Biographische Selbst-Verortungen räumlich denken
Potentiale für die biographische Kommunikation mit Jugendlichen
Kirsten Sander, Andreas Hanses
1. Jugendliche, Teilhabe und Räume
Die Frage, wie insbesondere Jugendliche mit Erfahrungen von geringeren Teilhabechancen unterstützt werden können, ist programmatisch eng mit Analysen zur räumlichen Segregation und Benachteiligung (u. a. Stadt/Land-Differenzen) sowie raumbezogenen Konzepten einer partizipativen Jugendarbeit verbunden (Deinet 2009; Krisch 2009). Auch der 17. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung fordert eine Verknüpfung von „konkreter Lebenssituation“ der Jugendlichen durch eine Jugendsozialarbeit, die eine gerechtere soziale Teilhabe durch „Entwicklungsräume“ als „Lebensräume“ (BMFSJ 2024, 379) absichert. Konzepte der sozialräumlichen Kinder- und Jugendarbeit stellen methodisch entwickelte Zugänge vor, die die Handlungsspielräume von Jugendlichen bestärken und erweitern können (u. a. Krisch 2009). Dabei werden Räume nicht als Container oder einseitig determinierende Struktur konzipiert, sondern unter der Akteur:innenperspektive in einer Wechselwirkung von Gegebenheit und Handlung als angeeignete Räume (vgl. u. a. Bingel 2008; Deinet 2014) verstanden, in denen Jugendliche die öffentlichen Räume selbstwirksam verändern können. Hieran anschließend lassen sich Verbindungen von raum- und bildungsbezogenen Fragestellungen entwickeln, die Bildungsprozesse von Jugendlichen als „Raumhandeln“ in differenten räumlichen Kontexten untersuchen (Grunert/Ludwig 2017). Dabei sollten nicht nur die konkreten Praxen der Raumaneignung im Fokus stehen, sondern auch die subjektiven Bedeutungszuschreibungen und Sinnbildungsprozesse, mit denen Jugendliche eigene, ihre Selbst- und Weltverhältnisse verändernde Handlungsräume herstellen (vgl. ebd., 31).
Die damit angesprochenen Zusammenhänge von Bildungsprozessen und Räumen sind für biographische Perspektiven bedeutsam: Soziale wie physische Räume werden in Lebensgeschichten durchschritten, belebt, verlassen und durch Bedeutungszuschreibungen in sozialen Interaktionen hergestellt. Räume begrenzen und ermöglichen in diesem Sinne biographische Erfahrungen. Ausgehend von „einer dualistischen Beziehung von Raum und Biographie“ (Rosenthal 2022, 27, Herv. i. Orig.), ist die wechselseitige Bedingtheit von biographischen und räumlichen Konstruktionen relevant: „(N)icht der Raum an sich hat eine Wirkung auf die Biographie, sondern der durch die miteinander verflochtenen (und sich verflechtenden) Individuen geschaffene Raum“ (ebd., 28). Räume sind in diesem Sinne grundlegend als Rahmen zu verstehen, in denen Verwerfungen und Anschlüsse biographisch gestaltet werden müssen (vgl. Sander 2022).
Ausgehend von Erkenntnissen aus einer Praxisforschung mit Jugendlichen in der Berufsausbildungsförderung soll weitergehend gefragt werden, in welcher Weise das in den narrativen Erzählungen rekonstruierte Raumhandeln als Ankerpunkt für die biographische Kommunikation mit Jugendlichen aufgegriffen werden kann, die verringerte Bildungsteilhabechancen erleben und erfahren.
Zunächst stellen wir kurz den Praxisforschungskontext und nachfolgend eine exemplarische Analyse eines Interviewausschnitts vor (2). Hieran anschließend reflektieren wir weitergehende raum- wie biographietheoretische Konzeptionen, die relationale Räume als „biographische Selbst-Verortung“ (Dausien 2012; Sander/Hanses 2013) [1] reflektieren (3). Abschließend werden Herausforderungen wie Potentiale einer biographischen Kommunikation zu Raumhandeln skizziert (4).
2. Exemplarische Analyse aus einer Praxisforschung mit Jugendlichen in der Berufsausbildungsförderung
Die hier zugrunde gelegte Praxisforschung wurde im Rahmen des Modellprojekts „BodyGuard“ – Das Gesundheitsförderungsprogramm für Jugendliche“ des Internationalen Bundes (IB) durchgeführt. Das Projekt bezieht sich auf die in der Sozialen Arbeit geführte Debatte um Gesundheit und Gesundheitsförderung (vgl. u. a. Homfeldt/Sting 2006; Hanses/Sander 2010). Die Jugendlichen wurden innerhalb ihrer schulisch-beruflichen Lebenswelt von den Sozialarbeiter:innen zu einer ihren persönlichen Interessen folgenden freiwilligen Teilnahme an Gesundheitsförderungsprojekten innerhalb der Ausbildungszeiten eingeladen. Während unsere Analysen in einer ersten Erhebungsrunde auf die (Nicht)Nutzungsweisen, Handlungsmuster und Perspektiven der Jugendlichen zu den Angeboten der Gesundheitsförderung zielten, fokussierten wir in einer zweiten Erhebungsphase auf die biographischen Aneignungsformen der Jugendlichen mit denen sie sich mit (neuen) Lebenswelten und Themen in ein Verhältnis setzen – wie hier exemplarisch der Gesundheitsförderung. Insgesamt haben wir 19 als biographisch-narrative angelegte Interviews mit acht weiblichen und 11 männlichen Personen im Alter von 16 bis 19 Jahren erhoben. Die Interviews haben eine Dauer von 20 Minuten bis zu einer Stunde (vgl. Sander/Hanses 2013).
In den Auswertungsprozessen des empirischen Materials ließen sich Spezifika in der biographischen Erzählweise der Jugendlichen herausarbeiten: Obgleich von der Bildungsinstitution, die den Übergang zwischen Schule und Berufstätigkeit strukturieren will, den Jugendlichen die Entwicklung von eigenen (Zukunfts-)Perspektiven in verschiedener Weise abverlangt wird (Beratungsgespräche, Orientierungspraktika, Entscheidung für berufliche Handlungsfelder, Bewerbungstrainings etc.), sind die Erzählungen zu der eigenen Zukunft in sich widersprüchlich, brüchig oder gar phantastisch. Stark von außen auf die Jugendlichen einwirkenden Beschlüsse relevanter Anderer (Eltern, Agentur für Arbeit, Institution der Berufsausbildungsförderung) bestimmen Entscheidungen in dominanter Form; die Qualität der in diesen Setzungen gemachten Erfahrungen im Sinne einer biographischen Erfahrungshaltung (vgl. Schütze 1984) wird in den Erzählungen kaum deutlich. Die biographischen Erzählungen bleiben in sich fragmentarisch, d. h. sie sind nur in geringer Form durch Ereignisverkettungen strukturiert, die Erfahrungshaltungen rekonstruierbar machen können, z. B. als institutionelles Ablaufmuster oder handlungsschematische Erfahrungshaltung (vgl. Schütze 1984, 92).
In der Analyse und Rekonstruktion der narrativen Interviews fiel uns zudem eine starke räumlich-örtliche Ausgestaltung der biographischen Erzählungen auf: Nicht zeitliche Markierungen und damit verbundenen Entwicklungsprozessen organisieren das biographische Erzählen, sondern Orte. Eine vordergründig quasi zeitlose, in sich brüchige Darstellungsweise, führte zu weitergehenden Fragestellungen, die wir im Folgenden erneut aufgreifen möchten: Wie erzählen die Jugendliche ihre Lebensgeschichte? Was ist die in dieser Erzählweise liegende biographische Erfahrungsqualität? Wie lässt sich hieran kommunikativ anschließen?
Im Folgenden stellen wir exemplarisch zwei dieser „biographischen Ortsgeschichten“ aus einem Interview vor, um die spezifischen Eigenschaften der Erzählungen zu veranschaulichen. Der interviewte Jugendliche, Stefan, befindet sich im zweiten Lehrjahr zum Holzbearbeiter in der Berufsausbildungsförderung. Während der Woche lebt er im Internat der Einrichtung und ist nur am Wochenende zuhause bei seinen Eltern. Am Beginn des biographisch-narrativen Interviews wird Stefan gebeten, sein Alter zu nennen. Er antwortet: „Ich bin jetzt, also vorigen Monat 19 Jahre geworden. Und bin halt noch bei der Freiwilligen Feuerwehr in N-Dorf.“
Mit dieser Überschrift, die das eigene Lebensalter mit der Zugehörigkeit zur „Feuerwehr“ verbindet, werden unterschiedliche Verweise auf den Raum eingeleitet und sozialen Platzierungen erzählt.
„Na ja, als Schüler war ich auf der Förderschule gewesen. Und da habe ich halt die erste Zeit habe ich, sind wir von E-Dorf, wo ich erst, wo ich aufgewachsen bin, wo ich in den Kindergarten gegangen bin, sind wir dann ja nach O-Dorf gezogen, sprich, nach D-Dorf. Und da dann halt zwei Jahre gewohnt. Dann sind wir nach P-Dorf, nach P-Dorf gezogen, also sprich, einen Ort weiter. Sind in P-Dorf zweimal umgezogen. Das ging ja noch, da hatte ich den Weg nicht so weit zur Schule, da brauchte ich bloß einmal aus der Tür gehen und wie man so sagt, einmal hinfallen und ich bin da. Und dann sind wir halt nach N-Dorf gezogen, weil, ein Kumpel von mir damals zu mir gesagt hat, der war, der wohnte schon in N-Dorf, der meinte, ich bin bei der Jugendfeuerwehr und da wollte ich mir das eigentlich bloß mal angucken. Na ja, und wie die halt, wie die Leute halt so gut in N-Dorf sind bei der Feuerwehr, meinten sie, ‚Ach komm mal Kerl, mach mit.’ Habe ich halt mitgemacht, das ging dann ein Jahr so, dass ich immer von P-Dorf dann nach N-Dorf gefahren bin, bei der Feuerwehr war, Jugendfeuerwehr. Und dann hab ich halt zu meinen Eltern gesagt, wie wär’s, wenn wir nach N-Dorf ziehen.
Und meine Eltern, weil die Probleme mit dem Vermieter hatten, meinten, die wollten dann ja sowieso umziehen, aber hatten sich eigentlich schon eine Wohnung in P-Dorf wieder ausgeguckt. Da habe ich gesagt, wie wäre es denn, wenn wir schlau sind und halt nach N-Dorf ziehen. Da ist bestimmt auch irgendwo eine Wohnung frei. Und es war auch eine frei. Da sind wir halt jetzt sind wir halt nach N-Dorf gezogen. Ich konnte wieder, ich konnte zur Feuerwehr gehen, ich konnte zur Feuerwehr gehen und meine Eltern hatten halt dann da auch ein bisschen Arbeit gefunden. Das jetzt schon nicht so ist. Jetzt macht meine Mutter 1,50 und mein Vater sitzt halt zurzeit daheim. Und na dann sind wir in N-Dorf noch einmal umgezogen und wohnen halt jetzt seit 2005 in N-Dorf. Und da bin ich halt von N-Dorf immer nach O-Dorf in die Schule gefahren.“
Die zunächst mit einer Abfolge der Institutionen (Kindergarten, Schule) begonnene Geschichte ist durch eine Vielzahl von familiären Umzügen geprägt, die durch Arbeits- und Wohnungssuche der Eltern entstehen. Mit der Einführung des biographischen Orientierungspunkt „Feuerwehr“ entsteht eine vorrübergehende eigene temporale Logik in den Ortswechseln der Familie, in der Stefan sich als Impulsgebender, der eigene Interessen verfolgt, einbringen kann: „Wie wäre es, wenn wir schlau sind und nach N-Dorf ziehen.“ Es entsteht kurzfristig eine Win-Win-Situation, in der er selbst in die ersehnte Nähe zur Feuerwehr gelangt und seine Eltern Arbeitsmöglichkeiten nutzen können.
Der in der Erzählung aufgespannte soziale Raum „Feuerwehr“ ist einladend und sozial verbindlich, es sind „die Leute“, die zum Mitmachen einladen: „Na ja, und wie die halt, wie die Leute halt so gut in N-Dorf sind bei der Feuerwehr, meinten sie, ‚Ach komm mal Kerl, mach mit.’ Habe ich halt mitgemacht.“ Stefan nutzt eine Gelegenheit, die sich ihm bietet und macht für sich etwas daraus. Die Feuerwehr wird zudem als ein positiver Geschlechterraum konzipiert: Die „guten Leute“, die ihn als „Kerl“ ansprechen und die „gute Kameradschaft“ beziehen sich auf Männlichkeitskonstruktionen, die einen positiv konnotierte, homogenen Zugehörigkeitsraum bestätigen.
Die Ortsgeschichte ist eine Geschichte der Annäherung und schließlich der Besetzung des sozialen Raums „Feuerwehr“. Die Erzählung zeigt einen Prozess der Annäherung und mündet in einer positiven Bilanz: Stefan hat seinem Leben eine bedeutsame Richtung geben können und dabei seine Familie sozusagen „mitgenommen“.
Während in der Umzugsgeschichte eine neue biographische Orientierung dargestellt werden kann, lässt sich in einem anderem Erzählausschnitt die konkrete, körperlich-leibliche Praxis vor Ort rekonstruieren. Stephan erzählt von einem „ersten Einsatz“, bei dem er mitfährt:
„Ich renn vor. Hier hieß es, wir brauchen unbedingt PA-Träger [Pressluft-Atmer, Atemgerät, welches bei starker Rauchentwicklung notwendig ist und eine spezielle Ausbildung erforderlich macht]. Da war zwar einer gewesen, der hatte das zwar auch, aber der braucht eine Maskenbrille [Zusatz für Brillenträger]. Ich ja eigentlich auch, hab auch noch keine. Hab mich dann aber trotzdem auf den Platz gesetzt, dass ich dann halt mit rein konnte. Weil, waren ja wenige Leute an dem Tag, der Rest war alles arbeiten, hatten gerade so ein Auto vollgekriegt. Da sind wir rübergefahren und da hieß es halt, der Angriffstrupp, der ich dann war, mit PA rein zur Menschenrettung. (…) Und da schlägt das Herz schon noch ein bisschen. Weil man ja trotzdem meint, noch mal alles im Kopf durchgeht, was muss ich machen, mach ich das, wie mache ich das und mache ich das richtig?“
Eine Bewährungsprobe wird durchstanden. Stefan ergreift selbst die Initiative, „setzt sich trotzdem auf den Platz“, obgleich ihm ebenso wie einem Kollegen, eigentlich die notwendige Ausstattung, d. h. die „Maskenbrille“ für diese Sitzposition im Feuerwehrauto fehlt. Er meistert die Situation und setzt für sich durch, ‚der richtige Mann, zur richtigen Zeit‘ setzt sich an den richtigen Platz. Die Erzählung belegt, dass Stefan die Eigenschaften des sozialen Raums sehr genau für sich einschätzen kann. Die unter hohem Zeitdruck – es geht um die Rettung von „Menschenleben“ – eingenommene körperliche Platzierung im Feuerwehrauto, führt zu einer quasi zwangsläufigen Platzierung im Einsatzgeschehen: „Hab mich dann aber trotzdem auf den Platz gesetzt, dass ich dann halt mit rein konnte.“ Mit dem Wissen um die hierarchische soziale Ordnung des Raums bindet sich Stefan als selbstständiger Handlungs- und Verantwortungsträger ein: Die zunächst durch relevante andere („die guten Leute“) erfolgte Einladung und die daraus resultierende räumliche Annäherung der Familie an den Feuerwehr-Ort können in der Erzählung als offensive körperlich-räumlichen Platzierung im Feuerwehrauto realisiert werden. Der spontane körperliche Akt, das auf den Platz setzen, macht ihn symbolisch zu einem „richtigen Feuerwehrmann“. In der biographischen Erzählung entwirft Stefan einen sozialen Raum, in dem er erfolgreich um seinen Platz „kämpft“ bzw. in selbstredend für sich in Anspruch nehmen kann, ohne dass Widerspruch erfolgt. Die Feuerwehr bietet für Stefan einen sozialen Raum, in dem er vor allem im „Einsatz“ seine Männlichkeit unter Beweis stellen kann.
Die in den Erzählungen von Stefan rekonstruierten Bewegungen im Raum heben das hohe Potential des sozialen Raums „Feuerwehr“ für gesellschaftliche Partizipation und persönlicher Verantwortungsübernahme hervor. Entscheidend für die exemplarisch vorgestellte biographie- und raumanalytische Rekonstruktion ist, wie der Erzähler einen für sich relevanten sozial-räumlichen Raum aufspannt und darin Selbstwirksamkeit belegen kann. In dem erzählerisch entworfenen Raum Feuerwehr sind Partizipation und Anerkennung durch physische Nähe, sozialer Verbindlichkeit und Platzvergabe organisiert. Es wird ein biographischer Beziehungsraum aufgespannt, der beides ist: sozial (stark) strukturiert und offen für die eigenen subjektiven Bezugnahmen. Hierin liegt die besondere Qualität des Raums als biographischer Handlungsraum.
3. Biographische Selbst-Verortung als Raumhandeln
Die exemplarische Analyse der biographischen Erzählungen von Stefan zeigt, wie soziale und gesellschaftliche Konstruktionsprozesse von Biographien im und durch Raumhandeln verbunden werden. Dabei ist uns die spezifische Form der biographischen Kommunikation bedeutsam: Lebensgeschichten als „biographische Konstruktionen“ zu begreifen, ermöglicht den Blick auf die Strukturiertheit wie das Strukturierende des biographischen Erzählens (vgl. Hanses 2003). In den Erzählungen des Jugendlichen wird ein spezifisches, biographisches Kommunikationsformat erzeugt, welches biographisches Gewordensein quasi ‚entzeitlicht‘ und vor allem an Handlung im Raum bindet. Das hierin rekonstruierte Raumhandeln ist in zweifacher Weise für die biographische Kommunikation relevant: Als erzählbare Handlung an konkreten Orten, in denen biographische Erfahrungen gemacht werden sowie als verräumlichte Form der Selbstpräsentationen, die wir als biographische Selbst-Verortung fassen. Der „Ort des Geschehens“ und die darin lokalisierte Handlungspraxis wird zum zentralen Erzeugungsprinzip biographischer (Selbst-)Verständigung sowie zur Auseinandersetzung mit und Reformulierungen von gesellschaftlichen Platzierungen. In der Geschichte von Stefan sind die räumlichen Selbst-Platzierungen durch Männlichkeitskonstruktionen und einem durch soziale Verbindlichkeit und Bewährung hierarchisch strukturierten ländlichem Zugehörigkeitsraum strukturiert.
Die in den Erzählungen des Jugendlichen aufgespannten biographischen Räume sind nicht nur als Bedingungs- und Ordnungsrahmen sozialer Prozesse zu verstehen, die die eigenen Entwicklungsprozesse im Sinne eines „verstärkende[n] oder abschwächende[n] Resonanzboden[s]“ (Schütze 1984, 98) konkretisieren, sondern verweisen zudem darauf, dass das ortsgebundene, körperlich-leibliche Raumhandeln für den interviewten Jugendlichen eine eigene biographische Strukturierungsfunktion besitzt. In den narrativen Selbst-Konstruktionen werden Räume und Gegenstände zu „gestaltgebenen Instanzen“ [2]; sie ermöglichen es den Erzählenden den Handlungsverlauf und die darin erzählten Ereignisse zu einer biographischen Erfahrung zu verdichten. Diese eigensinnige Verbindung von biographischen und räumlichen Erzählen ist nicht nur für Biografieforscher:innen sondern auch für Ansätze der Biographiearbeit in der Sozialen Arbeit (vgl. Sander 2023) und für biographische Kommunikationsanlässe mit Jugendlichen bedeutsam.
Ausgehend von der relationalen Raumtheorie ist es sinnvoll, zunächst begrifflich zwischen Raum und Ort zu unterschieden. Während physische Orte die materiell ausgestatteten Gegebenheiten sind, an denen die für die Herstellung von Raum relevante Lebewesen und Güter platziert werden („Spacing“), werden Räume durch komplexe Handlungs- und Wahrnehmungsmustern hergestellt („Syntheseleistungen“) und als relationale Anordnungen von Gegenständen und Menschen an Orten gebildet (Löw 2001: 198 ff.). Während Prozesse des Spacing häufig im Fokus von Untersuchungen zu Jugendlichen stehen (u. a. als Raumaneignungen) ist die Frage nach und die Verbindung mit den Syntheseleistungen, die Räume erst zu symbolisch bedeutsamen Handlungsräumen machen, bisher in den Analysen unterrepräsentiert (vgl. Grunert/Ludwig 2017, 31). Biographisch narrative Interviews bieten hier einen wichtigen Zugang, um das Raumhandeln von Jugendlichen zu erforschen. Unterschiedliche (Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, Erinnerungs-)Räume können den einen, erzählerisch markierten Ort kennzeichnen. Die im Interviewbeispiel aufgegriffenen Bewegungen und Sinnzuschreibungen sind in diesem Sinne beides: Spacing und deutliche symbolische Markierungen („der eingenommene Platz“) sowie Syntheseleistungen, die hier einen autonomiefördernden und anerkennungsstarken Handlungsraum hervorbringen („meine Feuerwehr“). Der biographische soziale Raum entsteht durch die Sinnkonstruktionen im Erzählen selbst und formiert sich durch die Erinnerung und Deutungen der Erzähler:innen. In den rekonstruierten Prozessen der Selbst-Verortung sind die Prozesse der Platzierung als auch der Synthese des Raumes als biographisch relevanten Raum eng miteinander verbunden. Hier liegen Ansatzpunkte, in dem die Jugendlichen Handlungspotentiale entwickeln können. Weidenhaus/Norke (2021) weisen darauf hin, dass das hier ein bisher weitgehend ungenutztes Potential in der Verbindung von biographieanalytischen und raumsoziologischen Erkenntnissen liegt: „Aus dieser Perspektive halten Orte Raum und Zeit zusammen und gewinnen eine symbolische Bedeutung. Dabei entstehen Orte dadurch, dass Subjekte mithilfe von Verortungen auf diese Bezug nehmen.“ (vgl. Weidenhaus/Norkus 2021, 156). [3] Die vorgestellten Ortsgeschichten halten in diesem Sinn Raum und Zeit zusammen. Aus der biographischen Analyseperspektive kann die Frage umgedreht werden: Im Fokus steht dann nicht, wie Subjekte auf Orte Bezug nehmen und ihnen damit eine biographische Gestalt geben, sondern wie sie die Orte zu symbolischen (Handlungs)Räumen in ihren narrativen Selbstkonstruktionen „verbauen“.
Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus den exemplarischen Analysen für eine biographische Kommunikation mit den Jugendlichen ziehen? Abschließend sollen zwei unterschiedliche Anschlüsse zu Funktion und Potential biographischer Ortsgeschichten kurz umrissen werden.
4. Herausforderung für die biographische Kommunikation
Die herausgearbeitete Selbstpräsentation des Jugendlichen und auch weiterer in unseren Interviews Befragten stellt eine biographische Kommunikation vor Herausforderungen, da die mit der Erzählung verbundene Erfahrungshaltung oft wenig greifbar ist. Die in den szenischen Beschreibungen erkennbare neu gewonnene Handlungsautonomie ist kaum eingebunden in eine temporale Geschichte des Gewordenseins, der Bilanzierung von Erfahrung oder der Entwicklung von Zukunftsperspektiven. Diese fehlende temporale Struktur in den biographisch-räumlichen Erzählungen lässt sich an Erkenntnisse aus einer Studie von Gunter Weidenhaus (2015) zu „biographischen raumzeitlichen Weltbezügen von Postwachstumsgesellschaften“ (ebd., 1) anschließen. In der Studie wurden aus biographisch-narrativen Interviews sog. „Raumzeitkonstitutionen“ zu einer Typologie verdichtet. Der „inselhaft-zyklische Typ“ beschreibt ähnlich zu unseren Ergebnissen Menschen, die sich jenseits der Chronologie von Lebensereignissen erzählen. [4] Dieser Typus ist in seinem Verhältnis zur Welt nach Weidenhaus auf gut überschaubare, nach außen abgegrenzte, vor allem private Räume begrenzt, in welcher Selbstwirksamkeit durch zyklische, sich wiederholende Handlungen entfaltet und Zufriedenheit mit dem Jetztzustand als Ausdruck eines selbstidentischen Lebens erreicht ist. Da diese Menschen in ihrer Selbstkonstitution die gesellschaftlichen Steigerungserwartungen nicht bedienten, würden sie im Kontakt mit staatlichen institutionellen Akteuren wenig Anerkennung erfahren, abgewertet und unsichtbar gemacht werden (ebd., 10ff.).
Schließt man unsere Ergebnisse an die Typologie an, stellen sich für die biographische Kommunikation wichtige Fragen: Wie können die in den Ortsgeschichten liegenden Selbstwirksamkeitserfahrungen kommunikativ aufgegriffen werden, ohne die Selbst- und Weltverhältnisse der Jugendlichen im Sinne einer in den institutionellen Förderkontexten implementierten (Steigerungs-)Pädagogik abzuwerten? Wenn auch bei den Jugendlichen mit geringen Teilhabechancen, die „am Rande der Gesellschaft“ (ebd.) platziert sind, eine Zufriedenheit mit dem erreichten Jetztzustand rekonstruiert wird: wie ist dieser in sozialarbeiterischen Beziehungen anzuerkennen?
In einem erziehungswissenschaftlichen Verständnis von biographischen Lern- und Bildungsprozessen (vgl. Alheit 1992; Dausien 2008; 2017) lassen sich weitergehende Anknüpfungspunkte finden, die die räumliche Strukturiertheit der biographischen Erzählung sichtbar machen und bestärken können. Die Frage, wie daraus ein Zugewinn für das Subjekt wird, ist nicht an Steigerungslogiken, sondern an eigensinnige, subjektive Sinnkonstruktionen geknüpft, mit denen neue Erfahrungsräume entstehen können. In welcher Weise sie eine Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten eröffnen, muss prinzipiell offenbleiben. In den Prozessen der Selbst-Verortung lassen sich biographische Lernprozesse beschreiben, in denen Orte zu relevanten sozialen Räumen werden, die Anerkennung und Zugehörigkeit vermitteln können. Erzählungen zu Orten und den darin stattfindenden Handlungen als bedeutsame Grundlage einer biographischen Kommunikation zu nehmen, bietet die Möglichkeit, Raumhandeln nicht nur als körperlich-leibliche Aneignung und (Um-)Nutzung von Räumen zu verstehen, sondern darüber hinaus, die in den Geschichten liegende Herstellung des sozialen Raums im Sinne eines Möglichkeitsraumes zum Thema zu machen.
Unsere Ergebnisse heben hervor, dass die biographischen Konstruktionen von sozialen Räumen für die Jugendliche bedeutsame Anlässe der Partizipation und Verantwortungsübernahme beinhalten. Während die Jugendlichen potentiell beständig von massiven Eingriffen in ihren eigenen sozial-räumlichen Platzierungen betroffen sind, z. B. durch Umzüge oder „Maßnahmen“, in die sie „hineingesteckt“ werden, können sie in dem rekonstruierten Raumhandeln wichtige, sie in ihrer Handlungsautonomie bestärkende Selbstpositionierungen weiterentwickeln. Für die biographische Kommunikation mit den Jugendlichen sind Anlässe wichtig, in denen sie über ihre relevanten Orte Geschichten erzählen können. Sozialraumorientierte Methoden können hier einen Einstieg bieten, in welchem Visualisierungen das Erzählen unterstützen (vgl. Reutlinger 2008; Deinet 2009). Die Erzählungen dessen, was sie dort tun, wie sie sich dort als handelnd und nicht handelnd verstehen, welche Interaktionsbezüge, soziale Regeln und Verständigungen, den Ort zu einem biographischen Raum machen, können im und durch Erzählen zu wichtigen Reflexionspunkten führen, die Möglichkeiten eröffnen. Biographisches Raumhandeln in dieser Weise als zentral für die biographische Kommunikation mit Jugendlichen mit verminderten Teilhabechancen zu nehmen eröffnet eine wichtige Chance, ihre Autonomie und Verständigung mit sich selbst und ihrer Welt zu stärken.
Literatur
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Fußnoten
[1] Mit dem Terminus schließen wir an Bettina Dausien (2012) an, die für die Unterschiede sowie die wechselseitige Bedingtheit der sozialen Konstruktionsprinzipien von Biographie und Geschlecht auf die Notwendigkeit biographischer Selbst-Verortung verweist. Während Geschlechterkonstruktionen auf gesellschaftliche Typisierungen und entindivualisierende Verortungen verweisen (müssen), folgt „die biographische Selbst-Verortung (...) nicht einer binären Logik, sondern einer auf individuelle Entfaltung und Besonderheit angelegten temporalen Sinnstruktur“ (Dausien 2012, 170).
[2] Hier ließen sich weitergehende Anschlüsse an Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie herstellen.
[3] Weidenhaus/Norkus (2021) verweisen neben eigenen Studien hier vor allem auf Becker (2019) der am Beispiel von Jerusalem mittels biographisch-narrativer Interviews untersucht, wie Orte „neben ihrer Bestimmung durch Materialität auch durch die Interpretationen und Handlungen der Akteur:innen konstruiert sind“ (Becker 2019, 8ff.). Wir gehen sozusagen den umgekehrten Weg und Fragen nach der symbolischen Bedeutung der Materialität innerhalb der biographischen Erzählungen.
[4] Neben dem hier aufgegriffenen „inselhaft-zyklischen Typ“ beschreibt Weidenhaus (2015) den „konzentrisch-linearen Typ“, der als „Referenztypus der Moderne“ das Leben als selbst durch Planungen und Entscheidungen gestaltet und das eigene Gewordensein linear konstruiert (ebd., 7) und den „netzwerkartig-episodischen Raumzeit-Typen“, der sich projektgebunden, episodisch biographisiert, wobei Abbrüche als normale, nicht weiter in einen Anschluss zu bringende Gegebenheiten aufgefasst werden. „Die eigene biographische Zukunft wird kaum konkretisiert und die Vergangenheit in viel stärkerem Maße hinter sich gelassen, als bei linearen Konstitutionen von Lebensgeschichtlichkeit.“ (ebd., 8)
Zitiervorschlag
Sander, Kirsten und Andreas Hanses (2026): Biographische Selbst-Verortungen räumlich denken. In: sozialraum.de (17) Ausgabe 1/2026. URL: https://www.sozialraum.de/biographische-selbst-verortungen-raeumlich-denken.php, Datum des Zugriffs: 03.06.2026
