den vergangenen großen Katastrophenereignissen
Alle großen Desaster der Vergangenheit zeigten bestimmte typische soziale Folgen, die die Soziale Arbeit in besonderer Weise herausforderten:
- Alte und behinderte Menschen waren jedes Mal deutlich überproportional von Todesfällen betroffen. Die Expert:innen beziehen sich auf Analysen, die – neben ihrer Vulnerabilität – auf strukturelle Probleme hinweisen. Es gab zu wenig Informationen über ihre Lage und zu wenig Personal, um diese zu ermitteln. Die Verteilung der Menschen mit Behinderungen ist generell ein großes Problem, da es nur sehr wenige, zum Teil weit entfernte Einrichtungen gibt. Menschen mit Behinderungen und Pflegebedarf, die ambulant versorgt wurden, suchten Zuflucht in den Alten- und Behinderteneinrichtungen, die heillos überfordert waren.
- Einsamkeit wurde besonders bei Älteren zum Problem, auch weil die Familien weggezogen sind. Untersuchungen vergangener Katastrophen würden zeigen, so ein Experte (Nr. 12), dass es auch danach noch zu vielen Todesfällen komme, die aus Verzweiflung und Einsamkeit entstünden. Viele Betroffene müssten oft jahrelang in den provisorischen Unterkünften bleiben, weil ihre Lebensgrundlagen vernichtet wurden und die Entschädigungen – gerade bei den Älteren – nicht zur Wiederherstellung ihres Lebens reichen. Andere verblieben in zerstörten einsturzgefährdeten Häuser oder kehrten dorthin zurück, obgleich dort die Nachbarschaft nicht mehr existiert und auch keine Infrastruktur.
- Verlust bestehender Nachbarschaften und sozialer Kontakte sowie bestehender professioneller Unterstützungsbeziehungen durch die räumlich disperse Verteilung in Notunterkünften und temporären Wohnungen nach dem Zufallsprinzip. In Wajima gab es deswegen keine Lotterie, die Betroffenen konnten sich vielmehr entscheiden einzuziehen, sodass die ursprünglichen Nachbarschaftsgemeinschaften zu einem gewissen Grad erhalten blieben. Der Nachbarschaftsverein war im Vorfeld aktiv geworden und hatte gegen eine Lotterie plädiert (Nr. 12).
- Rückgang der körperlichen und geistigen Funktionen (besonders Demenzerkrankungen) und Anstieg des Pflegebedarfs (Nr. 15). Als einen zentralen Grund nennt ein Experte (Nr. 12) die Veränderungen der Wohnverhältnisse der Menschen. Insbesondere der Faktor extrem beengten Wohnens in den Notunterkünften erzeuge Stress, schränke die Mobilität ein und führe zu Inaktivität und damit zusammenhängenden Gesundheitsproblemen. Die ohnehin sehr geringen vorgesehenen Größen der Notunterkünfte hätten aufgrund der erheblichen Wohnungsnot im Noto-Gebiet noch verringert werden müssen, so dass z. B. zwei Personen anstatt in einer Zwei- nun in einer Einzimmerwohnung von 8 qm (plus kleiner Küche und Bad) untergebracht werden mussten. Dies führe zu Problemen, etwa wenn eine Person pflegebedürftig ist oder wenn es sich etwa um einen Haushalt eines 70-jährigen Vaters und seiner 40-jährigen Tochter handele. Der vormalige Alltag kann fast gar nicht mehr hergestellt werden, z. B. sei die vorher oft übliche Zubereitung von Fisch und Meerestieren in den Mini-Küchen unmöglich.
- Deutlicher Anstieg von psychischen Auffälligkeiten und Erkrankungen, die nach dem katastrophalen Ereignis weiter ansteigen und sich verschärfen. Ein Experte weist auf Untersuchungen hin, die bestätigen, was er in seiner Arbeit erlebt (Nr. 12): Dass nicht wenige Menschen unter diesen Bedingungen psychisch auffällig werden. Dabei spiele auch der steigende Drogen- und Alkoholmissbrauch eine Rolle. Die Erfahrungen bei der Großen Erdbebenkatastrophe Ost-Japans zeigte, dass die Anzahl von Menschen mit psychotischen Episoden sehr stark anstieg. Insbesondere Menschen im Autismusspektrum seien vielfach wie paralysiert gewesen, wenn sie sahen, dass ihre Häuser zerstört waren (Nr. 15). Auch war ein deutlicher Anstieg von Depressionen zu verzeichnen.
- Junge und mittelalte Menschen und Mittelschichten ziehen weg, was auch mit den fehlenden Bildungsmöglichkeiten und schlechten Bedingungen für Kindererziehung zusammenhängt und den dafür fehlenden Fachkräften (Nr. 10, 13). Soziale Einrichtungen leiden deswegen unter Fachkräftemangel, weil die Mitarbeiter:innen der Einrichtungen selbst durch die Katastrophe betroffen waren und weggegangen sind (Nr. 11).
- Katastrophenfolgen für Kinder: Meist werden sie durch einen Schulwechsel belastet. Auch erleben sie eine drastische Verknappung ihrer Spielorte, weil alle Parks und Spielplätze für provisorische Wohnanlagen genutzt werden. In den Unterkünften haben sie kaum privaten Raum. Es gibt mehr Stress und Gewalt in den Familien (Nr. 15). Vereine gibt es nicht mehr. Dort, wo es Internetverbindungen gibt, sitzen sie in Trauben und spielen den ganzen Tag mit ihrem Handy. Manche würden „wütend und grob“ (Nr. 12). Es gibt Organisationen, die Angebote für Aktivitäten machen, aber viele Kinder würden professionelle Anlaufstellen und Zufluchtsorte benötigen; ihnen würden Menschen fehlen, mit denen sie sich austauschen können, weil ihre Eltern auch sehr belastet sind. Besonders schwierig sei die Lage von Kindern, die medizinische Hilfe benötigen. Es gab auf der Noto-Halbinsel zu wenig spezifische Hilfen, und die Krankenhäuser waren überfüllt (Nr. 13). Auch fast zwei Jahre nach dem Erdbeben befinden sich immer noch behinderte Kinder in Einrichtungen in weit entfernten Städten, weil die Einrichtungen vor Ort schließen oder ihre Plätze reduzieren mussten.
- Unzureichende Unterstützung der Regierungs- und Verwaltungsebene/Präfekturen. In einigen Gesprächen und Erfahrungsberichten wird deutlich, dass deren Handeln bisweilen als nicht hilfreich und einmischend empfunden wurde: Sie hielten starr an bürokratischen Regeln fest, die im Notfall gar nicht mehr passten. Sie gaben nicht genug finanzielle Unterstützung, sondern übten Druck auf die Handelnden vor Ort aus, obgleich sie keine Ahnung hatten, wie die Situation war. Und wenn es darauf ankam, Steuerungsaufgaben zu übernehmen, dann hätten sie gekniffen oder unpassende Ratschläge gegeben. Neuen Ideen und eigensinnigem Engagement vor Ort wurde mit Widerstand und Verweis auf die Vorschriften begegnet, und es brauchte viel Einsatz und Überzeugungsarbeit, um etwas Innovatives durchzusetzen.
Auf diese Herausforderungen wurde jeweils mit neuen regulatorischen Grundlagen und Handlungspraktiken in der Sozialen Arbeit reagiert, wie der Einführung von Disaster Case Management und den Life Support Councelors, aber auch verbesserten Möglichkeiten zum interkommunalen Datenaustausch über weiträumig evakuierte Adressat:innen. Auch gibt es ein verstärktes Bemühen um die Gemeinschaftsbildung und Kommunikation in den Notunterkünften, temporären Wohnungen und neuen Nachbarschaften.
2.6 Sozialraumorientierte Katastrophenbewältigung – auch als Prävention
Nachfolgend werden zwei Best-Practice-Beispiele sozialraumorientierter Katastrophenbewältigung vorgestellt: einerseits das Konzept des Social Welfare Council in Himi auf der Noto-Halbinsel (1) und andererseits ein gemeinwesenorientiertes Projekt zur Unterstützung und zum Wiederaufbau einer lokalen Community (2).
(1) Zentrale Leitschnur des Himi City Social Welfare Council (Nr. 13) ist, dass die von der Katastrophe Betroffenen auch die Hauptakteur:innen in der Katastrophenhilfe sind und dass sich die Freiwilligenarbeit nach ihnen zu richten hat. Manche Außenstehenden würden davon irritiert, dass ausgerechnet die Betroffenen nun auch noch Hilfe leisten sollen. Aber tatsächlich gehe es nicht ohne sie; es gebe viele Dinge, die nur Betroffene selbst verstehen können. „Die Basis dieser Unterstützung ist, was die Betroffenen und ihre Familien wollen und was sie selbst tun können.“ (Nr. 13) Der erste Schritt sei dabei, die Situation, in der Menschen in Panik oder Schockzustände geraten, weil alles auf einmal auf sie einstürmt, in einzelne bewältigbare Schritte zu zerlegen und zu priorisieren, um die Menschen wieder selbst handlungsfähig zu machen, und dann eventuell dafür notwendige Unterstützung zu geben. Die Zukunftsorientierung der Hilfe sei dabei zentral, besonders für ältere Alleinlebende (ein klarer Plan für den Rest des Lebens, um Suizidalität einzudämmen). Die zur Verfügung stehenden Entschädigungen und Hilfen müssten gut erklärt und den Betroffenen bei der Antragstellung geholfen werde. Selbstverantwortung zu stärken, sei wichtig, z. B. das Haus selbst zu säubern, anstatt dies durch Freiwillige tun zu lassen. Nachbar:innen zu helfen, stärke ebenfalls.
Der Experte des Social Welfare Council (Nr. 13) erläutert, dass das Entscheidende für die vergleichsweise gute Bewältigung der Katastrophe die langjährige Gemeinwesenarbeit zuvor gewesen sei. Das bestehende Zentrum für die Unterstützung der Bewohner:innen war die Basis. Dort konnten die Menschen ihre Anliegen äußern und mit engagierten Freiwilligen oder bestehenden Systemen und Dienstleistungen vernetzt werden. Zudem bestand bereits ein tragfähiges Netzwerk von Fachleuten, Verwaltung und Politik, das aktiviert werden konnte (u. a. eine feste Kooperationsbeziehung mit vier anderen Social Welfare Councils, die ähnlich arbeiten). Zentral war das bestehende System zur Unterstützung lokaler Communities mittels Gemeinwesenarbeit, das ihnen half, lokale Probleme zu identifizieren und selbständig Lösungen gemeinsam zu entwickeln. Dabei standen die Aktivierung und die Partizipation der Bewohner:innen im Mittelpunkt. Anliegen, die nicht durch die lokale Gemeinschaft selbst gelöst werden konnten, wurden an andere Stellen weitergeleitet. Zudem bestand eine feste soziale Infrastruktur für Beratungen, Unterstützung in Notlagen und für bestimmte Bevölkerungsgruppen, wie Kinder oder Menschen mit Behinderungen.
In der Katastrophe konnte auf diese Ressourcen zurückgegriffen werden, was sich als sehr nützlich erwies. Teilweise waren nämlich Funktionsträger:innen und Fachkräfte selbst aufgrund der eigenen Betroffenheit ihrer Familien nicht in der Lage, ihre eigentlich vorgesehenen Aufgaben zu übernehmen. Dagegen engagierten sich viele Anwohner:innen und übernahmen wichtige Rollen in den Nachbarschaften. Dabei konnten sie auf Karten zurückgreifen, in denen vorher die Wohnorte von älteren und behinderten Menschen eingetragen worden waren. Besonders die Notfallinformationen, die die Meisten griffbereit am Kühlschrank hatten (mit Kontakten, Medikamenten etc.), erwiesen sich dabei als nützlich. Durch die guten Kontakte und die vorhandenen Informationen konnten die Sicherheit und die Bedarfe der alten und behinderten Menschen rasch festgestellt werden. Dabei ging es oft um Akutversorgung mit Wasser, Essen und Toiletten – und um Entlastungsgespräche. Dann wurden Beratungsstützpunkte aufgebaut zu Themen Wohnungsversorgung, Schulen und Unterbringung von Kindern. Diese halfen auch beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen, besonders für Menschen mit Behinderungen.
Auch konnte auf ein schon zwanzig Jahre bestehendes Netzwerk zurückgegriffen werden, bei dem sich Nachbar:innen zu dritt oder viert zusammenschließen, um bedürftige Anwohnende bei kleineren Alltagsangelegenheiten zu unterstützen. Die Netzwerke werden durch die Gemeinwesenarbeit aufgebaut, wenn deutlich wird, dass jemand eine kleinere Unterstützung benötigt, z. B. um regelmäßig Medikamente einzunehmen. Diese Hilfen durch private Netze würden stärker akzeptiert als solche von Behörden. Falls die Menschen das nicht wollen, werden die Unterstützenden gebeten, aus der Distanz zu beobachten, ob Menschen Post hereinholen, das Licht brennt etc. Es habe sich gezeigt, dass diese Netzwerke im Katastrophenfall ausgesprochen robust waren und die Beteiligten deutlich weniger Hilfeleistungen benötigten. „Entscheidend ist, dass wir die Stärken unserer Sozialarbeit im Alltag ausbauen, damit wir sie dann in Katastrophenzeiten einsetzen können.“ (Nr. 13) Erfolgreiche disaster response müsse in der täglichen community-basierten Arbeit vorbereitet werden.
Die Unterstützungsleistungen erfolgen auf der Basis von persönlichen Gesprächen. Jeder Haushalt wird regelmäßig besucht: „Wir besuchen die Menschen immer zu zweit und hören ihnen aufmerksam zu, womit sie zu kämpfen haben und ob sie noch andere Probleme haben. Wir folgen beim Zuhören keinem vorgefertigten Fragenkatalog.“ (Nr. 13) Die Mitarbeiter:innen und Freiwilligen müssten zu einer offenen Gesprächshaltung ermutigt und geschult werden: „Wir sind diejenigen, die sich all eure Gedanken anhören.“ Auf dieser Basis werden dann in Hilfeplanrunden des Disaster Case Managements individualisierte Hilfsangebote geschneidert, die nachfolgend regelmäßig (anfangs wöchentlich, dann monatlich) überprüft werden.
Insgesamt wird deutlich, dass in Himi mittels einer langfristigen Gemeinwesenarbeit die Resilienz der Communities gestärkt werden konnte. Diese lebenswelt- und bedürfnisorientierte, inklusive und partizipative Orientierung wurde auch bei der Bewältigung der Katastrophe und in der Kooperation mit Freiwilligen beibehalten. Es wurde mit den herkömmlichen Methoden der Sozialen Arbeit unten den neuen Umständen gearbeitet: Diagnose (mittels aktivierender Befragung), Ressourcenorientierung, Zielorientierung, partizipatives Vorgehen, individualisierte Hilfeplanung (auch durch passende Freiwilligenleistungen), laufende Beobachtung und Nachjustierung.
(2) JOCA [9] arbeitet als NGO in Kooperation mit dem Social Welfare Council am community building in Wajima in der Noto-Region (Nr. 12). Infolge der großen Zerstörungen gibt einen großen Mangel an Unterkünften, und knapp zwei Jahre danach wohnt immer noch ein Drittel der Haushalte in provisorischen Wohneinheiten, darunter überproportional viele ältere Menschen. Da man deren Situation in den Notunterkünften nicht rasch verändern könne, gehe es in den Projekten von JOCA ausgehend von ihren zehnjährigen Erfahrungen mit der Gemeinwesenarbeit in Wajima darum, wie man die Menschen entlasten und aufmuntern könne. „Wir wollen Orte schaffen, an denen man sich mit anderen verbinden und zugehörig fühlen kann“, so ein Experte (Nr. 12). Die bisherigen Erfahrungen mit den in Notunterkünften vorgeschriebenen Versammlungsorten, wo sich Organisationen bemühen, Menschen mit Veranstaltungen zusammenbringen, waren aus seiner Sicht nicht erfolgreich. Sie gehen deswegen einen anderen Weg: Um solche Vergemeinschaftungsorte zu schaffen, beginnt JOCA mit dem Aufbau verschiedener nützlicher Dienstleistungen, wie onsen (Gemeinschaftsbäder, die in Japan einen sehr wichtigen Stellenwert besitzen), Restaurants, Fitnesscenter. An diesen sozialen Knotenpunkten, wo Menschen sich alltäglich begegnen, werden dann Treffpunkte angegliedert, wie ein geräumiges Caférestaurant, wo man gegen kleines Geld etwas verzehren kann, aber sich auch einfach aufhalten oder etwas spielen kann, wo es Internet gibt, was besonders die Kinder und Jugendlichen anzieht, und das zu bestimmten Zeiten als Gemeinschaftsküche genutzt werden kann, wo man mitgebrachte Zutaten selbst zubereiten kann. Das Personal besteht aus Katastrophenopfern, auch mit Behinderungen. Dieses schlichte, mit einfachen Materialien schnell aufgebaute Quartierszentrum wirkt tatsächlich in der dunklen, zerstörten Umgebung wie eine helle und freundliche Oase, an der unterschiedlichste Menschen willkommen sind und nicht nur einen Ort zum Aufenthalt und zur Kommunikation, sondern zum eigenen Tätigwerden finden, z. B. indem sie Angebote für Kinder machen, mit behinderten Menschen zusammen kochen, eine sportliche Betätigung initiieren, gemeinsam mochi grillen, gemeinsame Rituale machen etc. Es sollen dort auch Sozialeinrichtungen entstehen, wie ein Beschäftigungs- und Ausbildungsprojekt für Menschen mit Behinderungen oder eine Tagesrehabilitationseinrichtung für ältere Menschen. [10]
Während Frauen diesen Ort schnell angenommen haben, blieben (ältere) Männer zunächst oft distanziert. Wichtig war deshalb die Theke. Dort können die Männer allein kommen und etwas trinken (u. a. gezapftes Bier einer Eigenmarke); die Atmosphäre fühle sich dann nicht isoliert an. Essen, Trinken und Baden bringen etwas zustande, das Veranstaltungen nicht leisten könnten, „einen gemischten Raum, einen Ort der sozialen Integration“ (Nr. 12). Die onsen spielen in diesem Konzept tatsächlich eine zentrale Rolle, weil dort unterschiedlichste Bevölkerungsgruppen etwas Angenehmes und Alltägliches (und durchaus ziemlich Intimes) gemeinsam tun. Sie sind zunächst für Menschen mit besonderen Bedürfnissen (keine Bäder, Behinderungen) vorgesehen, wurden aber für alle Anwohnenden gratis geöffnet. Die onsen sind wie die Quartierszentren klassische „third places“ (Oldenburg 1999), die niedrigschwelllig und inklusiv sind und beiläufige Kontakte ermöglichen, die Potenziale für engere Beziehungen und gegenseitige Unterstützung enthalten.
Der Experte (Nr. 12) betont, dass die drastische Schrumpfung der Möglichkeitsräume ein wesentlicher Faktor für psychische Gefährdungen aufgrund der Traumatisierung sei. Autonome Entscheidungen zu treffen und wieder selbst tätig zu werden anstatt passiv versorgt zu werden, sei zentral und an Rahmenbedingungen gebunden. JOCA recherchiert deswegen fortlaufend, welche Möglichkeiten zum Einkaufen, zum Sporttreiben oder Karaokesingen etc. es im Umfeld wieder gibt und informiert die Menschen in einer Online-Map darüber. Außerdem arbeiten sie gemeinsam mit den Bewohner:innen daran, die Bedingungen in den Notunterkünften und der Umgebung gezielt zu verbessern – und zwar anknüpfend an den konkreten Bedürfnissen und Gewohnheiten vor Ort. Auf der Noto-Halbinsel war Subsistenzlandwirtschaft für viele Menschen für ihren Lebensunterhalt und ihre Beschäftigung sehr wichtig. Deswegen versuchen sie, Land zu finden, das die Bewohner:innen temporär bewirtschaften können.
Jedes Mal, wenn sie Unterstützungsleistungen erbringen oder Gespräche führen, aktivieren sie Menschen, mit ihrer Hilfe selbst tätig im Rahmen ihrer Möglichkeiten tätig zu werden, z. B. einen Nähkurs anzubieten oder einen Karaoke-Event zu organisieren. „Das Wichtigste an der Unterstützung ist, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen selbst die Initiative ergreifen können. Die Menschen, die hier arbeiten, sind alle nicht nur Opfer der Katastrophe und Unterstützungsempfänger. Sie wollen auch anderen helfen und haben deshalb darum gebeten, hier arbeiten zu können. Dadurch schöpfen sie neue Kraft, anstatt nur an sich selbst zu denken. Menschen fühlen sich am energiegeladensten, wenn sie etwas für andere tun. Deshalb achten wir darauf, solche Möglichkeiten für unsere Bewohner zu schaffen. Wir wollen ihnen diese Art von Erfahrung nicht nehmen.“ (Nr. 12)
Insgesamt wird deutlich, dass langfristig angelegte sozialraumbezogene Arbeit Netzwerke und Strukturen schaffen kann, die die Widerstandskraft der Gemeinwesen und der Einzelnen in einer Weise stärken kann, dass die erwähnten negativen Konsequenzen von katastrophalen Ereignissen und den schwierigen Bedingungen danach (vgl. 2.5) verringert werden können. Die Gemeinwesenarbeit fördert die Selbsthilfe und gegenseitige Unterstützung, senkt die Risiken für vulnerable Gruppen und gibt eine Orientierung für die bedürfnis- und lebensweltgerechte Einbindung der Freiwilligenhilfe (vgl. 2.4). Dazu braucht es Orte der Begegnung, um Verbindungen zu schaffen, Potenziale der Fürsorglichkeit zu stärken, Menschen durch Beteiligung einzubinden und ihre Selbstwirksamkeit (wieder) zu stärken. Partizipation der Nachbarschaften sei grundsätzlich bei allen Aktivitäten im DRM von essenzieller Bedeutung, so ein Experte (Nr. 18): „When citizens are involved before a disaster occurs, and when they also take part in coordination roles during recovery and reconstruction, this becomes a crucial process for transforming emergency support into long-term community capacity once external assistance comes to an end.“ Allerdings geben alle Expert:innen zu bedenken, dass die Selbsthilfefähigkeit der lokalen Gemeinschaften sehr unterschiedlich ausgeprägt und außerdem bei größeren Katastrophen überfordert sei.
2.7 Herausforderungen und Handlungsbedarfe für ein umfassendes Katastrophenrisikomanagement aus der Perspektive Sozialer Arbeit
Es gibt auch in Japan Kritik an einer zu starken Konzentration des DRM auf die Phasen Vorbereitung (preparedness) und vor allem Bewältigung (response), wohingegen Nachsorge (recovery) und Prävention (prevention) zu wenig im Fokus stünden (Nr. 2, 11, 12, 18). So wird – ziemlich überraschend angesichts der Katastrophenhäufigkeit in Japan – kritisiert, dass Desaster grundsätzlich als Ausnahmeereignisse gerahmt würden. Damit finde eine Entkoppelung vom Alltagsleben statt, das damit nichts zu tun habe. Das wird aus meiner Sicht auch dadurch deutlich, dass Umweltthemen und Klimawandel offenbar keinen besonderen Stellenwert besitzen. Jedenfalls ist die Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik in Japan laut dem Sustainable Development Report (2025) gemessen an den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen noch deutlich ausbaufähig. Sichtbar wurde das auch in meinen Interviews. Nur ein einziges Mal wurde erwähnt, dass in den letzten Jahren „natural disasters such as earthquakes and heavy rains have become more frequent, severe, and widespread“ (Nr. 6). Ansonsten bestand bei vielen der sehr unterschiedlichen Gesprächspartner:innen die Auffassung, dass es keine grundlegenden Änderungen an der Tatsache gebe, dass Japan schon immer von Katastrophen heimgesucht worden sei.
Eine ähnliche Entkoppelung von Katastrophen und dem alltäglichen Handeln gelte auch innerhalb der Sozialen Arbeit, wo zusätzlich durch die Fokussierung auf die unmittelbaren Katastrophenfolgen suggeriert werde, dass katastrophenbezogene Soziale Arbeit ein spezifisches Feld sei. Um langfristig die Resilienz von Communities zu erhöhen, sei es aber erforderlich, diese Trennung zu überwinden. Denn im Kern sei professionelle Soziale Arbeit, die Menschen stärkt, Nachbarschaften vernetzt, Communities bildet und bei der Selbstorganisation und gegenseitiger Hilfe unterstützt, Katastrophenprävention – was allerdings erheblich unterschätzt werde.
Den vielfältigen Aktivitäten nach Katastrophen mangele es aus Sicht der Fachexpert:innen (Nr. 2, 18) an einer systematischen Einbeziehung sozialarbeiterischer Perspektiven. Ihr Schwerpunkt liege fast ausschließlich auf lebensrettenden Evakuierungsmaßnahmen und nicht auf den weiterreichenden sozialen und humanitären Bedürfnissen, die nach einer Katastrophe entstehen (recovery). Das Bewusstsein dafür, dass die Auswirkungen von Katastrophen oft viel länger dauern, tiefgreifender sind und mehr erfordern, als die unmittelbare Rettung, sei nur wenig verbreitet. Es wird auf Untersuchungen hingewiesen, die zeigen, dass viele Überlebende zum Teil sehr lange in Übergangswohnbedingungen leben, die nicht nur das Zur-Ruhe-kommen und die Heilung schwierig machen, sondern auch neue soziale Herausforderungen erzeugen. Diese bleiben aber oft unadressiert (Nr. 12, 15, 18). Auch aus anderen Befunden würden zu wenig praktische Konsequenzen für die Vorbereitung gezogen. So seien bei den vergangenen Katastrophen mehr als die Hälfte der Opfer Menschen mit Beeinträchtigungen und ältere Menschen gewesen, aber es gebe nach wie vor eine unzureichende Einbeziehung dieser Gruppen in Katastrophenschutzübungen und die offiziellen Katastrophenhilfestrukturen.
Soziale Arbeit würde zudem nicht regelhaft in Aktivitäten zum Aufbau von Resilienz gemeinsam mit Anwohner:innen, Schulen oder sozialen Einrichtungen einbezogen. Insgesamt würden die Lebensbedingungen nach einer Katastrophe, soziale Bedürfnisse oder langfristige Unterstützungssysteme, die für die Resilienz unerlässlich sind, viel zu wenig beachtet. Hierzu bestünde erheblicher Forschungsbedarf, um zu verstehen, welche besonderen sozialen Herausforderungen in unterschiedlichen Communities nach Katastrophen bestanden, wie sie bewältigt wurden und welche Strategien sich daraus für Community Resilienz ableiten lassen. Dabei spielen auch Praxisforschung und evidenzbasierte Überzeugungsarbeit eine wichtige Rolle (Nr. 12). Als besonderes Defizit hinsichtlich des Katastrophenrisikomanagements und des Aufbaus von Community Resilienz wird die unzureichende systematische Partizipation der Bewohner:innen dabei angesehen (Nr. 18).
Um hier Verbesserungen zu erreichen, wird auch die Wichtigkeit von politischer Arbeit betont, die sich für die Einbettung sozialraumbezogener Arbeit in institutionelle und politische Konzepte einsetzt, weil erst dadurch eine stabile Finanzierung und die Integration in die Ausbildung gesichert werden könnten. Japan plant, 2026 eine nationale Behörde für Katastrophenmanagement einzurichten. Dabei sei aus Sicht eines Experten (Nr. 18) die Integration der Perspektiven Sozialer Arbeit in politische und administrative Systeme entscheidend, um einen umfassenden und resilienteren Ansatz für das DRM zu schaffen.
Die Idee, ein umfassendes DRM mit Blick auf die Rolle der Sozialen Arbeit konzeptionell stringent zu entwickeln und anzuwenden, hat sich, so die Expert:innen aus der Disziplin, auch in Japan noch nicht breit durchgesetzt. Ein Grund dafür liege in der starken Versäulung des Hilfesystems, das aber seit einigen Jahren zu einem integrierten sozialräumlichen Unterstützungssystem umgebaut wird. Auch wenn dabei Katastrophen-Aspekte bislang noch nicht systematisch einbezogen würden, liege darin eine große Chance für die Integration des DRM in Soziale Arbeit.
Katastrophenbezogene Soziale Arbeit ist aus Sicht von befragten Expert:innen aus der Disziplin im Grundsatz eine Erweiterung der gewöhnlichen Praxis Sozialer Arbeit, die nach denselben Prinzipien stattfinden sollte – auch wenn, besonders in der akuten Phase, einzigartige Umweltbedingungen und unzählige dringende Bedarfe spezialisierte Hilfen erfordern. Es seien weniger besondere oder außergewöhnliche Fähigkeiten nötig, sondern vielmehr ein fundiertes Verständnis und Bewusstsein dafür, wie sich Katastrophensituationen mit den Grundprinzipien der Sozialarbeit überschneiden. Zentral für ein resilienzförderndes und inklusives DRM sei das Verständnis, dass es eine nahtlose Verbindung zwischen der Sozialen Arbeit in allen Phasen des Katastrophenrisikomanagements geben müsse. Es gehe darum, Soziale Arbeit im Katastrophenfall als eine Form von Sozialer Arbeit (unter bestimmten Umweltbedingungen) zu betrachten und die Unterstützung im Zeitverlauf schrittweise an den neuen Alltag der Menschen anzupassen. Ein Experte (Nr. 18) bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Desaster Welfare is not something entirely separate from ordinary Social Work. Rather, it is Social Work practiced with a clear awareness of the distinctive circumstances and demands that disasters create.
Der Experte, der selbst auch Fortbildungen für Gemeinden zu genau diesem Thema anbietet, beschreibt drei Kernelemente, die aus seiner Sicht zentral für die katastrophenbezogene Soziale Arbeit im Rahmen eines resilienzfördernden und inklusiven Katastrophenrisikomanagements sind:
- Kontextualisierung: Entwicklung eines Verständnisses für die besonderen Umstände, die bei Katastrophen auftreten
- Prozessorientierung: Entwicklung einer langfristigen Perspektive auf die Auswirkungen von Katastrophen und einer wohlfahrtsorientierten Prävention mit Blick auf Schutzfaktoren
- Verankerung in den Kernprinzipien der Sozialen Arbeit
Allerdings werde in der theoretischen und praxisbezogenen Aus- und Fortbildung von Sozialarbeiter:innen und auch in der Professionalisierungsdebatte der Sozialen Arbeit die Katastrophen-Thematik noch zu wenig und zu unsystematisch einbezogen. Die Hochschulen würden zwar vermehrt, aber immer noch zu wenig, Module zur Desaster Social Work in ihre Ausbildung integrieren. Auch gebe es bisher noch keine standardisierten Curricula, Module oder Fortbildungskonzepte, die DRM systematisch in die Ausbildung von Sozialarbeiter:innen integrieren. Insbesondere die Kernelemente, die entscheidend für den Aufbau eines resilienzfördernden und inklusiven DRM sind (Kontextualisierung, Prozessorientierung und Verankerung in den Kernprinzipien der Sozialen Arbeit), würden kaum unterrichtet.
Insgesamt zeigen sich vor dem Hintergrund der viel intensiveren und konkreteren Praxiserfahrungen mit Sozialer Arbeit im Kontext von Katastrophen in Japan deutliche Unterschiede, aber doch auch viele Ähnlichkeiten mit dem deutschsprachigen Fachdiskurs. Einerseits ist das Bewusstsein für die Relevanz des Themas sehr viel höher, und in der Politik und Gesetzgebung ist die Rolle der Sozialen Arbeit, insbesondere bei der Bewältigung von Katastrophen, mehr und mehr angekommen. Auch in der Aus- und Fortbildung von Sozialarbeiter:innen ist Desaster Welfare präsent. Es gibt Praxisforschung und Langzeitstudien zu den Folgen von katastrophalen Ereignissen, evidenzbasierte Praktiken und einen fachlichen Diskurs. Die konzeptionelle Verankerung wird primär in den Kernprinzipien und Grundmethoden der Sozialen Arbeit gesehen (mit einer starken Sozialraum- und Gemeinwesenorientierung). Green Social Work ist dagegen laut meinen Expert:innen aus der Disziplin nahezu kein Thema im japanischen Fachdiskurs.
Andererseits zeigt sich auch in Japan, dass die Rolle und Expertise Sozialer Arbeit im Rahmen des Katastrophenrisikomanagements auf die Bewältigung und die erste Phase der Nachsorge verengt wird, also primär als reaktiv gesehen wird. Die hohe Relevanz der täglichen Sozialen Arbeit beim Aufbau und der Stärkung der Resilienz von Communities, die sich immer wieder als zentral für die Prävention erwiesen hat, wird zu wenig wertgeschätzt und systematisch einbezogen, kodifiziert und mit Ressourcen ausgestattet. Der Blick auf die Communities und deren Resilienz wirkt allerdings – so wichtig er ist – aus meiner Außenperspektive recht losgelöst von gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen, Problemlagen und Machtverhältnissen, wie der Klimakrise, der wachsenden sozialökologischen Segregation und den damit verbundenen Fragen von Umweltgerechtigkeit und Nachhaltigkeit.
3. Konturen eines sozialraumorientierten Katastrophenrisikomanagements
Abschließend sollen die Konturen eines sozialraumorientierten Katastrophenrisikomanagements entlang seiner vier Phasen umrissen und einige Überlegungen zur Umsetzung formuliert werden.
3.1 Vorbereitung
Zur Vorbereitung gehört zuallererst die Desaster Awareness. Anders als in Japan gehören katastrophale Ereignisse hierzulande für die allermeisten Menschen bislang nicht zum Erfahrungsschatz. In weiten Teilen der Bevölkerung sind Sensibilisierung für Gefährdungslagen und auch eigene Vorsorgeaktivitäten bislang eher relativ gering und steigen nur kurz nach akuten katastrophalen Ereignissen an; auch „Notfallkompetenz“ gibt es kaum (Treptow 2024, 10, 12).
Von Japan kann man lernen, dass die Erhöhung von Risikobewusstsein und -kompetenzen nicht an Verunsicherungsszenarien, sondern an Interessen, Erlebnissen und durchaus auch an Spaß und Spiel anknüpfen sollte. Dazu gehören etwa Workshops zur Aufklärung, Schulungen (Erste Hilfe, Rettung), Erlebnisse durch Simulationen und praktische Übungen.
Eine besondere Rolle spielt hier auch die Sensibilisierung von Nachbarschaften für ihre Gefährdungen und Ressourcen, was ein Thema der Gemeinwesen- und Sozialraumarbeit ist. Dabei ist ein partizipatives Vorgehen, die Einbeziehung lokalen Wissens und lokaler Prioritäten elementar. Gut ist auch, nützliche und kostenfreie Dienstleistungen und Produkte anzubieten, z. B. Notfall-Kits, Kurbelradios, Erste-Hilfe-Kurse, Umgebungserkundungen mit Kindern und Jugendlichen ohne Google Maps (japanische Kinder machen Desaster Mapping: Wie finde ich zum Schutzraum ohne Internet?).
Besonders gefährdete Gruppen sind Kinder, alte, behinderte, pflegebedürftige Menschen, deren Selbsthilfefähigkeiten nur gering sind. Hier sind die Einrichtungen in Verantwortung – und zwar nicht nur für ihre Nutzer:innen, sondern auch für die betreffenden Menschen in ihrer Nachbarschaft, die ambulant versorgt werden, denn diese werden, so zeigen die japanischen Erfahrungen, im Krisenfall bei ihnen Hilfe suchen. Kitas und Schulen sind ebenfalls wichtige Anlaufpunkte, oft sogar Notfallunterkünfte, und sollten sich darauf einstellen.
Damit zu rechnen ist auch, dass Fachkräfte ausfallen (weil sie selbst oder Angehörige betroffen sind) oder überlastet sind. Deswegen ist es geboten, einen Ressourcencheck in der Institution zu machen, fachliche interkommunale Unterstützungsnetzwerke zu entwickeln und sich auch darauf vorzubereiten, Freiwillige einzubinden und für Entlastungs- und Erholungsmöglichkeiten der Fachkräfte zu sorgen.
3.2 Bewältigung
Die Erfahrungen mit Katastrophen machen deutlich, dass besonders in der ersten akuten Phase gegenseitige Nachbarschaftshilfe und die Unterstützung durch Akteur:innen im Sozialraum eine zentrale Rolle für Rettung, erste Hilfe und Evakuierungen spielen. Die professionellen Kastastrophenhelfer:innen bauen Rettungsstrukturen auf, räumen Wege, beseitigen Schutt, leisten medizinische Nothilfe etc. Für andere Unterstützungsbedarfe fehlen anfangs oft die Kapazitäten, zumal die spezifischen Bedürfnisse auch erst ermittelt werden müssen. Hier sind soziale Fachkräfte und Freiwillige aus dem Sozialraum wichtige Akteur:innen. Die sozialen Einrichtungen vor Ort können zu wichtigen Knotenpunkten der Hilfe werden, besonders für diejenigen, die zuvor bereits dort angebunden waren. Sie können ihre Informationen teilen und lokales Wissen erheben. Kinder und Jugendliche brauchen besondere Aufmerksamkeit, da ihre Familien dies oft nicht leisten können.
Eine wichtige Aufgabe ist auch die Unterstützung bei der Organisation von Freiwilligen, die gerade in der Anfangszeit meist in großer Zahl ungeordnet angekommen. Hier zeigen die Befunde aus Japan, dass die Verbindung der Hilfen mit den konkreten Bedarfslagen vor Ort und die Partizipation der Betroffenen dabei zentral ist. Paternalismus kann die Wirksamkeit der Hilfen ins Gegenteil verkehren und Retraumatisierungen begünstigen. Hier bedarf es sensibler Anpassungen der wichtigen Hilfsbereitschaft an die sozialräumlichen Bedingungen. Die Erfahrungen zeigen, dass aufgrund der sozialökologischen Segregation in betroffenen Quartieren die Möglichkeiten der Selbsthilfe aufgrund von sozioökonomischer Benachteiligung und bereits vorher bestehenden Problemlagen oft geringer ausgeprägt ist (vgl. für die Hochwasserkatastrophe in NRW Genenger-Stricker/Lauscher 2025, 276); hier braucht es spezifische Unterstützung und Aktivierung.
Das japanische Beispiel zeigt auch, dass es zwar nützlich ist, bestimmte Abläufe und Zuständigkeiten im Vorfeld zu planen, im akuten Fall können diese aber auch den Handelnden vor Ort im Wege stehen. Die Risiko- und Organisationsforschung (vgl. Weick/Sutcliffe 2006) zeigt deutlich, dass Resilienz in solchen Situationen durch Flexibilität, das Wissen der Fachkräfte vor Ort und die Verlagerung von Entscheidungsbefugnissen auf die dortigen operativen Ebenen besser wiederhergestellt werden kann. In solchen Lagen sind Lebendigkeit und Flexibilität stärker als Stabilität (S. 519).
3.3 Nachsorge
Zuallererst geht es darum, die Öffentlichkeit und die Verantwortlichen für die Langfristigkeit des Unterstützungsbedarfs und deren psychosozialen Aspekte zu sensibilisieren. Sind Leben gerettet und sichtbare Schäden beseitigt, reduziert sich die Unterstützung schlagartig, obgleich der Bedarf noch da ist und – wie die Befunde aus Japan zeigen – durchaus nicht selten sogar ansteigt: Trauer um Verluste und Lebenspläne, Depressionen, familiäre Gewalt, Suchterkrankungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Suizidalität, Einsamkeit.
Soziale Arbeit verfügt über ein großes Repertoire an Methoden für lebensweltorientierte Unterstützung von Einzelnen, Gruppen und Familien, wie etwa traumapädagogische Ansätze zur Stabilisierung (vgl. Beushausen 2021; Gahleitner/Weiß 2022), Arbeit an der Salutogenese, um das beschädigte Kohärenzgefühl wiederherzustellen, zukunftsorientierte und aktivierende Beratungsansätze, Vernetzung, Förderung von Selbsthilfegruppen.
Ein besonderer Stellenwert kommt der Sozialraumarbeit zu. Orte der Begegnung und des Austausches, und seien es Zelte oder provisorische Bauten, die auch nützliche Dienstleistungen anbieten, können zum Nukleus gemeinschaftlicher Heilung werden. Sie können auch Interessen zusammenbringen und zu politischen Forderungen bündeln, die zum Ausgangspunkt für strukturbezogene Soziale Arbeit werden können. Hier kann sich Wut und Verzweiflung in zukunftsorientiertes Engagement umsetzen, das dafür sorgt, dass der Wiederaufbau partizipativ abläuft. „Methoden sozialräumlicher Arbeit und des Community Building/Development sind unerlässlich, um lokale Potenziale zu erkennen und gemeinsam mit den Menschen vor Ort wieder aufzubauen oder weiterzuentwickeln“ (Kaschlik/Wagner 2025, 4).
3.4 Prävention
Die Erfahrungen aus Japan zeigen eindrücklich, dass die Resilienz von Communities durch langfristige sozialraumbezogene Arbeit gestärkt werden kann, was sich im Falle desaströser Ereignisse als nützlich erweist. Dabei ist ein Mehrebenenansatz zielführend:
- Kern der sozialraumorientierten Präventionsarbeit ist der Aufbau von Vertrauensbeziehungen mit und zwischen den Menschen. Diese müssen keineswegs besonders eng sein, sondern eher eine Potenzialität für Unterstützung haben, wie die latenten Nachbarschaften (man kennt sich, ohne zu „glucken“), die im Notfall sehr handlungsfähig sein können.
- Brückenbildung zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen mittels transkultureller, intergenerationaler und genderbezogener Ansätze, denn es herrscht internationale Übereinstimmung darüber, dass „das Geschlecht ein entscheidender Faktor bei der Reaktion auf und der Resilienz gegenüber Katastrophen ist“ (Alston 2025, 16).
- Verantwortung für vulnerable Gruppen mit geringen Selbsthilfemöglichkeiten als Gemeinschaftsaufgabe sichtbar machen.
- Partizipation ernst nehmen. Das bedeutet, vorhandene Wissensbestände und Erfahrungen in die Präventionsarbeit einbeziehen, z. B. von geflüchteten oder alten Menschen, die schwierige Lagen überwunden haben. Auch gemeinsame Community Risk Assessments mit Begehungen oder die partizipative Entwicklung sozialraumbezogener Vorsorge- und Aktivierungspläne unter Einbindung lokaler Multiplikator:innen, Vertrauenspersonen sind Möglichkeiten.
- Soziale und bildungsbezogenen Einrichtungen und Treffpunkte / Third Places als Knotenpunkte für (potenzielle) Beziehungen und Vernetzung entwickeln, die an den Lebenswelten orientiert ist.
- Einfordern von kommunalen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die resiliente Communities ermöglichen und unterstützen, wie etwa Ausstattung mit Stellen für Gemeinwesenarbeit, Förderung von Third Places, Abbau von sozialökologischen Benachteiligungen, Partizipationsmöglichkeiten bei der Gestaltung der kommunalen Katastrophenschutzpläne.
- Zur Prävention gehört aus Sicht der Green Social Work nicht zuletzt der Einsatz für sozialökologische Nachhaltigkeit und die Arbeit für Umweltgerechtigkeit und den Abbau sozialer Ungleichheitsstrukturen und Machtverhältnissen, die die Exposition bei Gefahren erhöhen und die Bewältigungsfähigkeit reduzieren (vgl. Hay/Pascoe 2021, 1533).
3.5 Drei abschließende Gedanken zur Umsetzung
(1) Sozialraumorientiertes Katastrophenrisikomanagement der Sozialen Arbeit in die Entwicklung und Planung von Katastrophenschutz einbeziehen
Margaret Alston (2025, 20) formuliert vor dem Hintergrund ihrer langjährigen Forschung eindringlich: Es sei „von entscheidender Bedeutung, dass Sozialarbeiter:innen sicherstellen, dass sie bei der Katastrophenvorsorge, bei Sofortmaßnahmen und bei der Reaktion auf Katastrophen, die auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene entwickelt werden, eine zentrale Rolle spielen. Die Schwere der Folgen von Katastrophen erfordert, dass Sozialarbeiter:innen eine zentrale Rolle in globalen Planungsinitiativen, in Planungsgremien nationaler Regierungen, in Gremien für Katastrophenplanung und -vorsorge auf lokaler Ebene, in Erste-Hilfe-Teams und bei laufenden Bemühungen zur Wiederherstellung von Gemeinschaften spielen.“
Fachgesellschaften aus Forschung und Praxis der Sozialen Arbeit sollten regelhaft in die Weiterentwicklung bestehender gesetzlicher und strategischer Rahmenwerke, insbesondere kommunaler Katastrophenschutz- und Gefahrenabwehrpläne, Landes- und Bundesstrategien zum Bevölkerungsschutz, kommunaler Resilienz- und Klimaanpassungsstrategien und ebenso in Katastrophenstäbe einbezogen werden. Fachpolitisch ginge es darum, die Kompetenzen und Erfahrungen der Sozialen Arbeit im Umgang mit Unsicherheit und Krisen herausstreichen und Ressourcen für ihre Mitwirkung einzufordern.
Beim aktuellen deutlichen Ausbau des Zivilschutzes wären kritische Fragen hinsichtlich der Prioritäten einzubringen. Vor kurzem noch als Bevölkerungsschutz im Verhältnis zwischen sozialer Sicherung, zivilen und staatlichen Akteur:innen sowie individueller Vorsorge tituliert (vgl. Treptow 2024, 10), wird heute Katastrophenschutz in der politischen Diskussion primär im Kontext „Ziviler Verteidigung“ angesprochen. Demgegenüber wären die menschenrechtliche und inklusive Perspektive Sozialer Arbeit und die sozialraumorientierte Resilienzförderung starkzumachen. Es gilt, Bündnisse mit den Wohlfahrtsverbänden und zivilgesellschaftlichen Organisationen zu schmieden, die bislang ebenfalls kaum in die Gestaltung der „Sicherheitsarchitektur“ einbezogen wurden.
(2) Verankerung von sozialraumorientiertem DRM in den Praxisfeldern Sozialer Arbeit
Die Träger sozialer Dienste und die sozialen Einrichtungen sollten für die Relevanz des Themas sensibilisiert werden. In Kooperation mit den Arbeitsgemeinschaften und Interessenvertretungen könnten sie ihre Stärken herausarbeiten und sich ihrer Ressourcen im Katastrophenfall bewusst werden. Die Wohlfahrtsorganisationen, die reichhaltige Erfahrungen in der internationalen Krisenarbeit haben, könnten diese auch in die unterschiedlichen Felder ihrer heimischen Arbeit stärker einbringen. Fachliche sozialraumbezogene und übergreifende Netzwerke könnten ihre Expertise in der Prävention erkennen und ihre Notfallkompetenz weiter ausbauen. Auf kommunaler Ebene sollte es verbindliche Schnittstellen zwischen Sozialen Diensten und Katastrophenschutzbehörden geben, und die Kompetenzen Sozialer Arbeit sollten in kommunale Krisenstrukturen eingebunden werden (vgl. Jost 2026).
(3) Einbeziehung von Katastrophenrisikomanagement in die Ausbildung und Fortbildung der Sozialen Arbeit.
Zieht man die Auffassung japanischer Fachexpert:innen aus der Desaster Welfare in Betracht, so ist Soziale Arbeit im Katastrophenfall nichts anderes als gewöhnliche Soziale Arbeit unter sehr spezifischen Umständen. Prinzipien und Methoden sind vorhanden (vgl. Kap. 1) – was in Deutschland weitgehend fehlt, sind die notwendigen Kenntnisse über die Handlungserfordernisse in katastrophalen Umgebungsbedingungen, besonders in der akuten Bewältigungsphase und der darauffolgenden ersten Nachsorgephase. Es gibt deswegen Forderungen, inklusive Katastrophenhilfe und -vorsorge als Handlungsfeld Sozialer Arbeit zu entwickeln (vgl. Alston 2025, 20; Eick et al. 2025, 12).
Dazu gibt es bereits Empfehlungen und Erfahrungen mit der Einbeziehung entsprechender Inhalte in die Ausbildung und Weiterbildung von Sozialarbeiter:innen [11]. Genenger-Stricker und Lauscher (2023, 277) sehen vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen mit der Hochwasserkatastrophe in NRW z. B. folgende Inhalte als bedeutsam an: Green Social Work, Community Organizing, Arbeiten mit Gruppen, Gemeinwesenarbeit, Interessenvertretung, Lobbying, Gewaltfreie Kommunikation sowie Wissen über Gesetze und Verfahren im Katastrophenschutz. Da sich Green Social Work als konzeptioneller Ansatz etabliert hat, wäre hier ein geeigneter Anknüpfungspunkt für die Einbeziehung katastrophenbezogener Inhalte gegeben, weil diese ohnehin im Ansatz angelegt sind.
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Fußnoten
[1] Z. B. das interdisziplinäre und internationale Netzwerk „Connect4Resillience“, das Forschungsprojekt „Transformationswissen für die Katastrophenhilfe. Ein partizipatives Forschungsprojekt zur Flutkatastrophe 2021“ (vgl. https://www.transkat.de/das-forschungsprojekt/der-hintergrund/) oder der Fachtag „Soziale Arbeit als Katastrophenhilfe“ 2025 (vgl. Alakkad/Eick/Kirschner u. a. 2025).
[2] Vor dem Hintergrund zunehmender globaler Gefährdungen haben die Vereinten Nationen im Jahr 2000 das „United Nations Office for Disaster Risk Reduction“ (UNDRR) eingerichtet, bei dem seit 2015 die Umsetzung des „Sendai Framework for Disaster Risk Reduction 2015–2030“ im Mittelpunkt steht.
[3] In Forschung und Praxis werden teilweise unterschiedliche Begriffe verwendet, bisweilen auch leicht andere Phasierungen vorgenommen; im Kern überwiegen aber die Ähnlichkeiten. Ich verwende durchgehend im Folgenden diese Begriffe.
[4] Eine Bemerkung zur Verwendung von Begriffen: Im Text benutze ich bzw. die Gesprächspartner:innen „lokale Gemeinschaften / Communities / Nachbarschaften“ synonym genauso wie „Gemeinwesenarbeit / Community Work“. Außerdem verwende ich die Bezeichnung „sozialraumorientiert“ für Konzepte und Praktiken, die der Begriffsverwendung in Deutschland entsprechen (vgl. Kessl/Reutlinger 2010, 43f.) und die in Japan nicht verwendet wird. Aber seit 2018 findet dort ein Umbau des Hilfesystems zu einem Comprehensive Community Support System statt, der (mit deutlichem Schwerpunkt auf Alter, Gesundheit und Pflege) gewisse Ähnlichkeiten zur Dezentralisierung, Ambulantisierung und Sozialraumorientierung des Unterstützungssystems in Deutschland zeigt.
[5] Mein herzlicher Dank gilt Jamie-Lee Needham, der mich als Studentische Hilfskraft bei meiner Forschungsarbeit, besonders bei den Transkriptionen, unterstützt hat. Nachdem er verschiedene Tools getestet hatte (F4, Voice AI aus der AcadamicCloud und noScribe) haben wir uns für noScribe entschieden. Diese Software ist kostenfrei, open source und lokal, also datenschutzfreundlich anwendbar. Nach einigen Proben haben wir uns für eine Übertragung ins Englische entschieden und der Zuordnung zu einzelnen Sprechenden eine untergeordnete Priorität gegeben. Die Auswertung erfolgte entlang der verständlichen und plausiblen Inhalte.
[6] Darüber hinaus verfügt Japan über weitere spezialisierte Teams, darunter das Disaster Psychiatric Assistance Team (DPAT), das Japan Disaster Rehabilitation Assistance Team (JRAT) und das Disaster Health Emergency Assistance Team (DHEAT), das sich um Public Health-Themen kümmert, wie z. B. Hygiene und Sanitärversorgung, Infektionskontrolle, Trinkwasser- und Lebensmittelhygiene, Gesundheitsverwaltung.
[7] Es wird versucht, den Tourismus, der in dieser Pazifikregion ein bedeutsamer Wirtschaftszweig war, ebenso wie die Landwirtschaft, deren Produkte trotz starker Kontrollen und Bewerbung noch immer von manchen Verbraucher:innen gemieden werden, wiederzubeleben. Auch die Energiewirtschaft, inklusive der Atomkraft, soll wieder angekurbelt werden. Von einer Abkehr von Atomkraft ist jedenfalls – bis auf wenige Proteste von Aktivist:innen – kaum die Rede.
[8] Beispiel Tokyo: Die Tokyo Desaster Prevention Information bietet alle möglichen Hinweise für die Bevölkerung https://www.bousai.metro.tokyo.lg.jp/index.html und auf der Tokyo Metropolitan Prevention Map findet man aktuelle Wetter- und Katastropheninformationen zu Erdbeben, Tsunamis und Vulkanausbrüchen und zu Evakuierungszentren https://map.bosai.metro.tokyo.lg.jp/en.html?p=top. Außerdem gibt es die Tokyo Disaster Preparedness App, in der auch in verschiedenen Sprachen nach dem Konzept von Edutainment grundlegende Kenntnisse und Katastrophen-Informationen vermittelt werden „while having fun“.
[9] JOCA (Japan Overseas Cooperative Association) ist Teil einer internationalen Freiwilligen-Organisation, die im Bereich Community Work und Katastrophenhilfe in Japan arbeitet. Sie betreibt Freiwilligenzentren in Kooperation mit den Social Welfare Councils und unterstützt die lokale Bevölkerung, zunächst in den Evakuierungszentren, später in Notunterkünften, die sie auch bauen. Sie haben eine enge Kooperation mit Wohlfahrtsorganisationen und rd. 10.000 Freiwilligen.
[10] Dieses Konzept für ein komplexes Quartierszentrum mit Gemeinschaftsorten und Sozialzentrum ist nach schwierigen und langwierigen Prozessen nun als Pilotprojekt erstmalig in Japan auf dem Gelände einer provisorischen Unterkunft umgesetzt worden. Es kann rasch auf- und wieder abgebaut werden, aber auch danach bestehen bleiben.
[11] Beispiele: Wagner (2025) berichtet über Kerninhalte eines Online-Weiterbildungsangebots „Social Work in Disaster“ der BASW vor. Dort werden besonders auch kritische Ansätze und ethische Umgangsweisen sowie Selbstsorge unterrichtet. An der Katho Aachen gibt es ein zweisemestiges Seminar zu Methoden und Prinzipien Sozialer Arbeit im Katastrophenfall.
Zitiervorschlag
Harth, Annette (2026): Sozialraumorientiertes Katastrophenrisikomanagement. In: sozialraum.de (17) Ausgabe 1/2026. URL: https://www.sozialraum.de/sozialraumorientiertes-katastrophenrisikomanagement.php, Datum des Zugriffs: 03.06.2026




